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Die Welt · 1898-01-07 · 1 (7.1.1898) · p. 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
1 (7.1.1898)
Article
Unter jüdischen Proletariern
Date
1898-01-07
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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«eite 4. Sh. 1. lose Reserve zum Hungertode verdammt, ist es der Antisemitismus, der hier die jüdischen Arbeiter, die arbeiten wollen und können, auf das Pflaster wirft. Aus den Wachsschmclzereien, in denen sie früher ausschließlich arbeiteten, sind sie bereits verdrängt; bei den Schächten werden sie immer mehr von christlichen Arbeitern ersetzt. Die Galizische Creditbank und die Wiener Länderbank, die den größten Theil der Bergbaue ihr eigen nennen, können darauf Anspruch erheben, den „neuen Strömungen zum Durchbruche verholfen" zu haben. Was sollen die jüdischen Arbeiter mit ihrer Arbeitskraft anfangen, für die es hier keine Nachfrage gibt? Selbst den Schacht-Ausiehern, die ausschließlich Juden sind, geht es schon an den Kragen. An einem Tage wurden auf der Grube 2 der Wiener Länder bank 12 jüdische Aufseher entlassen. Weiteren dreißig stand die Entlassung bevor, denn sie waren bereits gekündigt. An ihre Stelle treten christliche „Betriebsleiter". Einige jüdische Aufseher suchten mich auf und klagten mir ihr Leid. Sie wissen nicht, was anzufangen, wohin sich zu wenden, wohin. Ihre besten Kräfte haben sie hier gelassen und auf ihre alten Tage, erschöpft, aller Mittel bar, sollen sie zum Wanderstab greifen. Die anderen, die als Arbeiter-Elite noch um 10 Gulden Wochenlohn Aufseherdienste leisten dürfen, werden ihnen bald folgen. Die vom Landesausschuss begründete Bohrermeister-Schule, in die keine Juden ausgenommen werden, braucht freie Plätze für ihre Zöglinge. Und dann? „Wir sind alle reif, um nach Palästina zu gehen. Haben wir denn noch hier was zu suchen? Ich arbeite hier seit dem Jahre 1874; andere noch länger. Wenn wir arbeiten, haben wir kaum zu leben, und ohne Arbeit haben wir nicht einen Bissen für morgen." Der Sprecher der Aufseher, ein hoher, breitschultriger Mann mit intelligenten Gesichtszügen, sagte das im Tone eines feierlichen Glaubensbekenntnisses, und seine Berufsgenossen, die ihn begleiteten, und alle die Arbeitslosen, die sich zu ihnen gesellten, nickten zustimmend. „Sie sind alle reif, um nach Palästina zu gehen, alle." Einige von ihnen hatten sich bereits vor den hohen Feiertagen an den Obmann des „Zion" mit der Anfrage gewendet, ob sie denn noch für den Winter eine Wohnung zu mieten brauchten. In Palästina liegt soviel Boden brach und sic müssen hier die Hände müßig in den Schoß legen ... Die jüdischen Arbeiter von Boryslaw sind alle Zionisten, die Männer und die Frauen, die an ihrer Seite leiden und mitkämpfen. 756 Familien mit über 4000 Seelen, die größte Anzahl innerhalb einer galizischen Gemeinde, haben dem Baseler Congrcss ihre Bereitwilligkeit zur Auswanderung nach Palästina kundgegeben, und die Fünf-Gulden Antheilscheine der Tarnower Genossenschaft „Ahawas Zion" bilden bei vielen das kostbarste Familienkleinod. Die Socialdcmokratie aber vermochte es nicht, hier unter den jüdischen Arbeitern Wurzel zu fassen. Diese Erscheinung war mir seit langem bekannt, doch ich war außerstande, sie zu erklären. Wie, hier, wo das Großcapital Orgien feiert', wo die Kerntruppen des jüdischen Arbeiterproletariats zur lebenslänglichen Arbeitssclaverei verurtheilt sind, ohne die Hoffnung, jemals zur wirtschaftlichen Selbständigkeit zu gelangen, sollte der Socialdemokratie nicht das gelungen sein, was sie bei den paar Dutzend Borstensortierer, Talesweber, Gerbergehilfen u. dgl., die alle nur im Kleinbetriebe arbeiten, zustande brachte? Und wenn nicht, warum? Als ich die Verhältnisse in Boryslaw persönlich untersuchte, da erkannte ich den Grund. Den jüdischen Arbeitern vermag die Socialdemokratie nichts zu bieten. Der achtstündige Arbeitstag und das allgemeine Wahlrecht, das ganze Um und Auf dessen, was die Socialdemokratie innerhalb der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung anstrebt, sind kein verlockendes Ziel für Menschen, die man überhaupt vou der Arbeit aussperrt und denen man selbst die primitivste Vorbedingung zum Clafsenkampfe entzieht: das ExistenzminiPum. Die Tausende jüdischer Arbeiter schließen sich der Organisation nicht an, weil sich die Ausbeuter ihnen gegenüber nicht nur von den wirtschaftlichen Gesetzen der Plusmacherei, sondern auch von den Jnstincten des Racenhasses leiten lassen, die durch die internationale Arbeiter-Solidarität und durch den Classenkampf nicht zu besiegen sind. Mit Recht sagt Professor Ludwig Stein in seinem jüngst erschienenen Buch:*) „Die ökonomischen Schranken lassen sich durchbrechen, die der Racc nie". Mögen auch die Talesweber, Borstensortierer u. dgl. gegen ihre jüdischen Arbeitgeber donnern, sie erhalten von ihnen wenigstens Arbeit und Brot. Die jüdischen Arbeiter von Boryslaw können diesvon den christlichen Unternehmern nicht immer behaupten. Das führte sie zur richtigen Erkenntnis ihrer Lage und darum zum Zionismus. Wenn man hungert, will man zuerst trockenes Brot, und erst wennman dieses hat, kann man an eine wirtschaftliche Gleichberechtigung denken. Die jüdische Arbeiterschaft hat jetzt drückendere Sorgen als Classenkampf, Achtstundentag und allgemeines Wahlrecht. Sie will zuerst hinaus, hinaus aus dem galizischen Mizrajim. . . Nichts ist hier, was sie fesseln könnte. Wenn der Familienvater nach 12ftündiger Arbeitszeit erschöpft nachhause kommt, da findet er eine kalte, feuchte Stube und in ihr oft Spuren des Regens vor, der durch den morschen Plafond dringt. In der Wohnung eines Kurbeldrehers fand ich in der Mitte des Zimmers einige Töpfe, dazu bestimmt, das herabtropfende Wasser aufzufangen. Hier wohnt ein Ehepaar mit fünf Kindern und einer alten Mutter. Der Jahreszins beträgt 30 Gulden, zahlbar in Wochenraten. Hätten die Leute nur 5 Gulden, dann könnten sie eine andere Wohnung mieten. Ja, wenn sie hätten! Bei 3 Gulden 60 Kreuzern Wochcnlohn — wie sollten sie zu diesem Capital gelangen? Ich habe nur das eine Beispiel herausgegriffcn. Nach den Wohnungsbeschreibungen von Kolomea und Stanislau lässt sich nicht viel Neues mehr sagen. Es ist hier nicht besser; ja, es ist noch ärger wegen der häufigen Bodensenkungen und der klebrigen, die Fäulnis begünstigenden Erdfläche. Mein Begleiter, ein alter Religionslehrer der Baron Hirsch'schen Schule, der seit Decennien hier lebt, war über die Wohnungsverhältnisse entsetzt. So arg hat er es sich selbst nicht gedacht. Wer besucht denn die Wohnungen der Armen? Aber dass die Creditbank und die Länderbank, die die meisten dieser Arbeiter beschäftigen, gar keine Initiative dazu ergreifen, um diesen schändlichen Zuständen ein Ende zu setzen und an Stelle der Höhlen billige und doch menschenwürdige Arbeiterwob nungen zu errichten, wie es an anderen Orten einzelne Fabriksbesitzer schon längst gcthan haben, das mag hier nicht unerwähnt bleiben. Die christlichen Arbeiter, die aus den ruthenischen oder galizischen Dörfern zumeist ohne Familie Herkommen, leiden unter der Wohnungsmisvre noch mehr. Sie schlafen in den schmutzigsten Massenquartieren, die uns erst jüngst in einem Artikel der „Deutschen Worte"**) so anschaulich geschildert wurden. Bei den Juden hingegen herrscht wenigstens eine musterhafte Reinlichkeit und Sauberkeit. Sie würden alle jene in Erstaunen setzen, die, gewohnt mit großstädtischem Maßstab zu messen, die galizischen Juden verächtlich anblicken, vielleicht, weil sie es selbst bis zu Kragen und Manschetten gebracht haben. Aber man vergleiche die galizischen Juden mir ihren bäuerlichen Nachbarn! Und dazu haben wir in Boryslaw die beste Gelegenheit. Es ist Freitag nachmittags. Wer nicht gerade infolge außerordentlicher Umstände auf die paar Sechserl Nachmittagsverdienst angewiesen ist, hat schon um 12 Uhr die Arbeit eingestellt. Der erste Weg führt ihn ins Badhaus. Daheim hat die Hausfrau inzwischen die Wände frisch betüncht, den Fußboden gewaschen, ihre Schürze, Jacke und ihr Kopftuch gewechselt, die Barches und Messingleuchter auf de» Tisch gestellt. Prinzessin Sabbath ist eingezogen. Jede Trübsal ist geschwunden, jede Sorge wird verbannt, die schmutzigen Arbeitskleider weichen dem Atlaschalat und der traditionellen Pelzmütze. Es folgt ein Tag, geweiht Gott und der inneren Erbauung. Hier wird es wahr, was Heine, der uns in *) „Die sociale Frage im Lichte der Philosophie. "Smttgart,Enke, 1897. **) „Erdöl und Erdwachs in Galizien." Bon Ignaz L e i ch n e r. Novemberhest. Jahrgang 1897.

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