Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 1 (7.1.1898)
- Article
- Unter jüdischen Proletariern
- Date
- 1898-01-07
- Page
- 5 (sequence 3)
- Language
- German
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- Odesa 1× ep/1000834
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fb. 1. Veite S. seinen ^Reisebildern" das Gemüth der polnischen Juden so trefflich schildert, an einer anderen Stelle sagt: Am Sabbath wird der Jude vom Hund zum Prinzen. Aber dieser eine Tag verleiht ihm auch die moralische Kraft, wieder sechs Tage auszuharrcn. Am Samstag abends beginnt die Arbeit aufs Neue. Zu dieser Zeit verließ ich gerade Boryslaw. Der Weg zum Bahnhof führt über einen großen Platz. Eine Menge Leute ist gerade angesammelt, und mein Begleiter gibt mir die Erklärung. Das sei der „Sclavenmarkt". Hier werden alltäglich von den Aussetzern die Arbeiter ausgenommen, die ihnen gerade passen. Wer keine Arbeit erhält, muss — warten. Nur wenigen wird die Begünstigung zutheil, in dem von den Bottichen aus geschütteten Koth herumzuwaten und „auf eigene Rechnung" nach Wachsstückchen zu suchen. Tags zuvor, am Freitag abends, hatte ich selbst die jüdischen Männer und Mädchen gesehen, die, wie die Störche in ihren hohen RLHrcnstiefcln sich durch die Kothmasse durchwinden mussten, um mit ihren Sieben noch die kleinen Wachstheilchen zu erhaschen, die den Wäschern entgangen sind. Und sie verrichteten diese Arbeit bis hart an die Grenze des Sabbats. Wie reich müssen ihnen gegenüber noch jene Proletarier sein, die schon um 12 Uhr ihre Arbeit einstcllen können! Den Tausenden jüdischer Arbeiter im galizischen Karpathendorf hat die Judenschaft bisher nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Man hat sie bisher nicht einmal gekannt und sich auch gar nicht um sie gekümmert. Und wenn gewiffe Kreise zu Abwchrzwecken jüdische Musterarbeiter brauchten, da wiesen sie hin auf das classisch gewordene Beispiel der Kolomeaer Talesweber, die bei allem Elend doch die Hoffnung haben, einmal selbständig werden zu können, weil sie mehr Kleinmeistergesellen als großindustrielle Arbeiter sind. Die jüdischen Arbeiter von Boryslaw blieben allein und ihrem Schicksal überlasten. Sie haben sich uns angeschlossen. Denn sie gehören zu uns, und das Werk, an dem wir arbeiten, ist dazu bestimmt, sie zu erlösen. Dir jüdische Lrhrfarm in Odessa. Bon I. Oetttrrger. Im August vorigen Jahres hielt ich mich einige Wochen in Odessa auf. Der eigentliche Zweck meines Aufenthaltes war das Studium der Gartenbauverhältniffe in der Umgebung der „Schönen des Südens", wie diese Stadt wegen ihrer Schönheit von den Russen genannt wird. Die gute Gelegenheit benützte ich aber auch, um zwei jüdische Lehranstalten kennen zu lernen, in denen Acker- und Gartenbau sich besonderer Pflege e^ssreuen. Die erste dieser Anstalten ist die vor etwa fünf Jahren gegründete Lehrfarm des Odcssaer jüdischen Waisenhauses. Dieses Institut wollte ich zunächst besuchen. Eines schönen Morgens begab ich mich per Tramway zum sogenannten „Hadjibeycr Liman." An der vorletzten Haltestelle machte mich der Conducteur auf zwei in der Ferne fichtbare rothe Dächer aufmerksam, und bemerkte, ich brauchte noch ungefähr eine Stunde, um zur jüdischen „Firma" zu gelangen. Ich marschierte auf die zwei rochen Dächer zu. Der langweilige Weg durch die öde, uncultivierte, fast vegetationslose und unbewohnte Landschaft endete nach einer guten Stunde bei einem Gemüsegarten, der augenscheinlich der jüdischen „Firma" angehören musste. Hier auf einer Erhöhung erheben sich hinter einer steinernen, nagelneuen Mauer etliche stattliche Häuser, darunter auch die zwei mit den rvthen Dächern. Ich erklimme die Anhöhe und stehe bei einer Krümmung des Weges plötz. lich vor einem jungen Weinberge in bester Ordnung. „Man gibt sich hier vielleicht Mühe, nur um zu prahlen", denke ich bei mir. Ich gehe weiter, trete durch daS Thor in den geräumigen Hof und stoße auf einen kerngesunden Burschen von etwa 16—17 Jahren, der gerade einen Wagen zum Einsammeln irgend einer Feldfruckt instandsetzt. „Erzieht man denn hier diesen Prachtkerl nicht etwa zur Rcclamc?" hätte ich mich jetzt fragen sollen. Ich stellte mir aber diese Frage nicht, da die Umgebung, die ganze Situation mich sie vollständig vergessen ließen. Der Jüngling führt mich nun zum Derwalter der Farm, Herrn A. S u ß m a n n, den ich um die gefällige Erlaubnis zur Besichtigung der Culturen an der Farm ersuche. Die Erlaubnis wird mir bereitwilligst ertheilt. Ich soll nicht nur die Resultate der Pflanzensondern auch die der Menschenerziehung sehen. „Wir wollen unsere Jungen bei der Arbeit aussuchen", meint nach einer kurzen Unterhaltung Herr S u ß m a n n und führt mich auf'S Feld, wo mehrere beim Dreschen beschäftigt sind. Es find gebräunte Gesichter, schon fast männliche Gestalten, echte AckerSleute in ihren Bewegungen und Handgriffen. Wie wenig erinnern sie doch in ihrem Acußern an die stets geduckt daherschreitenden Bewohner deS „AnfiedlungSrayons"! Im weiteren Rundgang durch den Besitz der Farm wissen die Zöglinge mich davon zu überzeugen, dasS fie den praktischen Arbeiten der GutSwirtschaft vollauf gewachsen find. Auch in mancher anderen Beziehung bieten sie Interesse. Da ist z. B. ein sechszehnjähriger „Märtyrer der Idee". Seit dem ersten Tage, da er vom Waisenhausvorstand auf der Farm angefiedelt wurde, bekam er eine lange Zeit sehr häufig Briefe von seiner Mutter, in denen sie ihn immerwährend beschwor, die Farm zu verlassen und in ein Agentur- Bureau als Lehrling einzutreten. Welches Enisetzen erfasste sie, als sie an einem Sommermorgen ihren heißgeliebten Sohn bei einer „schwarzen" (ordinären) Arbeit antraf! Die arme Frau konnte sich nicht mir dem Gedanken befteunden, dass ihr Sohn zum „Bauern" werden soll, während sie für ihn von einer ganz anderen CarriSre ttäumte. In einem Briefe an seine Mutter schrieb dieser junge „Bauer" unter arrderem folgender: „Ich bitte dich, liebe Mutter, nicht mehr in mich wegen des Verlaffens d.r Farm zu dringen. Ich habe mich fest und endgiltig entschlossen, nie den heiligen Beruf aufzugcben, zu dem ein glückliches Schicksal mich geführt hat". Die Thränen der Mutter, das Zureden verschiedener Tanten, alles half nichts. 9hm haben die Verwandten all' ihre Mühe endlich einstellen müssen. Doch der Jüngling hat seine Anhänglichkeit an die Mutter nicht verloren. Er schreibt ihr ziemlich oft die zärtlichsten Briefe, in denen er ihr daS Verständnis für die Bedeutung seiner Berufes beizubringen sucht. Und hier, diesen Burschen, der mit Kraft und Geschick die Weizengarben auf den hohen Wagen ladet, wollte sein Onkel die Buchdruckerkunst erlernen lassen. Doch auch ihn zog nach Beendigung der Waisenhausvolksschule das Leben auf der Farm mehr an, und er widerstand, unterstützt von seinen Erziehern, erfolgreich dem Drängen des Onkels. An solchen Beispielen, deren eS unter den Pfleglingen des Odessaer Waisenhauses noch manche gibt, zeigt sich die Wirksamkeit desselben im vollen Lichte. ES werden ihm höchst verwahrloste Waisen anverttaut, die überdies von ihren Eltern einen kräftigen Hang zur städtischen Lebensweise ererbt haben und doch gelingt eS ihm auf dieses schwer zu modellierende Element, dank der Farm, in der denkbar günstigsten Weise einzuwirken. Namentlich versteht es Herr Sußmann in ihnen dre Neigung zum beständigen Verkehr mit der Natur, die Liebe zur Arbeit und zur Lebensweise desLandmanneS zu wecken. Wenn auch seine Zöglinge in Zukunft keine directe Verwendung für ihr Können finden sollten, so werden gleichwohl die wohlthättgen Nachwirkungen dieser Regeneration ihnen selbst, und den Menschen, mit denen sie in Berührung kommen werden, zu Gute kommen. Bei näherer Bekanntschaft mit einigen dieser Ackerbaueleven fiel mir ihre Frühreife besonders stark auf. Arbeiten, die g:wöhnlich von Erwachsenen verrichtet werden, leisten sie mit Leichtigkeit. Man spricht mit so einem Knaben und wundert sich über die Verständigkeit seiner Antworten über den Ernst seiner Manieren. Es ist kein erheuchelter Ernst, keine erkünstelte Würde, keine Altklugheit. Der Gegensatz zwischen Alter und Gebühren wirft weder lächerlich, noch ist er abstoßend. Mit welcher fröhlichen Emsigkeit erntet dieser Knabe da mit den mädchenhaft lockigen Haaren seine Kartoffeln ein, indem er, ganz nach Art der russischen Arbeiter, zu seiner Arbeit ein bekanntes Volksliedchen fingt. Nach einiger Zeit ist er fertig, bringt die Kartoffeln auf einem Karren in die Küche hin. Nun will ich mir von ihm eine in dieser Gegend gebräuchliche Vorrichtung zum Säubern deS GetteideS, die er gerade handhaben will, erklären lassen. Seine Erklärung berücksichtigt den praktischen Wert der Vorrichtung, er zeigt mir, wie man mit dem Geräth umgeht, und bemüht sich mit lebhaftem Eifer, mir den nöthigen Kunstgriff betzubringen. Da« Bestreben des Herrn Sußmann, eines Mannes mit höherer landwirtschaftlicher Bildung und langjähriger pädagogischer Erfahrung, geht dahin, in seinen Schülern neben körperlicher Tüchtigkeit und mechanischem Können bewussten Sinn für ihre Arbeiten, sowie für ihre zukünftige Lebensstellung zu entwickeln. Herr Sußmann will keine „Bauern" in der schlimmen Bedeutung dieses Begriffe« aut ihnen machen. Auf ihre körperliche Ausbildung wird großes Gewicht gelegt, daneben werden die Zöglinge aber auch zu einer gesunden geistigen Arbeit angeregt; ihre Ausbildung soll nickt vernachlässigt werden. Auf der Farm befinden sich im ganzen 30 Schüler und 6 Schülerinnen. Die ersteren werden im Acker- und Gartenbau, sowie in der Vieh-, Bienen- und Seidenraupenzucht ausgebildet, die letzteren in der Haus- und Milchwirtschaft. Der Unterricht, welcher auf 4 Jahre berechnet ist, erstreckt sich hauptsächlich auf die Verrichtung der im GutSbetticbe vorkommendrn Arbeiten. Nur im Winter haben die Schüler täglich zwei bis drei Stunden theoretischen Unterricht, wobei sie mit den Anfängen d<r Naturwissenschaften und den Elementen der LandwirtschafrSlehre verttaut gemacht werden. Was den Umfang des theoretischen Unterrichtes in den Specialfächern anbelangt, so gibt darüber folgende kurze Ucbcrsicht einigen Aufschluss. Aus der Naturgeschichte wird den Schülern daS Wesentliche aus der Pflanzenanatomie und Physiologie mitgrtheilt (die Zelle und das Gewebe. Die einzelnen Organe und ihre Thätigkeit); in Kürze wird auch die Pflanzensystematik und Thierclassification durchgenommcn. Aus der Naturlehre werden einzelne Capitel über die Bestandcherle und Eigenschaften der Luft, über auf flüssige Körper sich beziehende Gesetze, über daS fpecifische Gewicht u. dgl. mehr behandelt. In Form von Besprechungen der einzelnen praktischen Arbeiten im Laufe ihrer Ausführung, sowie in Form von schriftlichen Ausarbeitungen während der Winterszeit, wird aus dem Pflanzenbau durchgenommen: die Classification der Bodenarten, BodenbearbeimngSmethoden, landwirtschaftliche Geräthekunde, Düngerlchre, Betriebssysteme, Fruchtfolgearten, Besprechung der einzelnen Acker- und Gartenbaueulturen. häufigere Feinde un Krankheiten der Culturpflanzen, Mittel gegen dieselben.