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Die Welt · 1914-07-31 · 31 (31.7.1914) · p. 789

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
31 (31.7.1914)
Article
Bejahung und Verneinung des Galuth
Date
1914-07-31
Page
789 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 31 789 DIES^ELT in sich zuslammenbrechen, sobald die naive Auffassung von der Bestimmung des jüdischen Volkes einer historischkritischen zu weichen begann. Die Ueberwindung der theologischen Anschauungen, in denen bisher das jüdische Denken im großen und ganzen befangen war, mußte notwendig eine radikale Umwertung der bisherigen nationalen Werte nach sich ziehen, eine Umwertung, die sich in einer entschiedenen Verneinung des ' Galuthzustandes äußerte. Und da zeigt sich eine bemerkenswerte Erischeinung, die in vielen Beziehungen zu denken gibt: eine entwicklungsfeindliche, streng orthodoxe psychische Konstellation, die das Galuth für einen permanenten Zustand des jüdischen Volkstums, das Galuthhafte überhaupt für einen wesentlichen Zug in der geistigen Physiognomie des jüdischen Volkes hielt, und die sich aus diesen oder jenen inneren Gründen veranlaßt sah, ihre Religiosität aufzugeben und sich anderen Werten zuzuwenden, mußte notwendig mit der Negierung des Galuth zu einer solchen des jüdischen Volkstums überhaupt gelangen. Eine streng orthodoxe Gesinnung, die die ganze Zeit hindurch in der festen Ueberzeugung lebte, daß das Galuth dem Judentume von Gott beschieden und daß daran nicht zu ändern sei, mußte zu assimilatorischen Tendenzen führen, sobald sie einmal dazu kam, die Göttlichkeit zu leugnen und mit ihren religiösen Anschauungen überhaupt zu brechen. Eine minder starre Gesinnung hingegen, der der kulturelle Gehalt der jüdischen Religiosität von jeher weit mehr bedeutete, als seine religiöse Umhüllung, kam zu einer ganz anders gearteten Negierung des Galuth, einer Negierung zugunsten eines höheren Ideals. Die Verneinung des Galuth hatte für sie eine ganz positive Bedeutung; die innere Regeneration des jüdischen Volkes — ein Gedanke, der in den zionistischen Bestrebungen seinen Ausdruck fand. Aus dieser Verneinung heraus erwuchs in der letzten Zeit innerhalb des Judentums eine gesellschaftliche Bewegung, die unter dem Namen des Alljudentums auftritt, die sich ebenfalls die innere Regeneration der jüdischen Volksseele zur Aufgabe macht, aber ohne die Voraussetzungen, die der Zionismus an diese Aufgabe knüpft, vor allem ohne die Voraussetzung eines einheitlichen Territoriums, und die wir am liebsten als die kritische Bejahung des Galuth bezeichnen möchten. Das sogenannte Alljudentum will durchaus das Galuth bestätigen, aber es ist nicht mehr diese uns so sehr vertraute, naive, altväterliche Bejahung, denn die alljüdische Bewegung ging aus dem Feuer der kritischen Verneinung hervor, und brachte mit sich eine kritische Besinnung auf die Zustände des Galuth, eine kritische Besinnung insofern, als sie sich der Widersprüche, die das Galuth in das jüdische Leben hineinträgt, klar bewußt ist, und energische Versuche macht, sie zu beseitigen. Die alljüdische Bewegung ging naturgemäß von der zionistischen Hauptprämisse aus: der Besinnung auf das nationale Selbst, allein ihre Konklusionen bewegten sich in anderer Richtung. Wir finden daher, daß der Zionismus im allgemeinen der all jüdischen Bewegung bisher nicht die Beachtung geschenkt hat, die sie verdient, daß er das Alljudentum nicht ernst genug genommen hat, was wir für einen schweren Fehler seinerseits halten, und daß nichts so sehr zu der Klärung der Situation beizutragen vermöchte, als eine vollkommen sachliche Prüfung des alljüdischen Standpunktes. Die alljüdische Bewegung ist, wie gesagt, eine kritische Bejahung des Galuth, eine kritische in dem Sinne, als sie die Bestätigung des Galuth von all jenen Voraussetzungen säubert und unabhängig macht, die ein vornehmlich religiös gerichteter Geist in diese Anschauung hineintrug. Das Alljudentum macht tabula rasa mit all jenen halb mystischen, halb romantischen Vorstellungen, die eine religiöse Sanktion um das Galuth wob. Es will sich ausschließlich und voraussetzungslos an die nackten Tatsachen, die nackte Empirie halten, und sie glaubt, erst auf dem Boden dieser Empirie eine wirkliche Renaissancebewegung einleiten zu können. Von diesem Standpunkte aus unterwirft sie die zionistische Ideologie einer herben Kritik, die, mag sie zutreffen oder nicht, jedenfalls unsere ganze Aufmerksamkeit verdient. Sehen wir zu, worin ihre Sätze bestehen, ihre Einwände gegen die zionistischen Bestrebungen werden sich schon von selber er- Diese kritische Bejahung des Galuth sucht ihre Regenerationsbestrebungen an den empirischen Tatbestand in seiner unmittelbaren Gegebenheit anzuknüpfen, an die Wirklichkeit, die wir unausgesetzt vor Augen haben, und in die wir nolens volens hineingesetzt sind, und nicht an eine solche, die man erst zu schaffen hätte, an den konkreten Diasporamenschen, wie er in der Tat ist, und nicht an einen idealen Menschen, wie er sein soll. Eine aussichtsvolle Wiederbelebung müsse, dem Alljudentum gemäß, da anfangen, wo ein Leben in dieser oder jener Gestalt sich bereits vorfindet, oder kürzer und drastischer ausgedrückt: wiederbeleben ließe sich nur das, was in dieser oder jener Form irgendwie lebt. Das Alljudentum will durchaus den Faden der jüdischen Geschichte weiterspinnen, aber es hält für möglich, ja für geboten, diesen Faden an dem Punkte wieder aufzunehmen, wo ihn die Geschichte stecken ließ, um ihn geradlinig weiterzuführen, und hält es für unnötig, ja für verkehrt, den Faden in der Richtung nach seinem Ursprünge hin umlenken zu wollen. Gegenüber der landläufigen Behauptung, das Diasporajudentum sei etwas, was überwunden werden müsse, der Diasporamensch habe, sozusagen, die Brücke darzustellen, die erst zu dem richtigen Typus des Judentums führen soll, hält das Alljudentum mit aller Entschiedenheit daran fest, daß der leibhaftige Diasporajude eigentlich der richtige Jude ist, das will sagen, der Jude, wie ihn der Entwicklungsgang der jüdischen Geschichte gewollt hat, in eben dem Maße, wie der moderne Franzose der richtige Franzose, der moderne Engländer der richtige Engländer ist, und daß es verfehlt, ja widersinnig sei, einen Typus der Vergangenheit, der gewiß seine historische Berechtigung hatte, und für seine Zeit gut war* als ein Muster hinzustellen, nach welchem der gegenwärtige Jude geformt werden soll, dieser gegenwärtige Diasporajude, der doch ebenfalls seine historische Berechtigung hat und für seine Zeit gut ist. Was für den Diasporajuden gilt, bewahrt für die ganze Diaspora als solche seine Geltung. Diese Diaspora, ob gut oder schlecht, verwirklicht doch immerhin ein bedeutungsvolles, vielleicht das bei weitem bedeutungsvollste Stück jüdischer Geschichte, und es hieße Ungerechtigkeit, ja Verrat an der jüdischen Geschichte üben, dieses Stück mir nichts, dir nichts, ausmerzen zu wollen. Bei alledem leugnet das Alljudentum keineswegs, daß das Diasporajudentum eines gemeinsamen Zentrums dringlichst bedarf, eines Zentrums, um das sich allgemein-jüdische Interessen gruppieren sollten. Aber dieses Zentrum müsse ganz anders gebildet werden, als es der Zionismus plant. Wer ein richtiges Zentrum schaffen will, der wird nicht aufs Geratewohl, und mit genauer Not, eine Kreislinie beschreiben, um dann in die ungefähre Mitte der letzteren einen Punkt hineinzusetzen. So verfahren Kinder, Unwissende, oder Menschen, die es allzu eilig haben, und nicht im Besitze der richtigen Mittel sind. Wer ein regelrechtes Zentrum schaffen will, der nimmt das eine Ende des Zirkels und setzt es an irgendeinem festen, gegebenen Punkte an, und die Kreislinie ergibt sich von selber. Ist einmal das Volkstum da, so kommen die anderen Attribute von selbst. Das Territorium? Territorium ist überall da, wo Volk da ist, und hat an und

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