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Die Welt · 1898-01-28 · 4 (28.1.1898) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
4 (28.1.1898)
Article
[Kommentar]
Date
1898-01-28
Page
15 (sequence 3)
Language
German
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entfernt, unb von da aus führt ein guter Wagen-Landweg nach Carson City. Schon haben die ersten Coloniften sich mit allem Eifer daran gemacht, Alfalfagras in großem Maßstabe anzubauen und 22 Acres des Landes mit Obstbäumen zu bepflanzen. Viele andere Dinge sollen natürlich später an die Reihe kommen. Es gehören übrigens zu den Coloniften nicht bloß Landbauer, sondern auch Handwerker aller zunächst wichtigen Gattungen. Manche sind schon früher an Colonisanons-Unternehmungen betheiligt gewesen, und sie sind nicht im Geringsten durch Misserfolge bei denselben entmulhigt worden. Bei den ersten Erfolgen erwarten sie Zuzug aus allen Theilen der Bereinigten Staaten." Im „Freidenker" von Milwaukee veröffentlichte Freiherr Gundaccar von Suttner eine Artikelserie: „Die Zionistenbewegung." Der Verfasser bespricht den Antisemitismus, die Maßregeln,- die zur Beseitigung dieser Bewegung unternommen wurden, die „Abwehr", und gelangt als Präses des „Vereines zur Abwehr des Antisemitismus" zu folgendem Resultate: ,.DaS eine steht fest: wir sind uns heute vollkommen klar, dass unsere Abwehr den Antisemitismus nicht mehr aus Oesterreich, geschweige denn aus der Welt, schaffen kann. Und weil ich dies ehrlicherweise einsehen und bekennen muss, darum habe ich die Zionistenbewegung, die so urplötzlich auS dem Boden gestampft wurde, freudig und warm begrüßt. Noch ein Moment weckte meine Sympathie für die Sache: die Helle Begeisterung aus der Judenschafl selbst, deren Passivität uns gegenüber fast den Anschein von Ver» schüchierung, oder, gerade herauSgesayt: von Mangel an Courage hat. So manchem von uns ist damals der Gedanke gekommen: „Wie. sie sehen, dass wir uns für ihre Sache exponieren, und sie Hallen sich im Hintergründe, um ja nicht einen Theil der Hiebe mitzubekommen!" Heute sehe ich, dass das manchem gegenüber eine irrthümliche Auffaffung war, heute sehe ich, dass da eme geschloffene Phalanx auf den Plan tritt, die ruft: „Ja. wir bekennen uns mit Stolz als Juden und wir haben die Zeilen nicht vergessen, wo das Judemhum eine erste Rolle in der Geschichte spielte!" Wenn die jüdischen Gegner des Zionismus die Behauptung ausstellen. dass die Bewegung dem grassierenden Antisemitismus neue Nahrung zusühre, so sind sie entweder blind, oder sie kämpfen mit unehrlichen Waffen. Tenn der erste Erfolg der zionistischen Erhebung ist der. dass sie der Welt imponiert und dies sogar den blindwüthigen Antisemiten, die darüber stutzig geworden sind, dass es die Juden endlich wagen, sich in Reih und Glied zu stellen und den feigen Nnwürfen ein entschiedenes, würdevolles „noli me tangere“ entgegenzurufen. Ist es etwa ein Verbrechen. Menschen, die nichts, absolrt nichts zu verlieren haben, ihrem elenden Dasein zu entreißen, um sie voraussichtlich einem weit besseren Lose zuzuführen? Ich denke im Gegentheil: eS ist ein dankenswertes Unternehmen, besonders wenn eS mit einem Ernst und einer Logik in Scene gesetzt wird, wie dies aus dem Baseler Congress geschehen ist. Nicht auf Sand will man bauen, sondern auf festen Grund; nicht aus Ungewisses hin will man einen Massenauszug organisieren, sondern er soll erst stattfinden, wenn der sichere Hasen für eine solche Expedition gefunden ist. Und nicht einen Zwang will man auSüben, sondern jenen soll der Auszug ermöglicht werden, die mehr als europamüde — die lebensmüde sind, und denen die Existenz in der Heimat, die ihnen nie eine Heimat war. zur unerträglichen Qual geworden ist. Ter Jude, der in einer Affimilierung sein Heil sucht, möge es dort suchen, wo er es zu finden glaubr; der Jude, der sich über die Schmähungen und Insulten, die ihn stündlich erwarten, erhaben fühlt, hat das Recht, mit einem Achselzucken darüber hinwegzugehen. Aber der Jude wieder, der sich in seinem „theuren" europäischen Barerlande wie der Adler im Käfig fühlt und sehnsüchtig, wehen, brennenden Herzen» zum freien Aether hinamblickt, dem soll man willig die Gitterthür öffnen, auf dass er seinen Flug in die Weile nehme. Ich denke, die Sache hat Kopf und Fuß und kann in dieser Form gelingen." Leuil Nus dem Leben der Märtyrer. Autorisierte Uebersetzung aus dem Polnischen. Von Rosa Pomeranz (Schluss.) Jtzig war — einmal draußen — einen Augenblick stehen geblieben, als wollte er die Kraft des Gegners erproben. Doch der Wind blies ihm die Schneekörner ins Gesicht, zerrte an den Schößen seines Kaftans, und ein eisiger Schauer überlies seinen ganzen Körper. Jtzig schloss die Augen, neigte den Kopf und kehrte sich zur Wand, worauf er einen Moment wartete, wie um den heftigen Anprall abzuwehren. Er stellte den Korb auf den Schnee hin, raffte die Schöße des Kaftans auf und befestigte sie um die Hüsten mit einem gewirkten schwarzen Gürtel. Die Mütze drückte er tiefer in die Stirne, band die Ohrklappen fester und ordnete das Leintuch, welches er anstatt eines Shawls um Hals und Brust geschlungen hatte, und das auf dem Rücken in einem dicke« Knoten endete. So ausgerüstet warf er den Korb über die Schultern und begann seine Wanderung. Den Oberkörper hat er genügend verwahrt und fürchtet den Frost nicht; selbst der Korb schützt den Rücken vor Kälte. Dagegen sind die Beine — in Folge des aufgcschürzten Kaftans — ohne Gnade den Angriffen der Kälte preisgcgcbcn. „Ich bin ja schon oft so gegangen", dachte Jtzig. „und mir ist nichts passiert; warum sollte es heute schlimmer sein als gewöhnlich? Ich will schneller gehen, dann komme ich auch zeitlicher zurück, und ich hoffe auch, diesmal viel zu verdienen, denn die Bauern werden bei diesem Wind und solcher Kälte schwerlich nach der Stadt gehen, sie werden mir also auch besser zahlen, da sich heute niemand auf den Weg machen wird." Dieses Raisonnement verlieh ihm augenscheinlich neue Kraft und Zuversicht für den weiten Weg, denn er begann rüstig auszuschrciten. Es war zwei Uhr nachmittags, als sich Jtzig nach verrichtetem Geschäft mit vollen Säckchen auf den Heimweg begab. Er verspürte zwar große Müdigkeit, denn im Dorfe war er ohne Rast von Hütte zu Hütte geeilt, handelnd, feilschend, doch zum Ausruhen hatte er keine Zeit gefunden. „Ich will zu Hause ruhen", dachte er, „jetzt aber muss ich leton. trachten, vorwärts zu kommen, damit die Nacht mich nicht im Felde überrasche." So lange noch Hütten sichtbar waren, wandcrte Jtzig voll Hoffnung, ohne jede Furcht; erst als die letzte menschliche Behausung verschwand und die weite, eintönige Schnecflächc vor ihm lag, wurde ihm unheimlich zu Muthe. Der Wind hatte zwar aufgehört, dafür war aber der Frost grimmiger geworden. Jtzigs Muth sank, schon wollte er ins Dorf zurückkehrcn, er schwankte einen Moment, da standen Weib und Kinder vor seinem Blick! Für ein Nachtlager in dem Wirtshause musste er vier Kreuzer bezahlen, im Ganzen hatte er zwanzig Kreuzer eingenommen, wieviel würde er dann nach Hause bringen? Auf einmal fühlte er auch nagenden Hunger. „Wenn ich ins Wirtshaus gehe", dachte Jtzig. „esse ich gewiss irgend etwas, und was bleibt mir dann? Ich will schnell gehen, vielleicht komme ich noch bei Tageslicht nach Hause." Um sich zu erwärmen, schlug er ein paarmal kräftig mit den Armen um sich, erhob den Stock und begann energisch vorzudringcn. Der Weg war spurlos verweht, vor ihm lag eine schier endlose Schncewüste. Berge, Thal und Feld, alles in das einförmig weiße Gewand gehüllt, schienen geheimnisvoll drohend auf das elende, hinfällige Wes.n herabzusehcn, das dort aus dem unübersehbaren, flimmernden Ocean wie ein schwarzer Punkt sich fortbewcgtc. In dieser Stunde empfand Jtzig die ganze despotische Wucht des Winters, er merkte, dass seine Kraft zu schwach war für den Kampf, den er da unternommen. Bis ans Mark der Knochen drang die Kälte, und unwillkürlich musste er an den Juden denken, der unlängst, erfroren, als starre Leiche ins Städtchen gebracht wurde. Ein unaussprechliches Angstgefühl schnürte dem Aermsten die Brust zusammen; ihn erschreckte das Knistern des Schnees, die tiefen Spuren, die sein Fuß hinterließ, am meisten aber die grausige Stille, die ihm zugleich unsagbar drohend erschien. So drang unser Wanderer eine halbe Stunde lang trotz Frost und Schnee tapfer vor, eine halbe Stunde lang sprach er sich Muth zu. Aber wenn es so weirergehcn soll? . . . Der Weg ist noch so lang . . . Bor zwei Stunden kann er nicht zu Hause anlangen . . . Seine Kräfte schwinden! Nicht genug, dass Kälte ihn umfängt, quält ihn auch der Hunger. Jtzig geht noch, aber schon fühlt er sich schwächer, seine Angst steigert sich, er versucht es, schneller zu gehen. Da stolpert

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