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Die Welt · 1914-07-31 · 31 (31.7.1914) · p. 790

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
31 (31.7.1914)
Article
Bejahung und Verneinung des Galuth
Date
1914-07-31
Page
790 (sequence 3)
Language
German
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790 -- -.- — — DIBBELT Nr. 31 für sich keine Bedeutung. Die Franzosen sind nicht deshalb Franzosen, weil sie in Frankreich leben. Wo Juden beisammen in Massen sind, da ist auch ihr Land. Die Sprache? Die Sprache steht ebenfalls fertig da, es ist die, die die Majorität des Volkes spricht. Es sei nicht abzusehen, wie eine Sprache der Minorität, die doch das Hebräische bei seinen besten Erfolgen immerhin bleiben wird, zu einer einheitlichen Sprache des jüdischen Volkes je proklamiert werden könne. Die kulturellen Güter und Interessen! . . . Die entstehen, werden erhalten und vergehen zusammen mit ihrem konkreten Träger, dem Volke. Das sind ungefähr die Grundtendenzen und die Grund- Stimmungen, von denen die Anschauungen der alljüdischen Bewegung im großen und ganzen getragen werden, oder eventuell getragen werden könnten, und denen wir einen logischen Ausdruck zu geben versuchten. Wir haben es mehrmals ausgesprochen, daß die alljüdische Bewegung im Grunde ihres Wesens eine kritische Bestätigung der Galuthwirklichkeit darstellt. Jedenfalls will sie als solche gelten, wiewohl sie den Namen kritische Bejahung nie im Munde führt. Alle Einwände, die sie gegen die zionistische Ideologie erhebt, stammen aus dieser ihrer kritischen Besonnenheit, aus der Voraussetzungslosigkeit ihrer Methoden, mit denen sie an die Fragen der jüdischen Wirklichkeit herantritt. - Wollen wir nun Zusehen, ob sie wirklich so voraussetzungslos ist, wie es auf den ersten Blick den Anschein haben könnte, und ob sie nicht implicite alles das in sich enthält, was sie der sogenannten zionistischen Ideologie vorwirft. Zunächst ist es klar, daß das Alljudentum weit entfernt davon, die Diasporawirklichkeit und den Diasporajuden einfach hinzunehmen, wie sie uns die geschichtliche Entwicklung gegeben hat, an diese Wirklichkeit vielmehr mit ganz bestimmten Forderungen herantritt. Wir wollen vorderhand gänzlich davon absehen, ob diese Forderungen im Rahmen der Diasporawirklichkeit erfüllbar sind oder nicht, jedenfalls ist es sicher, daß diese Forderungen eine ganz bestimmte Ideologie konstruieren, die sich von der schlichten Lebenspraxis in eben dem Maße abhebt, wie die von alljüdischer Seite so gerügten „zionistischen Abstraktionen“. Von einem rein logischen Standpunkte aus betrachtet, haben wir nichts gegen einen Menschen einzuwenden, der die Behauptung aufstellt, die Diasporawirklichkeit und der Diasporajude müssen gerade so hingenommen werden, wie sie uns der geschichtliche Entwickelungsgang gegeben hat. Aber er ziehe die Konsequenzen aus seiner These, und trage die Verantwortlichkeit für sie: Er nehme diese Diasporawirklichkeit, wie sie in der Tat gegeben ist, mit all ihrer Zerrissenheit, all ihrem Chaos, all ihren inneren Widersprüchen und Wirrnissen, er nehme den Diasporajuden, wie ihn die Geschichte gezeigt hat,, mit seinen ausgesprochenen assimilatorischen Tendenzen, mit seiner sehr charakteristischen Neigung, sein eignes Wesen zu verleugnen, die in dieser Prägnanz und Schärfe bei keinem anderen Menschen, keiner anderen Nation auf dem Erboden hervortritt. Diese Konsequenz zieht eben die Assimilation, und insofern ist sie logisch unanfechtbar. Die Assimilation ist eben die einzige, wirklich voraussetzungslose Bejahung des Diasporamenschen, denn sie nimmt ihn, wie er ist, und nicht wie er eventuell sein könnte, oder sein sollte. Wer aber in dieser Diaspora neue und fruchtbare Möglichkeiten erblickt, sie in seinem Geiste entwirft, um sie dann in der Gestalt eines Sollens der gegebenen Wirklichkeit aufzudrängen, der steckt schon tief in ideologischen Konstruktionen mit dem aller Ideologie innewohnenden Streben, die Wirklichkeit nach einem vorgefaßten Plane umzuformen. Und der Plan des Alljudentums weist in allen Stücken eine merkwürdige Analogie mit der so arg verfehmten zionistischen Ideologie auf. Zunächst das territoriale Zentrum. E$ fällt dem Alljudentum nicht im geringsten ein, die Judenheit in ihrer diasporamäßigen Zerstreutheit zu nehmen, sondern es ist, analog der zionistischen Ideologie, bestrebt, all seine Aufmerksamkeit auf bestimmt umrissene Gebiete zu lenken, auf alle jene Gebiete nämlich, wo Juden in Massen beisammen wohnen. Es verschlägt dabei nichts, wenn das Alljudentum die Masserihaftigkeit ausspielt, das . Beisammensein auf einem bestimmten Fleck, die Hauptsache daran ist, daß es ganz im Sinne zionistischer Bestrebungen eine strenge Auswahl unter Territorien trifft, und mit Vorliebe sich für gewisse Distrikte entscheidet. Das Alljudenfüm huldigt dabei einer weit schärferen Abstraktion als der Zionismus, denn dieser denkt nicht im geringsten daran, alle anderen Gebiete außerhalb Palästinas aus seinem Gesichtskreis auszuschalten, - während für das Alljudentum ganze Gebiete außerhalb gewisser jüdischer Konzentrationspuhkte einfach wegfallen. Das Alljudentum hat ein einziges großes Territorium im Auge, das geographisch in sich geteilt sein mag, das es aber gedanklich als das einzige jüdische Land bezeichnet. Und dann die Sprache. Auch in diesem Punkte zeigt sich das Alljudentum von einer ganz extremen Exklusivität, denn es will alle unter den Juden üblichen Umgangssprachen zugunsten einer einzigen, des Jiddischen, streichen. Fern liegt es uns dabei, gegen das Jiddische als solches aufzutreten, in welchem wir ganz im Gegenteil ergiebige Möglichkeiten erblicken. Aber darauf kommt es hier nicht an. Worauf es uns hier ankommt, ist lediglich zu zeigen, daß das Alljudentum auch in Hinsicht der Sprache eine strenge Auswahl trifft. Und last not least — die Erhaltung und Pflege utnserer nationalen Werte. Das Alljudentum in der Person seiner besten und vernünftigsten Vertreter will die nationalen Werte des jüdischen Volkes erhalten und gepflegt Wissen. Darin teilt es vollständig die zionistischen Bestrebungen. Das Alljudentum ist also im großen und ganzen ungefähr von denselben zentralistischen Tendenzen getragen wie die sogenannte zionistische Ideologie, und derartige zentralistische Tendenzen muß jede gesellschaftliche Bewegung innerhalb des Judentums naturgemäß aus sich entwickeln, sobald sie aus einer bewußten Reaktion gegen das alles aufsaugende Milieu der Diasporawirklichkeit hervorgeht. Dies muß jedermann einleuchten, sobald man bedenkt, daß jedes derartige Reagieren eine gewisse zentripetale Tendenz notwendig in sich schließen muß, ein gewisses Streben nach innen, eine gewisse Einkehr in sich, ein gewisses Sichkonzentrieren auf diese oder jene bestimmten Punkte. Die Ideologie des Alljudentums ist von der des Zionismus prinzipiell nicht verschieden. Das Alljudentum wählt und schließt aus, ganz im Sinne zionistischer Bestrebungen. Bleiben die jeweiligen praktischen Aufgaben, die die Diasporawirklichkeit mit sich bringt und bringen muß, so lange sie besteht, und denen, wie wir auch zugeben können, der Zionismus vielleicht nicht die ganze ihnen gebührende Beachtung schenken mag. Dies ist aber ein Fehler der Taktik, nicht des Prinzips. Im zionistischen Prinzipe als solchem liegt es ganz und gar nicht, die Gegenwart zu vernachlässigen, geschweige denn sie zu ignorieren. Es erhebt sich aber zuletzt die entscheidende Frage: Wenn beide Bewegungen prinzipiell von ähnlichen Tendenzen getragen werden, ob nicht die eine von ihnen vor der anderen etwas voraus hat, und wenn ja, worin dieser Vorzug bestehen mag? Mit der Erörterung dieser Frage wollen wir uns in einem zweiten Aufsatze beschäftigen.

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