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Die Welt · 1914-07-24 · 30 (24.7.1914) · p. 776

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
30 (24.7.1914)
Article
Paris [Nachricht] / B.
Date
1914-07-24
Page
776 (sequence 2)
Language
German
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776 DIElfeELT- - _ -- Nr. 30 Nach der Rede Marmoreks, die mit großem Beifall aufgenommen wurde, sang Kantor Perlmutter El mole rachamim, worauf für den Herzlwald gesammelt wurde. Dr. Nordau, von einem Beifallssturm begrüßt, begann dann, einen herrlichen Panegyrikus auf seinen verstorbenen Zehn Jahre sind es her, daß Herzl seine großen schwarzen Prophetenaugen geschlossen, zehn Jahre sind es her, daß das jüdische Volk mehr mit intuitivem als rationellem Verständnis diesen einzigen außergewöhnlichen Sohn beweint. Zehn Jahre sind eine erste Etappe der Ewigkeit. Derjenige unter den Toten, der diese erste Periode, die besonders reich an Vergessen ist, überlebt, hat alle Chancen, zur Nachwelt ohne Grenzen hinüberzugehen. In zehn Jahren, die ein langer Zeitraum im menschlichen Leben sind, haben die größten Schmerzen Zeit gefunden, sich zu beruhigen, die tiefsten, schmerzhaftesten Wunden haben vernarben können. Nicht ohne Erregung, aber ohne heftigen Schmerz können wir denn heute die Erinnerung an denjenigen heraufrufen, dessen Andenken wir heute abend feiern. Die Aegypter, die unsere Gastfreunde waren, um dann unsere Tyrannen zu werden, hatten den Brauch, ein Totengericht abzuhalten. Nach dem Tode eines der ihren vereinigten sie sich und „wogen die Seele des Toten". jn die eine Wagschale legten sie seine Tugenden, die guten Taten, die er vollbracht, wie dieselben von seinen Freunden bestätigt wurden, in die andere seine Fehler, seine Verbrechen, wenn er solche begangen, wie die Ankläger sie aufzählten. Die Priester wogen die Last der beiden Wagschalen gegeneinander, und je nachdem die, welche mit den Verbrechen beladen war, oder die, welche seine Tugenden trug, sich hinabsenkte, proklamierten sie, daß die Seele des Toten bei den oberen Göttern Aufnahme gefunden oder zur ewigen Sühne in die höllischen Gefilde gestoßen worden sei. Dieses Totenurteil hat stattgefunden für Herzl. Es waren nur wenige Anklagen da, aber viel Lob und Verherrlichung. Und in der Tat, das erste Urteil, das gefällt worden ist, lautet heute: Er ist ein sehr großer Mensch und ein sehr großer Jude. Niemand hat gegen dieses Urteil Berufung eingelegt, und es hat allen Anschein, daß dasselbe nie umgestoßen werden wird. Herzl hat seinen Platz angewiesen bekommen im Pantheon seines Volkes und im Pantheon der Menschheit. Denn wir geben nicht zu, daß man das eine vom anderen trennt. Unsere Formel: er war ein großer Jude, impliziert notwendigerweise, daß er ein großer Mensch war. Sie kennen ohne Zweifel jene seltsame und mysteriöse Legende, die man von der Aloe erzählt. Diese Pflanze Von strengem und finsterem Aussehen entwickelt sich in ununterbrochenem Wachstum und kann gigantische Dimensionen ererreichen. Sie wächst hundert Jahre, bringt ungeheure Blätter von einem finsteren Grün hervor, bewaffnet sich mit schrecklichen, Stacheln, tragt aber keine Blüten . . . Diese vorbereitende Phase des Baumes dauert hundert Jahre, aber am Ende vollzieht sich plötzlich ein Wunder: in einer Wundernacht erscheint eine Blume von wunderbarer Schönheit auf dieser Pflanze, die von der Natur so schlecht behandelt schien. Die Blume öffnet sich zu strahlender Pracht, ein Duft strömt von ihr aus, weithin beglückend und berauschend . . . Diese Herrlichkeit dauert zwei oder drei Tage und erweckt die Bewunderung nicht nur der menschlichen Wesen, sondern auch der Tiere unter dem Himmel. Drei Tage lang ist die Pflanze geschmückt wie eine Königsbraut, dann plötzlich schließt sich diese wundervolle Blume, sie fällt ab, ebenso schnell wie sie erschienen war, und die Pflanze, die hundert Jahre gebraucht hat. um diesen Triumph vorzubereiten, stirbt nach dieser ersten und einzigen Blüte. In dem Erscheinen Herzls erinnert mich alles an diese Legende. Ueber hundert Jahre war das jüdische Volk ohne Farbe und ohne Reiz geblieben. Finster und still in sich gekehrt, schien es irgend eine geheime Zukunft vorzubereiten, die keiner voraussehen konnte. Da plötzlich, über Nacht, kam die herrliche Blüte. Dieses Volk ohne Schmuck bekam Augen von majestätischer Pracht, es erzeugte eine großartige menschliche Blume, eine Blume von -glänzender Größe, von einem berauschendem Parfüm an Ideen . . . Man glaubte nicht seinen Augen. Aller Gesichter wandten sich der wunderbaren Erscheinung zu. Man bewunderte, man besang, man verherrlichte diesen Stamm, der sich auf königliche Weise geschmückt hat. Aber die Blume, so wie der Aloe, war nicht von Dauer. Nach ganz kurzer Zeit schloß sie sich und fiel ab. Und da schließt sich ein neues Wunder an das erste. Anders wie in der Legende starb hier der Baum nicht mit der Blüte. Im Gegenteil, er strotzt von Kraft, ein lebensvoller Saft durchströmt seine Adern. Sein Impuls, seine Lebenskraft, seine Energie, weit davon entfernt, mit dem Tode Herzls versiegt zu sein, ist vielmehr angespornt, bereit, sich in neuen Wundererscheinungen zu manifestieren. Das jüdische Volk, nachdem es eine erste, wundervolle Frucht gezeitigt, ist bereit, sich mit neuen Blüten zu bedecken. Wir sehen zwar die neue Aera der Blüten noch nicht. Herzl hat keinen Nachfolger gefunden. Aber alles weist darauf hin, daß ein solcher in der Nähe ist, daß es nicht lange dauern wird, bis er sich offenbart. Man wird sagen, das sei ein Mystizismus, eine Art Messiasglaube, wie ihn die Juden seit Jahrhunderten hegen. Aber im Grunde ist ja jede Hoffnung eine Art Messiasglaube. Und hier handelt es sich doch um mehr als tun ein in der Volksseele schlummerndes Sehnen, um ein vages Vorgefühl, nein, wir haben ganz sichere Anzeichen: wir brauchen nur den Geist unserer Jugend zu betrachten, und wir können mit Sicherheit Voraussagen, daß andere Herzt auf dem Wege sind hervorzutreten, um das rühmlich begonnene Werk rühmlich fortzuführen. Die Zeitgenossen eines großen Mannes sind nicht in der Lage, sich seiner ganzen Größe bewußt zu werden. Wir hatten wohl den Eindruck, daß von Herzl eine Wirkung ausgehe, die sich in die weitesten Fernen erstreckt. Aber das war alles noch vag, wie von einem Nebel umhüllt. Heute sind diese Nebel zerstreut oder im Begriffe sich zu zerstreuen, unser Blick umfaßt eine größere Ausdehnung, einen weiteren Horizont als zur Zeit, wo er lebte. Wir können konstatieren, daß die Quelle der Kraft, die er bedeutete, die Verkörperung eines Dynamismus, die Ausstrahlung von Energie, anstatt im Laufe der Zeit zu versiegen, stärker wird. Wir erkennen, daß das Werk seines Lebens auch nach seinem Tode lebendig geblieben ist und alle Zeichen einer ewigen Dauer trägt. Welches sind nun die Leitgedanken, die das Eintreten Herzls in die Geschichte des jüdischen Volkes zu einem Wendepunkt machen? Wir können abstrahieren von dem Tasten des Anfangs, den Vorspielen und Abschweifungen, um nur das zu betrachten, was die Essenz seiner Doktrin war. Diese Essenz läßt sich kondensieren zu den folgenden vier Punkten: 1. Rückkehr zum Judentum, 2. Organisation des jüdischen Volkes, zunächst da, wo es sich befindet, d. h. in der Diaspora, 3. Rückverpflanzung des reorganisierten Volkes auf den geheiligten Boden seiner Väter, in das Land, wo sich sein historisches Geschick vorbereitet und entwickelt hat, und 4. Herstellung neuer, normaler Beziehungen zwischen dem in seiner historischen und nationalen Würde restauriertenjüdischenVoIkeunddenanderen Völkern. Diese vier Leitsätze sind ebensoviel festgezimmerte Rahmen, die Herzl uns vermacht hat. An uns ist es, denselben einen ihm angemessenen Inhalt zu geben. Darüber, was wir hineinstellen sollen, ist eine Kontroverse erlaubt und natürlich. Herzl hat ja kein Programm für das Leben eines ganzen Volkes fixieren können. Es ist unsere Aufgabe, den Umständen gemäß die Formeln der Realisation zu finden. Der erste Punkt, die Rückkehr zum Judentum, scheint - klar zu sein; doch ist schon hier eine verschiedenartige Interpretation möglich. Wir haben gesehen, wie man diesen großen Worten einen verschiedenen Sinn beilegt. Zu welchem Judentum sollen wir zurückkehren? Die einen sagen, es gibt nur ein einziges Judentum: Die Gesamtheit der Vorschriften und Gebräuche, die uns von unseren Vätern überliefert sind, die Religion mit ihrer ganzen Begleitung, den Dinim und Min hagim. Und die Rückkehr zum Judentum sei die Rückkehr zur Orthodoxie. Und die Partei, die diese / nsicht vertritt, die misraehistische, stellt sich zum Exempel'auf iür alle die, die sich vom Wege des Glaubens verirrt haben. Andere, die den Misrachisten nicht folgen wollen, sagen, nein, dar Judentum ist nicht ein Ritus, nicht einmal eine geoffenbarte Religion, sondern die glühende Liebe zum lebendigen jüdischen Volke, die Hoffnung und der Wille zu einer nationalen Auferstehung; also Rückkehr zu unseren Brüdern, denen wir törichterweise und voll Undank den Rücken gekehrt haben. Zwischen diese beiden extremen Ansichten stellen sich die Opportunisten, die der Religion so gut wie entfremdet und dem Nationalismus mehr als gleichgültig gegenüberstehen. Diese bekennen sich aufs neue als Mitglieder unserer Gemeinde und geben zu, daß es am Platz ist, Ehrfurcht vor den Traditionen zu bezeugen. Sie wollen gerne die religiösen Feste feiern, sie freuen sich am Purim, ohne jedoch den Thanith Esther zu halten, sie begehen den Seder und trinken die vier Koss Wein, ohne jedoch ganz auf den Chamez zu verzichten . . . Was mich betrifft, ich erwarte alles von der Zeit und dem Einfluß der Gewohnheit, die die Gegensätze abschleifen werden: Unsere Mißrachisten werden lernen Toleranz zu üben, und die Freidenker werden lernen, die Schönheit der Tradition zu schätzen. Der zweite Punkt war: die Organisation des jüdischen Volkes. Auch da stoßen die Meinungen aufeinander. Die einen, die ich die Rationalisten nennen möchte, sagen, wozu brauchen wir Neues zu schaffen, wir haben ia schon einen Anfang nationaler Organisation in den Kehillas. Schließen wir uns denselben fester an, hauchen wir ihnen ein neues

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