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Die Welt · 1898-01-28 · 4 (28.1.1898) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
4 (28.1.1898)
Article
Socialreformen für Neu-Zion
Date
1898-01-28
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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der Erde gefördert werden können, den meisten nur im Tausch für andere Producte zugänglich sind. Da nun aber Geld nicht nur ein Tausch-, sondern auch ein Zahlungsmittel für Schulden, Steuern. Strafen rc. ist, so haben wir sofort den großen Unterschied, dass früher genannte Zahlungen mit etwas gemacht werden, was der Schuldner selbst mittels seiner Arbeit erstellen konnte, heute aber mit etwas, das ihm nur zugänglich ist, wenn ihm jemand dafür die Producte seiner Arbeit abnimmt. Wenn nun, wie thatsächlich der Fall, die Geldschulden bei weitem den effectiven Geld- resp. Edelmetallvorrath übersteigen (meiner Berechnung nach um das 35fache), so muss die natürliche Folge eine zunehmende Abhängigkeit der arbeitenden Massen von den Geldbesitzern sein. Jene sind immer mehr darauf angewiesen, sich gegen Zins das Geld von diesen zu entleihen, immer mehr, weil eben das Anwachsen dieses Zinses und Zinseszinses den Abstand zwischen Geldvorrath und Geldschulden ständig vergrößert. Die Geldgläubiger sind nach und nach so reich geworden, dass sie nur einen Theil ihres Einkommens am Markte für Waren und Dienste ausgeben und die arbeitenden Massen, obgleich sie ein ungestilltes Bedürfnis für diese Waren und Dienste haben, können sie nicht im vollen Umfange des Angebotes kaufen, weil sie kein Geld haben, d. h. weil sie das Geld, das sie für die eigenen Producte erlangen, zum Theil an ihre Gläubiger abgeben müssen, welche es nicht wieder auf den Markt bringen, wenn man es ihnen nicht gegen gute Sicherheit entleiht und mit weiteren Zinsen bezahlt, oder ihnen Land dafür abtritt, so dass die Macht des Grundbesitzes die des Geldbesitzes stärkt, ihr das Hauptrückgrat liefert. Durch das Anwachsen der Zins- und Pachtguthaben muss aber die Kluft zwischen Angebot und Nachfrage immer größer werden; die Absatzkrise verschärft sich, der Kampf um die beschränkten Erwerbsquellen wird immer heftiger; kurz, wir erhalten das Bild, das sich täglich unseren Augen darbietet. Zwischen den zwei Mühlsteinen unseres heutigen Bodeneigenrhumsrechtes und unseres Geldsystcms wird der arme Arbeiter — ich gebrauche das Wort in seinem weitesten Sinne für alle, die in irgendeiner Weise für den Markt arbeiten — hin und her gerieben, bis der nackte Proletarier aus der Mühle herauskommt. Nachdem wir nun das Scylla- und Charybdisverhältnis des Warengeldes ins Auge gefasst haben, das entweder aus unhandlichen, von jedermann erzeugbaren, oder handlichen, nur vou wenigen erstcllbaren und daher monopolisierbaren Waren besteht, kommen wir nun zum Zeichengeld. Dieses unterliegt wieder ebenfalls der Gefahr der Monopolisierung oder, wenn in unbeschränkter Menge ausgegeben, der großen Wertabnahme, weil die einzige Grundlage seines Wertes, die Thatsache der allgemeinen Annahmewilligkeit, eben von dem Grade dieser Willigkeit abhängt, und dieser wieder von dem des Vertrauens in die Ausgaben des Zeichen- oder sagen wir Papiergeldes, weil es meist in dieser Form circuliert. Wie groß diese Gefahr werden kann, das haben ftanzösische Assignaten und conföderierte Dollars rc. zur Genüge bewiesen. Aber gibt es denn keinen Ausweg aus diesem Labyrinth, in dem uns auf allen Seiten unentwirrbare Schwierigkeiten cntgegenstarren? Um ihn zu finden, müssen wir uns vor allem klar vor Augen halten, dass die Verwendung des Warengeldes eigentlich nichts ist als eine Art von Tausch, wenn auch nicht mehr in seiner primitivsten Form: Ware gegen Ware; denn eine der zwei Waren, die bei diesem verbesserten Tausch in Betracht kommen, wird von jedermann angenommen, einerlei, ob er directe Verwendung für sie hat oder nicht, weil sie eben von jedermann in Tausch genommen wird, mit anderen Worten, weil man ihr die Geldwürde gab. Nun kam aber eine Zeit, in der das Vertrauen und der Credit in die Welt kamen uud man, statt mit einer Hand die eine Ware hinzugeben und mit der anderen die Tauschware resp. die Geldware entgegenzunehmen, papierene Versprechungen annahm. Mehr als solche Versprechungen sind aber unsere Banknoten eben auch nicht; der Unterschied zwischen ihnen und dem Zeichengeld ist der, dass man annimmt, jederzeit dafür deponiertes Edelmetall erhalten zu können. Nachdem man nun aber so weit gelangt war, Versprechungen, Gutscheine statt der wirklichen Ware anzunchmen, dachte man nicht daran, dass die Zwischenware überhaupt ihre Rolle ausgcspielt hatte, dass man direct die Ware, welche der Inhaber der Gutscheine wünschte, in Vorrath dafür halten könnte, ohne den nun lächerlich gewordenen Umweg über die an und für sich den Parteien in den meist n Fällen völlig unnütze Zwischenware zu nehmen. Unnütz, wenn solche nicht zufällig dieselbe, d. h. die Edelmetalle, für industrielle Zwecke benöthigen; denn um sie als Geld zu verwenden, holen sie sie sich meistens nur, wenn sie Kleingeld gebrauchen. 99 Percent des Weltgeschäftes werden bekanntlich ohne die Verwendung des effectiven Geldes gemacht. Das System der T a u s ch b a n k e n, wie es zuerst von Robert Owen 1833 in England, wenn auch in sehr roher Form, praktisch verwirklicht wurde, bietet die Möglichkeit, diese Gutscheine auf Waren jeder Art auszugeben und sie stets in der Ware zahlbar zu machen, welche der Inhaber des Scheines wünscht. Der Unterschied zwischen der neuen Banknote und der alten ist der, dass, während diese sagt: „Die X-Bank zahlt Ueberbringer M.. ..", die neue sagt: ,.D i e T a u s chbank liefert UeberbringerWare« nach Wahl im Betrag von Ll.... zum Tagespreis." Solche Noten von Ncu-Zions Handelscentrale ausgegeben bis zur Höhe der Warenvorräte und einlösbar in Waren zum Tagespreis würden ihren Zweck weit besser erfüllen als die heutigen Geldnoten; denn erstens ersparen sie die Kraftvergeudnng, eine unnölhige Zwischenware, das Geld aufzuspeichern, und zweitens befreien sie von den Gefahren, welchen uns die heutige Währung aussetzt. Man kann wohl das Geld monopolisieren, nicht aber alle Waren und Dienste, welche die Basis der neuen Währung bilden; denn ihr Vorrath wird stets der Productivität der Arbeit entsprechen, und diese Productivität, heute künstlich zurückgchalten durch die Hindernisse, welche die Zwangsjacke einer auf eine höchstens zwei seltene Waren beschränkten Währung auferlegt, kann sich dann voll und ganz entfalten, so dass die befreite Arbeit sich bald ihrer Schulden entledigt habe» wird. Dass die Wertbeständigkeit eines Papiergeldes unter Umständen mindestens der des jetzigen gleichkommcn kann, beweist uns z. B. die Wertbcständigkcit des Rubels und der österreichischen Banknote zur Zeit, als noch keine Zahlung in Edelmetall geleistet wurde, die im Durchschnitt mindestens so groß war wie die des Goldes, das seit 25 Jahren seine Kaufkraft beinahe verdoppelte. Freilich musste man bei diesem Papiergeld die Ausgabe in engen Grenzen halten. Beim Tauschgeld ist dies nicht nölhig; denn hier handelt eS sich um keine ungedeckten Noten, denn die Tauschnoten sind voll gedeckt mit dem einzigen, was man für Geld eigentlich wirklich haben will, nämlich Waren oder Dien st e. Aber auch ohne das Handelsmonopol ließe sich die neue Währung in Neu-Zion einführcn und sogar, ohne vorläufig Währungseigenschaft zu erlangen, könnte das neue Geld in unseren Culturstaaten unendliche Dienste leisten. Die zu gründenden Tauschbanken wären eigentlich Clearinghäuser, d. h. Gegenseitigkeits- Berrcchnungsinstitute, mittels welcher die Geschäftswelt ihre gegenseitigen Lieferungen und Leistungen mit einander verrechnet. Ihre Checks und Banknoten sind gedeckt durch die Leistungsfähigkeit der Mitglieder der Bank, bei welchen sie einlösbar sind. Der Credit, den sich die Mitglieder heute direct als Warcncredit geben, wird in viel vollkommenerer Weise indirect durch die Tauschbank gewährt, welche eine Art Creditversicherung auf Gegenseitigkeit mittels Auferlegung von Prämien, je nach Creditfähigkeit einrichtet. Einen kleinen Zinsprofit kann sie zum Zweck des BodcnkaufeS verwenden, welcher nicht nur als Reserv fondS und Sicherung dient, sondern auch, um allmählich die Ueberführung des Bodens in den Gemeinbesitz anzubahnen. Erläutern wir die Function einer solchen Bank durch ein Beispiel. A. kauft Waren von B und gibt ihm einen

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