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Die Welt · 1898-01-21 · 3 (21.1.1898) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
3 (21.1.1898)
Article
Aus dem Leben der Märtyrer
Date
1898-01-21
Page
15 (sequence 1)
Language
German
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«r. « «eite 18. Leuil Nus dem Weben der Märtyrer. Autorisierte Uebersctzung auS dem Polnischen. Von Rosa Pomeranz Dichter Schnee, vom Winde getrieben, verhüllte wie ein beweglicher Schleier den Horizont an einem rauhen Wintermorgen. In dem Städtchen N. herrschte noch tiefe Stille. Fast schien es, als ob hier die Menschen wie die sie umgebende Natur vom Winterschlafe umfangen, dem milden Frühlingshauch entgegenharrten, der sie wachrütteln und aus den düsteren, im Schnee versunkenen Hütten führen sollte. Und auch die Hütten, mit ihren kappcnartig, tief in die Stirn gedrückten schneebedeckten Dächern, ertragen in dumpfer Resignation die Chikanen des boshaften Windes, der in mulhwiüigen Sprüngen den Schnee bald maucrhoch aufthürmt, bald wieder in tollen Wirbeln nach allen Seiten verstreut. Ohne Widerstand raste er durch die schmalen Gässchen, weithin wallte und flatterte sein nebliger Mantel und in langgezogenen, schaurigen Tönen warnte er jeden, der sich ihm entgegenstcllen wollte. Eisiger Frost bedeckte die kleinen Fenster, die Hellen Augen gleich unter den Dächern hcrvorlugten. Trüb und traurig war es an jenem Morgen. Als ob die Natur sich selbst vertilgen wollte, schien sie allem Lebenden mit Vernichtung zu drohen. Und wer ist es denn, der sich jetzt aus seiner Behausung wagt? Wer hat den Muth zum Kampfe mit Wind und beißender Kälte? Dort aus dem engen Gässchen, zwischen zwei Häusern, von einander weit genug entfernt, um einen einzelnen Menschen bequem durchzulassen, trat die Gestalt des Mannes. Sein Haupt bedeckte eine Lammfellmütze, die mit Ohrklappcn versehen mittelst Schnüren unter dem röthlichen Bart befestigt war. Den Hals umgab ein verblichenes Tuch und ein weiter Kaftan, mit weißem Schafpelz gefüttert, hüllte den ganzen Körper ein. In grellem Widerspruche zu dieser Kleidung standen die niedrigen Schuhe an den Füßen und die weißen bis ans Knie reichenden Strümpfe. Das war der Synagogcndiener (Schames). Er war heute wie gewöhnlich um 4 Uhr früh aufgestanden, um die Frommen zum Gebete zu wecken. Aus der Gasse tretend, machte er noch einige Schritte, reckte den Hals, bog den Kopf zurück, die rechte Hand fuhr nach dem Ohre, die linke hing schlaff herab und so auf die Fußspitzen sich erhebend, rief er mit heiserer Stimme: „Wach auf Volk Israels, um Gott zu dienen." Die langgcdchntcn Worte mit ihrer schwcrmüthigcn Weise machten kaum den 'Eindruck eines Weckrufes; vielmehr glichen sie einer Klage, einem lauten Weinen. Tie Stimme des Schames, vermischt mit dem Pfeifen des Windes, widerhallte vor den Häusern, drang durch die gefrorenen Fensterscheiben und rüttelte die Schläfer auf zum Gebete. — Beim Klang dieser Stimme erwachte Perl; schnell warf sie den wattierten Nock um und eilte an das Bett ihres Mannes, der in festem Schlafe lag. Das befederte Sammetkäppchen aus dem hohen Federbette ragend, war der einzige Wegweiser, in welcher Richtung er zu suchen war. „Jtzig!" rief sie, sich über das Bett neigend, „hörst du, Jtzig — steh auf!" Jtzig tauchte aus dem Federbette hervor, rieb sich die Augen und fragte: „Ist es so spät, dass Du mich weckst?" „Es ist nicht spät, aber der Schames ruft schon, es muss also 4 Uhr sein." Ohne weitere Reden abzuwarten, reichte sie ihm Wasser. Jtzig begoß dreimal jede Hand und zog durtig seine gestickten „zeugenen" Beinkleider an; dann lief er schnell ans Fenster. Durch ein rasch hingehauchtes Guckloch in der Srdeibe erblickte er noch den Schames am Ausgang der Gaffe und der bekannte Ruf drang an sein Ohr. „Da hilft nichts, dachte Jtzig, „ich muss an die Arbeit." Im Nn war sein Gesicht gewaschen, mit einem groben Handtuch abgetrocknet und nun gicng Jtzig daran, seine Waaren einzupacken. Unter der Bank zog er einen Korb hervor, der die Quelle seiner Ein- . tünste barg. In diesem Korbe befanden sich Bändchen in verl e to ir. schiedener Qualität und Farbe, Zwirn, Nadeln, Streichhölzer, Pfeffer, Salz. Hefe, Gewürz und andere Dinge. Diese Waren erhielt Jtzig auf Borg in den Geschäftsläden und zog mit ihnen in den nahen Dörfern herum. Dort tauschte er sie gegen Lebensmittel aus, wie: Maismehl, Bohnen verschiedener Art, zuweilen ein bischen Korn- oder Weizenmehl, oder er erhielt auch Geld und bezahlte damit die Schulden in den Handlungen. Anf diese Weise konnte Jtzig seine Frau und fünf Kinder erhalten. Es war eine elende Existenz, denn oft geschah es, dass er zwei Tage in den Dörfern hcrumirrte und kaum 30 Kreuzer verdiente. Zuweilen aber, wenn anhaltende Verwehungen oder Hochwasser den Bauern jeden Verkehr mit der Stadt unmöglich machten, verdiente Jtzig, wenn er einmal ins Dorf gelangt war, bedeutend mehr. In letzter Zeit hatten sich Jtzigs Einnahmen überhaupt verringert; in den umliegenden Dörfern bildeten sich Consumvereine. Der Pfarrer verbot streng von der Kanzel herab, bei Juden zu kaufen, überdies konnte ihm auch auf seinen Märschen der Gendarm begegnen, und ihm, der sich mit keinem Steucrbogcn auszuweiscn vermochte, die Waren abnehmen, ihn selbst aber ins Gefängnis führen. Jtzig war denn auch jetzt schlechter daran als sonst je zuvor. Oft kamen Tage, wo kein Stückchen Brot im Hause war. Der älteste sechsjährige Junge musste das Chcder verlassen, weil der Melamed nicht bezahlt werden konnte; das kleine Mädchen, stets barfuß und hungrig, lernte auch nichts. Am besten hatte es noch der Kleine, der vor kaum drei Monaten geboren wurde. In verschiedene warme Lumpen gehüllt, litt er weder Hunger noch Kälte. Auch heute gibts kein Brot. Jtzig hat seit zwei Tagen keinen Kreuzer verdient, obwohl er mit seinem Korb herumgieng. Heute will er einen anderen Weg einschlagen, in der Hoffnung auf ein besseres Gelingen. Nach beendeter Vorbereitung beginnt er zu beten. Murmelnd geht er in der Stube auf und ab, legt die „Tfilen" an, küsst die Schaufädcn, sowie die Riemen, die er um den Arm wickelt. — Inzwischen hat Perl aus dem Herd Feuer gemacht und kocht Cichorie. Jtzig beeilt sich augenscheinlich, denn schneller als sonst ist er mit dem Gebete fertig. Sein verlangender Blick überfliegt den Tisch, wo ein schmackhaftes Frühstück wartet. Auf dem Handtuch, dessen er sich unlängst bedient hatte, steht ein ansehnlicher Topf Cichorie, von schöner, chocolatebrauner Farbe, daneben ein Vierkreuzcr-Brvtchcn und auf dem Teller duftet klcingeschnittener Zwiebel. Ein großer Schusterkneip, Salz und Pfeffer in einem zweithciligen, gläsernen Salzfäßchcn vervollständigen das Gedeck. Jtzig steckt flink die „Tsilcn" in das Säckchen, begießt wiederholt dreimal die Hände und nachdem er sie mit dem vom Tische hcrabhängenden Ende des Handtuches getrocknet, spricht er den Segen, schneidet das Brot auf, taucht cs ins Salz und langt zu. Er isst Zwiebel und Brot und trinkt seine Cichorie. Rach diesem reichlichen Frühstück verrichtet er sein kurzes Dankgebet für die empfangene Nahrung, worauf er sich auf den Weg rüstet. „Weißt Du" — sagt Jtzig plötzlich zu seiner Frau — „mir ist heute so schrecklich und traurig zu Muthe, dass ich am liebsten zu Hause bliebe, wenn wir für unsere kleinen Kinder nur Brot hätten. Mir ahnt Schlimmes." Draußen heulte der Wind — cs klang wie eine Warnung, wie eine Bestätigung des bösen Vorgefühles. Jtzig blickte auf sein Weib, das ihn aus dem Hause geleitete, als hoffte er auf eine Ermuthigung, anf die Erlaubnis, daheim bleiben zu dürfen. Statt dessen schaute ihn Perl vorwurfsvoll an. „Du weißt, dass wir kein Stückchen Brot im Hause haben, wieder werden die Kinder den ganzen Tag mich quälen, und was kann ich ihnen geben? Geh! Geh und fürchte Dich nickt, cs ist ja heller Tag. Vielleicht verdienst Tu etwas, vielleicht bekommst Du ein wenig Korn- oder Maismehl; dann könnte ich ihnen noch heute „Mamaliga" kochen und

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