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Die Welt · 1914-09-25 · 32 (25.9.1914) · p. 809

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
32 (25.9.1914)
Article
Wie wir David Wolffsohn begruben
Date
1914-09-25
Page
809 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 32 809 DIES^ELT hatte, im Namen aller seiner Freunde und Gesinnungsgenossen den Schwur rDtrn “rQ3?x cs! Die schwarz-goldene Fahne der Hasmonaea senkte sich zu Ehren des Verstorbenen. Die jungen Zionisten aber stimmten, wie es David Wolffsohn gewünscht hatte, während die Erdschollen auf den Sarg niederfielen, das Od lo aw’da tikwathenu an. Ein Kaddisch in der Halle beschloß die Beisetzungsfeier. Abends begaben sich die Verwandten und Freunde des Verstorbenen zum Gottesdienst in die Synagoge in der Glockengasse, in der David Wolffsohn zu beten pflegte. Dort hielt vor dem Sabbat-Abendgebet Herr Rabbiner Dr. Rosenthal dem Dahingeschiedenen diesen Nachruf: Der Sabbat naht. Doch bevor er eingetreten ist in diese Hallen mit seinem Trostgebot: „Höret auf zu klagen!“, laßt uns noch einmal bedenken, was wir heute zusammen erlebt haben. An den Toten des heutigen Tages laßt uns denken, in diesem Gotteshaus, das auch sein Gotteshaus gewesen ist. Da hören wir, als verstände es sich von selbst, das Wort der Schrift an uns gerichtet: psj ■?*“:;* “13? 'C 'y”r >?*?“ Vx“13?,C CV“ „Wisset Ihr nicht, daß ein Fürst und Großer heute gefallen ist in Israel?“ Und wir alle, die hier versammelt sind, und mit uns hunderte und aberhunderte aus allen Teilen der Welt, die sich im Geiste mit uns um seine Bahre heute vereinigt haben, alle antworten sie auf diese Frage, die ein David einst gefragt, um des David willen, den wir heute zu Grabe getragen, mit einem einzigen, aus dem Grund der Seele kommenden ja! Wir wissen, daß ein Fürst und Großer heute gefallen ist in Israel. So könnten wir unseren Nachruf wahrlich schließen und uns nur stumm unter der Wucht, des Schicksals beugen, das ihn uns entrissen hat — so wie wir beute vormittag stumm ihn begruben. Aber dennoch drängt es uns, zu verdeutlichen, was wir an ihm verloren haben, auf daß er uns unverloren sei. So sei es denn in drei kurzen Sätzen bekundet, worin er Tili* "13? worin er „groß und fürstlichen Geschlechtes“ gewesen ist, mit seiner Persönlichkeit eingezeichnet in die Blätter der jüdischen Geschichte. Er war groß in seinem Menschentum. Wer hat in sein strahlendes Auge geblickt, ohne daran voll Glauben zu hangen; wer hat seinem tönenden Worte gelauscht, den es in den Bann nicht gezogen hätte: wer hat seiner Hände markigen Druck verspürt und hat sich ihm nicht verbunden gefühlt und in Freundschaft zugetan? Er war ein Mann, ganz Herz, ganz Menschenliebe, zum Helfer geboren, ein Freund der Armen, ein Annehmer der Unterdrückten, ein Vater der Waisen. Er sah tausend Augen auf sich gerichtet, voll Hoffnung und Vertrauen, und hat ihre Zuversicht nicht zuschanden gemacht. Jedem hat er etwas gegeben, nein, jedem hat er das Beste gegeben, denn jedem gab er sein ganzes, gütiges, menschenfreundliches Herz. War er groß in seinem Menschentum, so war er größer noch in seinem Judentum. Hier lebte etwas in ihm von einer geheimnisvollen Urkraft, von einem lohenden Feuer, das herausbricht aus seinem Herd und leuchtet und entzündet, und sturmgleich die anderen milentflammt. Diese jüdische Kraft des Eingewurzeltseins im jüdischen Boden hat seinen Weg bestimmt, hat ihn zu dem gemacht, der er hat werden sollen: zum Führer in Israel. Nicht theoretisches Wissen und akademische Bildung, nicht Philosophie und Spekulation — der lebendige Drang hat ihn zu den Höhen emporgerissen, von denen er, nach Theodor Herzls Tod, die Geschicke des Zionismus und damit eines großen Teils der Judenheit in aller Welt geleitet hat. Und in seinem Wort auf Versammlungen und Kongressen kam eine große Idee zum überwältigenden Ausdruck, und so hat er dem so heiß von ihm geliebten Judentum das Banner vorangetragen und seine besten Kräfte und seine besten Jahre als ein selbstverständliches Opfer willig ihm dargebracht. Und war er groß in seinem Menschentum, und größer in seinem Judentum, so war er am größten in seinem Leid. Die Spitze erreichen, unter Hunderten von Tüchtigen die Führerschaft erringen, ist schwer; auf das Führeramt verzichten, das eigene Hochziel der klugen Raison der Zeitumstände unterordnen, ist schwerer. Hier aber wird sein Leben in Wahrheit groß; hier beginnt die Tragik seines Lebens. Es ist eine andere Tragik, wie die auf Theodor Herzls Schicksalsweg. Der starb auf der Sonnenhöhe, den sieghaften Blick gerichtet auf das im Geiste schon eroberte, altneue Land. Nicht so David Wolffsohn. Er, dem man in Berlin und Paris, in Wien und London zugejubelt, dem man in Südafrika Triumphpforten erbaut und in Palästina fürstliche Ehren erwiesen hatte, — er war vor der Zeit ein stiller Mann geworden. Einsamer ward es um ihn, Krankheit und Schicksalsschläge, zumal der Verlust seiner Frau, senkten sich wie ein kältender Reif auf sein wares, lebensprühendes Herz, und dennoch blieb er er selbst, blieb die gleiche Güte, die gleiche Hilfsbereitschaft, das gleiche goldene Gemüt, der gleiche felsenstarke Glaube an die Zukunft des Judentums. In schwerer, ernster Zeit ist er von uns gegangen. Und verstummt ist die Posaune, die er erhoben hat, da er wie einen Gottesruf in sich vernahm: ürtirV“ TV73 “13'3'2 ypn „Stoß in den großen Schofar zu unserer Befreiung.“ Aber so gewiß dieser große Schofar einmal ertönen wird, in gottgewollter Zeit, wenn auf blutgedüngtem Boden sich endlich das Reich des Völker- und Menschenfriedens erhebt, im Geist unserer Thora und unserer Propheten —: so gewiß werden wir David Wolffsohn nicht vergessen. Der Sabbat naht. Unter denen, die draußen im Vorhof harren, ist keiner, der trauert um David Wolffsohn. Keiner, der darauf wartet, um seinetwillen den Sabbattrost aus unserem Munde zu vernehmen. Und doch, wie seltsam: Ihr alle wartet ja darauf, und mit Euch tausende in allen Landen! Und niemals noch drang er aus tieferem Herzen und trat innigeres, edleres .Verlangen, der alte Spruch der Sabbattröstung, den ich Euch nunmehr künde: Der Herr möge Euch trösten und alle, die trauern um Zion und Jerusalem! Amen. Wolffsohns letzte Tage David Wolffsohn weilte die letzten Wochen im Sanatorium des Herrn Dr. Pariser zu Homburg v. d. Höhe. Sein schweres Herzleiden hatte zuletzt rapide Fortschritte gemacht. Trotzdem hielt man seinen Zustand nicht für besorgniserregend, da er schon eine Reihe schwerer Anfälle überstanden hatte. Sein Geist blieb überaus rege. Der Krieg beschäftigte ihn ununterbrochen. Fortwährend entwarf er Pläne politischer Natur, und bis in die letzten Stunden seiner Bewußtlosigkeit hinein weilten seine Gedanken bei Krieg und Frieden. Er sprach sehr viel von diesen Dingen und ließ sich fortlaufend Bericht über den Gang der Ereignisse erstatten. Als in den ersten Tagen des Krieges die Spionenfurcht die Gemüter beherrschte, wandten sich mehrfach russisch-jüdische Familien in Homburg an Herrn Wolffsohn mit der Bitte um seine Vermittlung, und es entbehrt nicht der Tragik und spricht mehr als alles andere für sein gutes jüdisches Herz, daß der letzte Ausgang, den der schwerkranke Mann unternahm, diesen Angelegenheiten gewidmet war: er nahm an einer Besprechung teil, die sich mit der Lage der in Bad Homburg zurückgebliebenen russischen Kurgäste befaßte, und es gelang ihm auch, einer Reihe von bedrängten Familien behilflich zu sein. Dann aber nahmen seine Kräfte rapide ab. Man bat den bekannten Spezialisten, Herrn Dr. Herz aus Wien, der mit Herrn Wolffsohn auch in freundschaftlichen Beziehungen gestanden hat, telegraphisch an sein Krankenbett. Der bekannte Arzt scheute die großen Mühen der Reise nicht und eilte an das Krankenbett seines Freundes. Es war rührend zu sehen, wie der Besuch des bewährten Arztes und Freundes auf den Zustand Wolff sohns einwirkte. Seine Freude, als er von dem Kommen des Herrn Dr. Herz hörte, war unbeschreiblich, und tatsächlich war er während der Anwesenheit des Arztes wie verwandelt. Nach der Abreise des Herrn Dr. Herz verschlechterte sich aber sein Zustand sehr schnell. Sein Bewußtsein trübte sich, die Anfälle nahmen an Heftigkeit zu, die schreckliche Atemnot setzte immer stärker ein. Als der Zustand gefährlich erschien, benachrichtigte man die Verwandten und die nächsten Freunde Wolffsohns, doch konnte niemand mehr rechtzeitig in Homburg eintreffen. Der Tod trat ganz sanft und ohne jeden Todeskampf ein. Trude Herzt und Herr Dr. Pariser weilten am Sterbelager. Dem Actions-Comite sind anläßlich des Todes von David Wolffsohn zahlreiche Beileidskundgebungen zugegangen. Aus der Fülle der Kondolenzen heben wir zunächst nur die folgenden heraus: Die Mitglieder des Actions-Comites: Dr. E. W. Tschlenovv, Moskau, Dr. Victor Jacobson, Die David Holffsohn-üedenfcnununer der „Weit“ erscheint in etwa vier" 9901

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