Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 4 (28.1.1898)
- Article
- Socialreformen für Neu-Zion
- Date
- 1898-01-28
- Page
- 6 (sequence 3)
- Language
- German
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Check auf die Tauschbank, für dessen Betrag A einen Credit eingeräumt bekam. 6 deponiert den Check und gibt dagegen einen neuen, mit dem er C zahlt. C holt sich Tauschbanknoten für den Check und kauft damit bei D, und so geht es weiter bis zu Z, der bei A kauft, diesem Noten oder Checks gibt, die A in der Bank deponiert und damit seine Schuld zahlt. 25 Menschen haben sich gegenseitig ihre Producte oder Dienste geliefert, ohne dass jemand in Afrika mit großem Arbeitsaufwand ein ihnen unnützes gelbes Mineral in einem Erdloch graben musste, um es zu raffinieren und dann in ein zweites Erdloch, das Gewölbe einer Bank zu schaffen, damit A B C—Z sich von dieser Bank oder von Banquiers, die Zugang zu der Bank haben, das Recht mittels hoher Zinsen borgen können, dieses Gold einander zu zahlen? Nein, Papiere einander zu behändigen, für die angeblich das Gold erlangbar ist. Angeblich sage ich, denn in Wirklichkeit ist es nur erlangbar, wenn die Leute es nicht haben wollen. So wie auch nur ein erheblicher Theil der Inhaber von Goldverschreibungen wirklich Ernst macht, ist kein Gold mehr zu erlangen, weil eben 35mal soviel versprochen und verschrieben ist, wie es gibt. Eine jede Finanzkrise (z. B. zuletzt die in den Vereinigten Staaten von 1893) beweist dies. Ich sehe in Dr. Herzls „Der Judenstaat" Vorschläge von Bankgründungen nach altem System, welche nothwendig sein mögen, solange die neue Währung noch nicht ihren Einzug in die Culturstaaten genommen hat; aber neben diesen Banken sollte sofort nach Gründung des neuen Staatswesens die erste Tauschbank Neu-Zions entstehen. Die Hauptcapitalien, welche die Ansiedler benöthigen, werden von ihnen selbst mit eigenerArbeit h e r g e st e l l t, und diese Capitalien, d. h. Rohmaterialien, Fabrikate und Dienstleistungen können sie sich selbst einander mit Hilfe der Tauschbank beliefern, mit zinslosem Credit nach altjüdifchem Recht, d. h. wenn die Bank einen kleinen Zins rechnet, so gibt sie ihn den Zahlenden in Form von Actien zurück und kauft Boden oder vielleicht auch noch sonstige Productionsmittel für den Betrag, welchen sie den Mitgliedern ausleiht. Der Erfolg dieser Tauschbank würde dem neuen Gelde auch anderwärts zum Siege verhelfen und Israel, dem man die Führerschaft ums goldene Kalb vorwirft, Israel würde es sein, das den goldenen Götzen für immer vernichtet und die freie Arbeit zum alleinigen Geldmaterial der Welt macht, frei auch vom Zins, verboten in unseren heiligen Büchern, und der gefährlichste Feind der menschlichen Entwicklung, aber nicht vecnichtbar durch Verbote, sondern nur, indem man seine EMenz untergräbt durch Vernichtung seiner Eltern: die Bodenancignung und das heutige Währungsgeld. Die von beiden befreite Arbeit könnte mit den heutigen Productionsmitteln und -Systemen eine so unendliche Gütermasse erzeugen, dass die Sparer froh sein würden, das Ersparte bis zum Verbrauch, vom Entleiher unvermindert erhalten, zu bekommen, ohne Zins erlangen zu können. Dieser ist eben nicht erhältlich, wo das Capitalangebot die Nachfrage bei weitem übersteigt. Die Sparer würden sich eben begnügen müssen, es zu machen wie ihre Vorbilder: Biene, Hamster, Eichhorn u. s. w., nämlich das Ersparte zu verbrauchen, ohne eine Selbstvermehrung, eine Weiterheckung zu erwarten, froh, dass sie als fortschreitende Menschen wenigstens Mittel und Wege gesunden haben, d. h. indem sie ihm die Geldform geben, durch die das Ersparte zur Zeit, in der sie einst seiner benöthigen, in der von ihnen dann gewünschten Form verbraucht werden kann, und zwar ohne Erhaltungskosten, welche von denen getragen werden, denen inzwischen die Benützung des Capitals in Form von Productionsmitteln einen Gegendienst erwies. Dies sind die socialpolitischen Reformvorschläge, die ich Neu-Zion als Morgengabe darbringe. Sollten seine Bürger ihnen geneigt sein, so werden sie nicht nur sich selbst, sondern auch der ganzen Menschheit einen unschätzbaren Dienst leisten. Ich konnte meine Vorschläge hier nur skizzieren und muss bezüglich des Näheren aus meine ausführlichen Schriften verweisen, bezüglich der Geldfrage auf „Währung und Weltkrise", Verlag „Die Zeit", Wien, und auf ein soeben dem gleichen Verlag gesandtes neueres Opus, ferner auf „Money Island", Labour Press Manchester, Volksausgabe, 1 Penny. (Wird ins Deutsche übersetzt.) Pariser Brief. Paris, 21. Januar 1898. So fehlt denn kein Zug an dem Bilde. Die Juden Frankreichs haben bereits alles durchgemacht: Die heftigen Angriffe der Preffe, den versteckten und den offenen Hass, den Antisemitismus der Behörden und den'des Parlaments. Nichts fehlte ihnen mehr zur vollen Erkenntnis ihrer Lage, als die handgreiflichen Beweise. Auch diese sind jetzt da, in den Steinen, die man in die Auslagen der Geschäfte und in die Fenster ihrer Wohnungen warf, in den Bleistöcken, welche die „S..juden" auf ihren Köpfen spüren mussten und in zahlreichen anderen unleugbaren Beweisen der „werkthätigen" Liebe ihrer Mitbürger. Aus allen Theilen Frankreichs erfuhren wir diese Woche, dass daselbst mehr oder weniger ernste Ausschreitungen antisemitischen Charakters stattgefunden haben, dass die Volksmenge mit Priestern an der Spitze die Straßen durchzog unter Rufen, welche den Inhalt der Civilisation des neunzehnten Jahrhunderts ebenso markant als verblüffend einfach in den drei Worten zusammcnfassten: „Tod den Juden!" Selbst in Paris, wo doch die Clericalen nicht die Kühnheit ihrer Parteigänger in der Provinz besitzen, ziehen Banden von jungen Leuten tagtäglich durch die Straßen, spucken die Juden an und verlangen den Tod der „Judenhunde". Leider ist das für die Zionisten keine große Ueberraschung. Sie kennen ja die, man möchte fast sagen, gesetzmäßige Entwicklung jener Erscheinung, die man mit Recht die Judophobie nennt. Ja, mit geradezu großartigem, diagnostischem Scharfblick hat unser unvergesslicher Pinsker den Judenhass als „erbliche Psychose" bezeichnet. Unser Unglück aber bilden gerade die anfallsfreien Stadien dieser Krankheit, ihr allmähliches Verschwinden und plötzliches Wiedererscheinen. Diese Pausen verhältnismäßiger Ruhe wiegen die Juden in Sicherheit, laffen sie glauben, das Uebel sei bereits für immer verschwunden, bis ein plötzliches Erwachen, ein unvorhergesehener Ausbruch der Krankheit mit all den für die Juden so schrecklichen Begleiterscheinungen sie überzeugt, dass sie geirrt haben, bis ihnen wieder Zweifel an ihrer dauernden Ruhe aufsteigen, Zweifel, die sie allerdings voll Hast zu vergeffen trachten, sowie der Paroxysmus der Krankheit vorüber ist. Allerdings haben wir auch einen schwachen Trost. Mit den Rufen „Nieder mit den Juden" verbinden sich auch solche, welche Zola verunglimpfen. Das war immer so. Immer war der Judenhass dann am wüthendsten, wenn die Sache der Juden eine gerechte war. Die Leiden, welche die Juden zu erdulden haben, sind immer auch die der Freiheit und Gerechtigkeit. Wir dürfen stolz darauf sein, dass ein Mann wie Zola mit uns leidet. Der Mann, deffen Ruhm in der ganzen Welt verkündet wird, der Mann, der ein literarisches Riesenwerk geschaffen, das den menschlichen Geist und menschliches Fühlen in den leuchtendsten Farben wiederspiegelt, der Meister so vieler großer Schüler findet jetzt noch, an der Grenze seiner Tage, die Energie, um einem ganzen Lande, einer wutherhitzten Menge, die erfüllt ist von Judenhass und serviler Gesinnung gegen ihre militärischen Führer, sich unerschrocken entgegenzustellen. Freund und Feind anerkennen, dass dies eine Handlung von unvergleichlichem Muthe ist. Und warum setzt sich dieser Mann dem Haffe seines Volkes aus? Im Namen der Gerechtigkeit, die er verletzt glaubt. Doch ihr Opfer ist ein Jude, ein verachtetes Mitglied der französischen Gemeinschaft. Das ist es, was die edle Gesinnung Zolas erst ins rechte Licht setzt. Gerade darin hat er seinen hohenIMuth bewiesen. Man mag sagen, was man will — es ist nicht die Furcht vor der Herabsetzung der Autorität des Kriegsgerichtes, welche die Menge erbittert hat. Dass aber ein „jüdischer Verräther" vertheidigt wird, das findet man unverzeihlich. Ist denn dieser Jude wirklich ein Verräther? Gewiss, antwortet der Chorus! „Verräther" und „Jude", das ist ja doch gleichbedeutend! Vielleicht wird man erst später, wenn nach langer Zeit ein Rückblick auf die jetzigen Ereignisse geworfen werden kann, einsehen, dass Zolas Unterfangen ein Riesenwerk darstellt, und dass ein hohes Ethos dazugehört, überhaupt diesen Muth zu haben. Der Brief Zola's an den Präsidenten der Republik war der Funke, der in ein Pulverfass fiel. Der ganze heimliche Hass entlud sich in einem plötzlichen Ausbruche auf die Köpfe der Juden. Man muss dem letzten antisemitischen Meeting, das als