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Die Welt · 1914-09-25 · 32 (25.9.1914) · p. 808

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
32 (25.9.1914)
Article
Wie wir David Wolffsohn begruben
Date
1914-09-25
Page
808 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 32 SOS .-= die^Kelt-— - - Wie wir David Wolffsohn begruben Strömender Regen umpeitschte den Zug, der uns in finsterer Nacht vorbei an rauchenden Schloten und flammenden Hochöfen durch das Industriegebiet gen Westen trug. Und ein grauer, trüber Himmel lag über dem waffenstarrenden Köln, als wir durch die von den dröhnenden Schritten der Wehrmacht widerhallenden Straßen zum Sachsenring schritten, nach der von grünen Bäumen umrauschten Straße, die so lange des toten Führers Wohnstätte geborgen hatte. Draußen vor der zierlichen Villa drängt sich schon eine schwarze schweigende Menge, darunter auch manches fremde Antlitz, das neugierig lugt, wie der große, bärtige Mann, dessen imposante, wuchtige Gestalt man nun schon seit Monaten nicht mehr durch die Straßen Kölns wandein sah, zur letzten Ruhestätte geleitet würde. Beim Eintritt in das Heim David Wolffsohns empfindet derjenige, der zum ersten Male den Fuß über diese Schwelle setzt, ein seltsames Gefühl in sich aufsteigen. David Wolffsohn, der Mensch, der feinsinnige Mann von erlesenem künstlerischem Empfinden, tritt uns plastisch aus dem Rahmen seines Hauses vor Augen und harmonisch fügt sich dieses Bild dem des Führers und Kämpfers ein, das auch diejenigen von uns im Herzen trugen, die niemals näher in den Bannkreis seiner Persönlichkeit geraten waren. Dieses Schmuckkästchen einer Villa, dem jüdische Kunst von den feierlich anmutenden Glasmalereien bis herab zum kleinsten Holzbüchschen und üiiderrahmen ein einheitliches, kernjüdisches Gepräge aufgedrückt hat, muß einen wurzelfesten Juden in sich geborgen haben, dessen Gedanken in die Vergangenheit seines Volkes hinabzutauchen und sich an seiner Zukunft in stolzem, unbeirrbaren Glauben zu erheben liebten. Und inmitten des tiefen Schmerzes, mit dem wir Wolffsohns Haus betreten, regt sich der Gedankein uns, oaö MtilT., so köstlich seine starke jüdische Eigen- \ ari wiederspiegelt, in seiner jetzigen Form erhalten bleiben In einem Zimmer zu ebener Erde, zu Füßen eines lebensgroßen Bildes, das den Heimgegangenen in der Fülle seiner Manneskraft zeigt, steht der schmucklose, mit blau-weißem Flaggentuch bedeckte Sarg. Tiefe Bewegung umfängt uns alle, während die warme, eindringliche Stimme des Rabbiners Rosenthal durch den Raum tönt. In klangvollen hebräischen Worten ruft er dem Toten die Segenssprüche und den Dank von hunderttausenden Juden zu und erschütternde Töne weiß er für die glühende Liebe Wolffsohns für sein Judentum, dem er ein Führer und Vorkämpfer gewesen, zu finden. Und dann schwankt der Sarg hinaus auf die herbstliche Straße und in langem, langem Trauerzuge wandern« wir hinter dem schwarzen Wagen, durch die von brandendem Leben erfüllten Straßen, und weiter, über die von trüben Nebeln umsponnene Rheinbrücke hinaus, dem Friedhof entgegen. Ein langer Zug, und doch nur ein so verschwindend geringer Teil derer, die heute im Geiste Wolffsohns Leichenbegängnis folgen, oder die erst nach Wochen in den Stürmen des Krieges, der durch das alte Europa braust, die Trauerkunde von dem Heimgange eines Großen in Israel er- Draußen in der Leichenhalle erklingen noch einmal die Gebetworte, unter denen wir die sterbliche Hülle eines Bruders der Erde zurückgeben. Beim Heraustreten aus der Halle prasselt der Herbstregen auf uns hernieder, aber durch die Nebelschwaden ragt klar und majestätisch ge- . rade vor uns, am jenseitigen Rheinufer, die mächtige Silhouette des Domes empor. Vorbei schreiten wir an Gräbern, auf denen so mancher gute jüdische Name zu lesen ist. Auch der streitbare scharfe Denker, .der vor einem halben Jahrhundert ebenfalls vom Rhein her seine mahnende Stimme an die Judenheit ertönen ließ, Moses Heß, liegt auf diesem Gottesacker begraben, dort weiter drüben, wo die alten Gräber stehen, um die schon üppig das Unkraut sprießt. Und abermals stürzen Regenströme hernieder, als wir am frisch aufgeworfenen Grabe angelangt sind und langsam der Sarg sich in die Tiefe senkt. Leise und zaghaft erst erklingt das Lied unserer Hoffnung, das David Wolffsohn an Stelle aller Reden an seinem Grabe angestimmt haben wollte — die H a - tikwah. Und als wir die zweite Strophe beenden und nunmehr kräftig und voll wie ein feierliches Gelöbnis das O d 1 o o w d o erschallt, und als am offenen Grabe Eduard Leszynsky, am Arm die tief verschleierte Trude H e rzl, der der Entschlafene ein zweiter Vater gewesen, die Hand zum Treueschwur erhebt, — und mit ihm wir alle — da durchbricht für wenige Augenblicke ein Sonnenstrahl die dichte Wolkendecke. Er vergoldet mit seinem sieghaften Schein das frische Grab des toten Führers, dem wir brennenden Auges die drei Schaufeln Erde in die Gruft nachwerfen. Einst werden wir den Leichnam David Wolffsohns - seinem letzten Willen gemäß — gemeinsam mit den Ueberresten Theodor Herzls hinaufführen über das Meer in das „Sonnenland unserer Hoffnungen". Hans Goslar. Die Beisetzung David Wolffsohns fand am Freitag, den IS. September (am 27. Elul) in Köln statt. Ein großes Trauergefolge fand sich um 11 Uhr vormittags vJr dem Hause David Wolffsohns, am Sachsenring 26, ein, um dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Vielen war es durch den Krieg und durch die schlechten Zugverbindungen nicht möglich, rechtzeitig zur Beerdigung in Köln einzutreffen. Das Engere Actions-Comite war durch die Herren Professor Warburg und Dr. Hantke, das Große Actions-Comite durch seine Mitglieder Justizrat Dr. Bodenheimer, Jean Fischer und Dr. Klee vertreten. Der Vorstand und das Repräsentantenkollegium der Jüdischen Gemeinde Köln waren fast vollzählig erschienen. Vertreten waren die Zionistische Vereinigung für Deutschland, die Jüdische Turnerschaft, die Zionistische Ortsgruppe Köln, der Jüdische Turnverein Köln, das Präsidium des Herzl-Bundes Berlin, der Herzl-Club Köln, die Zionistischen Ortsgruppen: Bonn, Duisburg, Essen, die Beamten des Zionistischen Zentralbureaus in Berlin und des Hauptbureaus des Jüdischen Nationalfonds in Köln, das Kartell Jüdischer Verbindungen, das eine Abordnung mit der Fahne der Verbindung Hasmonäea im K. J. V. entsandt hatte, deren Ehrenmitglied der Verstorbene war. Unter den Anwesenden bemerkte man u. a. Rabbiner Dr. Carlebach, Köln, Rabbiner Dr. Emil Cohn, Bonn, Rabbiner Dr. Hanover, Köln, Dr. Eduard Leszynsky, Berlin, Dr. Epstein, Duisburg, Dr. Edelstein, Bonn, Max Go Id reich, Beuel. Nach einer kurzen Trauerfeier im Hause des Verstorbenen, bei der Herr Rabbiner Dr. Rosenthal dem Dahingegangenen herzliche Worte des Abschieds widmete, begab sich der Trauerzug durch die Straßen Kölns zum jüdischen Friedhof in Deutz. Dort sprach Rabbiner Dr. Rosenthal das ’.Vys 2"Q7i Als der Sarg in die Gruft gesenkt war, trat Dr. Leszynsky vor und erneuerte, wie David Wolffsohn es an Herzls Grab getan

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