Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 3 (21.1.1898)
- Article
- Aus dem Leben der Märtyrer
- Date
- 1898-01-21
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315742-3315746-3356674--03935-3356755- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 16. J>ta$wdr Nr.3 morgen Brot backen. Geh Jtzig, nur säume nicht zu lange, hörst Du?" Jtzig billigte augenscheinlich die Ausführungen Perls; er sah noch einmal traurig nach der Thüre, küsste die „Mesuse". „Bleib gesund/ sagte er und wandte sich zum Gehen. „Geh gesund," rief ihm Perl nach. „Gott mit Dir, sollst Glück haben." „Amen," erwiederte Jtzig und schloß die Thüre hinter sich. Aufs Neue ertönte das Heulen des Windes. Perl wurde es bange; die Angst des Mannes drückte sie nieder. Schon wollte sie ihn zurückrufen, da weinte das Kind drinnen laut auf. Sie eilte in die Hütte. Durch die heftigen Bewegungen des Kleinen, hatte sich die Wiege ganz auf die Seite geneigt und nur die danebenstehende Bank bewahrte sie vor dem Umkippen. Perl schrie laut aus bei diesem Anblick, sie brachte die Wiege ins Gleichgewicht, warf schnell das Polster zurück, säuberte flink das Kind und nachdem sie es in ein altes Gewand ihres Mannes gehüllt, ließ sie sich damit hinter dem Ofen nieder, Der Kleine, gleichgiltig für alles, was um ihn her geschah, suchte unaufhörlich mit seinem Mäulchen nach der Nahrung; gereizt durch die Verzögerung, schrie er aus vollem Halse und beruhigte sich erst, als die Mutter ihn an die Brust drückte. Der Wind trieb ununterbrochen den Schnee gegen die kleinen Fenster, der Frost glitzerte in hellen Krystallen an den alten, verfallenen Wänden und erfüllte die Hütte mit schauerlicher Kälte. Perls Herz wollte brechen bei dem Gedanken, dass jetzt ihr Mann gewiss mit Wind und Wetter kämpft, dass dieser schreckliche Frost ihn bis. an die Knochen durchdringt. „Wie gut" — dachte sie — „dass er wenigstens ein bischen warme Cichorie getrunken und Brot mit Zwiebeln gegessen hat; doch was wird er tagsüber essen?!" Da erinnerte sich Perl, dass von dem Dierkreuzer-Brötchen, welches sie beim Bäcker geborgt, Jtzig nur die Hälfte gegessen, den Rest aber mitgenommen hatte; 'eine Zwiebel und Salz hatte sie selber in seinen Korb gesteckt; er wird also keinen Hunger leiden und bis nach L. ist es nicht gar so weit. Wenn er ununterbrochen geht, ist er nach drei Stunden an Ort und Stelle. Diese Reflexionen unterbrach die Stimme des kleinen Jungen, der hinter dem Ofen seinen Kopf schreiend hervorstreckte. „Mutter" — rief er in gedehntem Tone — „Mutter!" „Was willst Du" — fragte zornig die Mutter, als ob sie wüsste, was da kommen müsse. „Gib mir essen" antwortete der Kleine und in dem Bewusstsein, dass er doch nichts bekommen werde, begann er von vorneherein aus voller Kehle zu lärmen. Das war gleichsam das Signal für die übrigen Schreirr, die sich jetzt aus allen Winkeln vernehmen ließen. „Ich will essen" — weinte das fünfjährige Mädchen, gestern gabst Du kein Abendbrot, Du versprachst für heute, nun so gib." Im Bette der Mutter erhob sich ein zweijähriges Kind; da es sich noch nicht klar wie die Andern auszudrücken wusste, schrie es nur „Mutter — Brot!" Dieser Lärm von allen Seiten verwirrte die Mutter nicht im mindesten, wie es schien, war sie an solche Musik gewöhnt; sie erwiderte auch ganz ruhig: „Still, still, ich will nur das Kind hinlegen, dann hole ich bei Mircia für einen Kreuzer Milch und Ihr sollet Cichorie mit Milch bekommen." Der Zweck war erreicht; sofort trat Ruhe ein; das kleine Mädchen sprang hinter den Ofen zum Brüderchen, wo es viel wärmer war als im Bette; nur der zweijährige Kleine brummte, er verstand cs augenscheinlich noch nicht, sich mit Hoffnungen zu trösten. Perl legte das schlafende Kind in die Wiege, hüllte den Kopf in cin löcheriges Tuch und gicng. Glücklicherweise creditierte Mircia die Milch und der Bäcker ein Brot für 10 Kreuzer, wobei er jedoch nicht unterließ, sie an ihre Schuld zu mahnen mit dem Zusatze, dass nichts mehr geborgt werden würde. Aber Perl verlachte im Stillen die Drohung des Bäckers, sie hoffte zuversichtlich, Jtzig werde Mehl bringen zum Brotbackcn. Nach Hause zurückgekehrt, gab sie den Kindern die versprochene Cichorie mit Brot, wobei es nicht ohne Feilschen zugieng. Der Knabe fordert ein größeres Stück Brot als er erhalten hatte, und das Manchen schluchzte laut, weil der Bruder mehr bekam. Der kleine Junge stopfte den Mund voll und sah gierig in seinen Topf, indem er mit Behagen zugriff. Nachdem Perl so die Kinder beruhigt hatte, begann sie die Stube in Ordnung zu bringen; sie musste heute noch fort — Gäste cinladen zur Hochzeit einer reichen Jüdin, wofür sie oft 20, zuweilen auch 30 Kreuzer erhielt. In diesen Beschäftigungen vergieng Stunde um Stunde, und Perl vergaß fast ihren Mann. — — — — — — — (Schluss folgt.) Dücherwelt. Die Arbeite« des deutsche« Vereins z«r Erforschung Palästinas vo« 1878—1897. Ein Bericht erstattet vom geschäflsführendcn Ausschuss Leipzig 1697. Am Ende einer zwanzigjährigen Thätigkeit im Jntereffe der wissenschaftlichen Erforschung Palästinas durch geographische, topographische und meteorologische Untersuchungen gibt uns der genannte Verein ein schönes Bild seines erfolgreichen Wirkens. Es. ist doch eigenthümlich. dassgerade von jüdischer Seite für die Erforschung Palästinas so wenig geschehen ist. Umso anerkennenswerter ist daher die Tendenz dieses interkonfessionellen Vereins. Von seinen Leistungen seien nur hervorgehoben: Die Begründung von meteorologischen und phänologischen Stationen, die Gewinnung von ständigen Beobachtern für landwirtschaftliche Vorgänge, Originalaufnahmen verschiedener Ortschaften Palästinas und der Pläne älterer Wasserleitungen von Jerusalem rc. Gegenwärtig wird im Aufttage de§ Vereins von Dr. Schumacher in Haifa eine genaue Karte des Ostjordanlandes vorbereitet, die auch unseren colonisatorischen Bestrebungen zugute kommen wird. Der Bericht schließt mit den Worten: „Je mehr sich die Blicke Europas im Laufe der letzten Jahrzehnte wieder nach dem Orient gerichtet haben, umso wichtiger erscheint auch unsere Aufgabe, weil sie auf die Erforschung eines Landes gerichtet ist. das eine Zukunft hat. Wenn erst die Verkehrswege noch ganz anders gebessert sein werden, der Credit gehoben und es möglich sein wird, vielseitigere Interessen im Lande anzuknüpfen, wird man uns dankbar sein, durch die Erforschung des Landes der Cultur vorgearbeitet zu haben." Der jüdische Co«zresS i« Basel, vorgelesen in allen Bethäusern von Kiew nach dem Referate des Dr. M. Man delstamm. bearbeitet im Jargon von Schulom-Aleichem. Warschau 5658. Verlag Achiasaf. S. 30. Die vorliegende Broschüre entspricht einem Bedürfnis. Wir haben noch immer viel zu wenig jüdisch-demsche Organe, die in die breitesten Volksschichten dringen und sie über die Fortschritte der zionistischen Bewegung orientieren würden. Darum muss, wenn sich ein solches Ereignis wie der Baseler Congress vollzieht, durch Flugschriften oder Broschüren für die weitgehendste Publicirät gesorgt werden. Diesen Zweck erfüllt das vorzügliche Referat unseres hervorragenden Kiewer Gesinnungsgenossen, das der bekannte und sehr beliebte Jargon-Schriftsteller Scholem Aleichem übersetzt hat, im vollsten Maße. Es gibt ein genaues Bild der Vorgänge. Verhandlungen und Beschlüsse am Basler Congreffe und behandelt auch in der Einleitung die Vorgeschichte desselben. Wir können speciell unserem Vereine Galizien die Massenverbreitung dieser Broschüre bestens empfehlen. Das Exemplar kostet 15 Kop. ll. Im Selbstverläge einer Gruppe von Zionisten in Jekaterinoslaw (Süd-Russland) erschien dieser Tage die Baseler Rede von Max Nordau in russischer Uebersetzung. In dem Vorworte, das unter anderem auch biographische Daten und die Genealogie der Familie Nordaus's enthält, glauben die Herausgeber das lesende Publikum auf die Stellen van den modernen Marrancn und den jüdischen Geldprotzen besonders aufmerksam machen zu müssen, da dieselben für die unleidlichen Zustände innerhalb des jüdischen Volkes in Russland ungemein zutreffen. Nebst der ausgezeichneten Uebersetzung ist auch die gefällige Ausstattung der Schrift lobend hervorzuheben. Ein gelungenes Bild unseres hervorragenden Parteigenossen schmückt das Titelblatt. Möge die epochale Rede unserer Bewegung neue Anhänger auch im Zarenreiche zuführen. A. W. Herausgeber: H?«rl Tbtföosar. Berantwortlicher Redacte-r: D». SUgmanb Verna. Druck von Jacob Dur Wien. VIII., Laudougaffe Nr. 57.