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Die Welt · 1898-01-28 · 4 (28.1.1898) · p. 14

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
4 (28.1.1898)
Article
[Kommentar]
Date
1898-01-28
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Gelte 4 Nr. 4. er et ex» Begriffe des Volkes Israel und nicht bloß von der Fortdauer eines abstrakten Judenthums die Rede ist, wird kein Unbefangener leugnen. Wie eine Seele, wenigstens hier auf Erden, nicht ohne den Körper existieren kann, so auch ixicht die jüdische Religion ohne das jüdische Volk. Israel sollte daher nach der Schrift stets als ein Volk stch betrachten, obschon es gerade durch diese seine weltumfassende religiöse Idee von der nationalen Engherzigkeit und Exelusivität älterer und neuerer Völker bl wahrt bleiben wird. Das „Nationaljudenthum" ist also jedenfalls älter als dreißig Jahre und verdankt seine Entstehung nicht erst dem Antisemitismus, obschon dieser die äußere Veranlassung war, dass jenes neuerdings in dieser bestimmten Form in Erscheinung trat. Denn in Bezug auf die Forterhaltung des jüdischen Bolksthums dachte der Talmud nicht anders als die Btbel und Maimonides nicht anders als der Talmud." Oder an einer anderen Stelle hören wir den konservativen Rabbiner, der, xtm die religiöse Zukunft des Judenthums besorgt, gerade in der jüdisch-nationalen Bewegung das beste Mittel zur Erhaltung der jüdischen Religion sieht: „Aber noch mehr, man kann sogar behaupten, dass das prineipielle Streben nach Assimilation und nach Abstreifung alles Nationaljüdischen früher oder später zum Untergang des Judcnthums selbst führe, weshalb auch der gläubige Jude in dem modernen Antisemitismus, der den Assimilationsbestrebungen, meist gegen den Willen der Juden, Einhalt that, ein Werk der Vorsehung erblicken wird, welche das Judenthum der Welt erhalten wisien will. Ich verweise auf die historische Thatsache, dass in der Epoche nach Mendelssohn die deutschthümelnden Juden fast allesammt vom Judenthum gänzlich abfielen, und nicht in letzter Linie ist es der späteren Geschichtsschreibung eines Z u n tz und G r ä tz und der dadurch gewonnenen Hebung des jüdisch-nationalen Selbstbewusstseins zu danken, dass die Massentaufen unter den freisinnigen Juden abnahmen. Auch heute kann man vielfach die Erfahrung machen, dass die Assimilation, zur principiellen Forderung erhoben, auch bei der Religion des Judenthums nicht Halt macht und leichtherzig auch diese Schranke überwindet, ■ was übrigens in der Natur der Sache liegt. Denn viele Vorschriften unserer Religion und ein großer Theil unserer Liturgie haben unbestreitbar einen jüdisch-nationalen Charakter, den ein principielles Assimilationsstreben durchaus abzustreifen suchen wird; und von der Abstreifung dieser einzelnen religiös-nationalen Momente bis zur gänzlichen Preisgebung des Judenthums zum Zwecke des völligen Eintrittes in den Kreis der Nationen ist erfahrungsgemäß nur ein sehr kleiner Schritt." „Erweisen sich einerseits die modernen Assimilationsbestrebungen als gefahrdrohend für das Judenthum überhaupt, so bewährt sich andererseits die jüdisch-nationale Bewegung als ein vortreffliches Mittel zur Erhaltung und Festigung auch des religiös-jüdischen Bewusstseins. Ist schon ein höheres Nationalgefühl an sich geeignet, dem Menschen Rückgrat und Charakter zu verleihen, so gilt dies in besonderem Maße von dem jüdisch-nationalen Gedanken. Das Bewusstsein, einem alten Cullurvolke anzugehören, dem die Stürme der Jahrtausende nichts anzuhaben vermochten, einem Volke, das in religiöser und moralischer Hinsicht unbestritten den größten Einfluss auf die Culturentwicklung der Menschheit geübt, das eine unvergleichliche Nationalliteratur aus sich erzeugt und eine einzigartige Nationalgeschichte durchlebt hat, dieses Bewusstsein, sage ich, muss jeden befferen Juden, der davon durchdrungen ist, mit jenem edlen Stolze erfüllen, der es ihm geradezu unmöglich macht, das Judenthum äußerer Vortheile wegen zu verlaffen und zu einer anderen Religion gegen seine bessere Ueberzeugung sich zu bekennen. „Wenn daher irgend etwas, so ist es die jüdisch-nationale Bewegung, welche die Wiederbelebung und Erneuerung des Judenthums in dem religiös indifferenten westlichen Europa anbahnen kann, indem sie vor allem die gebildete Jugend mit einem Ideale und mit Begeisterung für die jüdische Sache erfüllt. Weiterblickende Rabbiner sollten demnach den frischen Flügelschlag dieser Bewegung verstehen und anstatt sie zu bekämpfen, sie nach Kräften zu fördern suchen, um durch ihre Mitwirkung dieselbe in die richtigen Bahnen zu lenken." „Man mag demnach das Nationaljudenthum und den Zionismus von welchem Standpunkte aus immer bekämpfen; mit dem Jude nt f| um, mit der jüdischen Religion ist ihm keineswegs beizukommen. Ja, ich weiß nicht, ob es nicht noch mehr im Interesse der jüdischen Religion als in dem der jüdischen Gesammtheit läge, den Zionismus kräftigst zu fördern oder doch eine ehrliche Verständigung mit demselben anzu streben und zu erreiche n." Wir wünschen unserem wackeren Gesinnungsgenoffen, dass es ihm in seinem neuen Kreise vergönnt sein möge, diese schönen Gedanken zu verwirklichen. Aus Johannesburg schreibt man der „Hazestrah"; Die Lage der Juden in Transvaal ist eine derart gefahrvolle, dass man nicht genug eindringlich vor der Einwanderung warnen kann. Das Elend und die Verarmung nehmen täglich in erschreckender Weise zu. Der Hilferuf der verzweifelten Hungernden dringt in ergreifenden Tönen in die Oeffentlichkeit. So war d.r Inhalt eines Aufrufes in der hier erscheinenden „Afrikanischen Jüdischen Gazette", der vor kurzem an das Rabbinat ergieng. in so herzzerreißenden Klageworten abgefasst, dass er tiefstes Mitleid erregte. Die Armen bitten nicht um Geldunterstützung, sondern um die Gründung einer Volksküche, wo sie ihren Hunger stillen könnten. Bezeichnend für das Elend ist folgender Vorfall: Bor einigen Tagen überfielen gegen 30 arme Juden den Wagen eines Bäckers am hellen Tage; jeder entwendete für sich einen Laib Brot, den er nicht einsteckte, sondern auf der Stelle mit Heißhunger verzehrte. Die Scene hatte auch die Wachleute so tief gerührt und zu Mitleid hingerissen, dass sie die Thäter verschonten und ihres Weges gehen ließen. Als Folge des Elends ist auch die auffallende Zunahme der Selbstmorde anzusehen; es geschieht dies in einer Weise, wie sie sonst nirgends bei Juden zu sehen ist. Vor kurzem fand man einen Jüngling, den Sohn achtbarer Eltern, die seit acht Jahren hier ansässiig sind und das Bürgerrecht bereits erworben haben, auf dem Dachboden erhängt. Wie der hiesige „Standard" berichtete, trieb die Noth seiner Eltern den Jüngling in den Tod. Zu all diesen Uebelständen gesellt sich auch consequenterweise ein anderes Hebel, der Antisemitismus, der im gesellschaftlichen und praktischen Leben stark im Zunehmen begriffen ist und sogar bei den Wächtern der Justiz eine Rolle spielt. Es sei hier folgendes Ereignis erwähnt: Ein Jude wurde unlängst vor das Strafgericht citiert, weil er einem Schwarzen in unstatthafter Weise Branntwein verkauft hatte. (Leider sind die Juden auch hier auf diesen Handel angewiesen.) Der Richter. Herr Van der Berg, verschob die Verhandlung für den nächsten Tag. mit der hämischen Bemerkung, „der Angeklagte möge sich von dem russisch-jüdischen Schmutz rein waschen, bevor er vor ihm erscheine". Diese Aeußerung gab den antisemitischen Elementen Muth zu vielfachen Hetzen, und die englischen Blätter unternahmen es sogar, Vorschläge zu machen, über die Ausschließung der Juden und deren Beschränkung, nur in einem bestimmten abgesonderten Stadtviertel wohnen zu dürfen, u. dgl. Der Antisemitismus ist hier überhaupt nicht neu. Er verdankt seinen Ursprung den englischen Missionären, die mit den Predigten für die Religion der Nächstenliebe, den Schwarzen auch das Gift des Hasses gegen Juden einimpfen zu müyen glaubten. Dem Beispiele der geistlichen Herren folgten auch die weltlichen, die englischen Leiter der Bergwerksarbeiten, und betrieben die Hetze nach Herzenslust. Die allgemeine sociale Noth steigerte die Erbitterung, und die Lage der Juden ist nun eine unerträgliche geworden, um so unerträglicher als sie doppelt, nämlich auch als Juden zu leiden haben . . . Trotz dieser Noth bildet der Transvaal noch immer einen Anziehungspunkt armer Juden, die hier aus allen Gegenden, wo es ihnen schlecht geht, eintreffen und unsäglichem Leid und Elend verfallen. Mit Recht schrieb vor kurzem ein Berichterstatter: „Wenn ich die Zeitungsberichte über die Auswanderung nach Südafrika lese, habe ich das Empfinden, als läse ich die Anzeigen, wo die Lebensmüden Gift kaufen könnten, um ihrem Leben ein Ende zu machen. Die Armen sind noch schlimmer daran, denn die Reise hieher verlangsamt nur ihren grausamen Tod . . ." Die „New-Yorker Staatszeitung" berichtet: „Eine interessante Bewegung ist seit Kurzem unter den jüdischen Bewohnern Californiens im Gange. Sie will ein neues jüdisches „Land der Verheißung" innerhalb der Vereinigten Staaten entwickeln. Und die Leiter der Bewegung haben sich hierfür kein anderes Land ausgesucht, als das heruntergekommene Nevada, welches schon seit einer Reihe von Jahren im Rufe eines Lumpenstaates steht! Gewiss eine ziemlich überraschende Auswahl. Bereits sind 35 jüdische Familien vom Goldenen Thore und von Los Angeles nach einer unwirtsamen Gegend Nevadas aufgebrochen, um dort für immer ihre Zukunft zu suchen. Noch andere sollen Nachfolgen. Die Colomsierungs-Gesellschaft hat sich einen Freibrief unter dem Namen „Occidental Cooperative Colon y" ausstellen lassen. Es sind dies meistens Juden von österreichischer, polnischer oder russischer Herkunft und ohne Ausnahme an harte ländliche Arbeit gewöhnt, arme Leute, aber voll zäher Energie. Letztere Eigenschaft werden sie freilich auch überaus nöthig haben, wenn sie am neuen Schauplatz ihres Wirkens auch nur einigen Erfolg haben sollen, und, alles in allem betrachtet, erscheint selbst für solche Leute das neue Unternehmen als ein sehr kühnes. Sehen wir uns den Schauplatz etwas näher an. Der Mittelpunkt des zur Colonisierung bestimmten Landes führt bis jetzt den Namen Wellington und liegt in Smiths Thal, im County Lyon. Er bildet einen so ungastlichen und wenig versprechenden Streifen der Salbei-Wüste, wie man ihn nur irgendwo im großen Westen finden kann — alles in Grau gemalt, selbst der staubbedeckte Wild-Salbei! Und ob es hier heiß wird? Wer sich nicht an '20 Grad im Schatten während des Sommers und selten weniger als 100 Grad in der übrigen Zeit des Jahres gewöhnen kann, der lenke seine Schritte hierher nicht. Da und dort umsäumt eine Kette hochragender Berge den Horizont. Sie sind in dem Staubnebel nur undeutlich sichtbar. Außer dem wilden Salbei scheint hier noch niemals eine Pflanze gediehen zu sein, von Bäumen gar nicht zu reden. Zerfallende Massen Sandstein, Kalkstein oder sogar gröberer Granit bilden den größten Theil des Bodens . . ." „Trotz aller Nachtheile gilt der Landstrich, welchen diese Leute sich ausgesucht haben, immerhin für so fruchtbar oder vielmehr befcuchtungsfäbig, wie er nur irgendwo in Nevada aufzutreiben ist; das will allerdings noch nicht viel heißen. Jedenfalls kommt ihnen die Geschichte sehr billig. Sie haben 5300 Acres sogenanntes Farmland sozusagen für ein Butterbrot erworben und — was von großer Wichtigkeit für den Anfang ist — ein wohlhabender Israelit in Carson City, Nev., hat ihnen für 30.000 Dollars Baubolz zur Errichtung von Häusern geliefert. In einem bedeutsamen Punkte sind sie weit besser gestellt, als seinerzeit die Mormonen: Während Letztere die Civilisation tausende von Meilen hinter sich ließen, bleiben diese jüdischen Colonisten nicht viel mehr als „einen Büchsenschuss" von der Civilisation entfernt. Die nächste Ansiedelung ist das 22 englische Meilen exxtfernte Virginia. Knapp 50 englische Meilen ist das Städtchen Wellington

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