Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 5 (4.2.1898)
- Article
- Für die Juden
- Date
- 1898-02-04
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 5 Seite 5 nichts Besseres, als in das Jahr Tausend zurückzukehren, die Verfolgungen wieder aufzunehmen, neuerdings einen Kreuzzug zu predigen, damit die Juden vertrieben, beraubt, in Stücks zerhauen werden, wollt sie, mit Wuth im Herzen, wie Sieger die Besiegten 'behandeln. Wahrlich, Ihr seid intelligente Kerle und habt eine hübsche Aussassung von der menschlichen Gesellschaft! Nun denn, Ihr seid mehr als zweihundert Millionen Katholiken, man zählt kaum fünf Millionen Juden, und Ihr zittert vor ihnen, rufet die Gensdarmen herbei, stoßet ein erschütterndes Schreckensgeheul aus, als ob Schwämne von Plünderern das Land überfallen hätten; das nenne ich Muth besitzen! Fähigkeiten anzueignen, um sie mit ihren eigenen Waffen zu bekämpfen. — Mein Gott, höret doch auf, sie unnützerweise zu beschimpfen, und besiegt sie, indem Ihr es ihnen zuvorthut. Nichts ist einfacher, es ist das Lebensgesetz. Welche stolze Beftiedigung mag ihnen Euer Jammergeschrei verursachen!! Eine so verschwindende Minorität zu sein und eine so große Kriegsentfaltung zu verursachen! Alle Morgen zerschmettert Ihr sie, lasset Ihr verzweiflungsvolle Allarmsignale ertönen, als ob die Stadt in Gefahr wäre, im Sturm genommen zu werden. Wenn man Euch hört, müsste man wieder das Ghetto einführen, müssten wir wieder eine Judengasse haben, welche abends mit Ketten abgeschlossen wird. Wie liebenswürdig wäre eine solche Quarantaine in unseren offenen, fteien Städten! Emile Die Bedingungen eines Kampfes scheinen mir sehr annehmbar; warum seid Ihr auf dem Kampfplatz des Geschäftes nicht ebenso intelligent, nicht ebenso tüchtig wie sie? Als ich einen Monat lang an die Börse ging, um das Getriebe daselbst zu studieren, da sagte mir ein katholischer Banquier, als er von den Juden sprach: „O, mein Herr, sie sind tüchtiger als wir, sie werden uns immer schlagen." Wenn dieses wahr wäre, dann wäre es demüthigend. Aber warum sollte es wahr sein? Mag diese Begabung det Juden thatsächlich bestehen, nichtsdestoweniger vermögen Arbeia und Intelligenz Alles. Ich kenne bereits jetzt Christen, welche recht distinguirte Juden abgeben. Das Feld ist frei, und wenn die Juden Jahrhunderte hatten, um das Geld lieben und es erwerben zu lernen, braucht Ihr ihnen auf diesem Gebiete nur zu folgen und Euch ihre Zola. Ich begreife es, dass sie ruhig bleiben und forrfahren, auf dcn^Geldmärkten zu herrschen; denn der Schimpf, der ihnen angethan wird,'.ist wieder legendarische Pfeil, welcher, vom bösen Schützen verwendet zurückfliegt und dessen eigenes Auge trifft. Fahret nur fort, sie zu verfolgen, wenn Ihr wollet, dass sie fortfahren zu siegen! Die Verfolgung! Seid Ihr ^wirklich Jnoch dabei? Ihr lebet noch immer in der famosen Einbildung, dass man die Menschen, welche man verfolgt, unterdrücken kann? Ei, da seid Ihr im Jrrrhum, das ist gerade das Gegentheil; keine Sache ist je gewachsen, wenn sie nicht mit Märtyrerblut begossen wurde. Wenn es noch immer Juden gibt, so ist dies Eure Schuld, sie wären längst verschwunden, längst verschmolzen, hättet Ihr sie nicht gezwungen, sich zu vertheidigen, sich zusammenzuthun, und aus ihrer Rasse zu bestehen.