Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 30 (24.7.1914)
- Article
- [Kommentar] / l. l.
- Date
- 1914-07-24
- Page
- 767 (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 30 767 DIE^ELT In einem „Spanish Supplement“ schreibt S. P. Cock ereil in der „Times“ über die „spanischen Juden der Türkei“: „Die in Konstantinopel eingewanderten Juden bekamen bestimmte Bezirke am Goldenen Horn, in Hasköi und in Balat zugewiesen, wo noch heute die großen Juden viertel der türkischen Hauptstadt sich befinden. Hasköi zählt gegenwärtig zirka 20 000 spanische Juden, die noch immer wie an der Religion so auch an der Sprache festhalten, die ihre Vorväter aus Spanien mit sich brachten. Es gibt keine alten oder historisch bedeutsamen Bauten in Hasköi, außer der Synagoge „de la Sencra“, deren Namen man auf Dona Gracia Mendez zurückführt, — jene große jüdische Dame aus Spanien, deren Neffe, Don Joseph Nasi, später unter Sultan Selim Herzog von Naxos wurde. Die Hauptstraße (wenn man sie so bezeichnen kann) ist voller Verkaufsbuden und wimmelt von Männern; Frauen sind wenige zu sehen. Früchte aller Art, Melonen, Granatäpfel, Tomaten, Pistazien und Aepfei mischen ihre Farben mit denen der bunten Trachten und dem goldenen Sonnenschein des Ostens, und der Bäcker lockt die Passanten mit den auf Gestellen vor seiner Bude aufgehäuften „Roscas“ und „Bunuelos“. — Auch im Bezirk von Balat leben 20 000 spanische Juden, und weitere 30 003 sind über Kuskundschuk, Haidar Pascha und Kuru Tscheschme — alles innerhalb des Weichbilds der türkischen Hauptstadt — verstreut. Auch in Salonik gibt es 90 000 spanische Juden, unter denen die „Dönmehs“ oder muslimischen Juden, die interessantesten sind. Sie bilden drei merkwürdige Sekten, die aber bei den richtigen Moslems und bei den richtigen Juden auf das gleiche Mißtrauen stoßen — bei den ersteren, weil sie ihnen nur als halbe Moslems, bei den letzteren, weil sie ihnen wieder nur als halbe Juden gelten. Nichtsdestoweniger hielten sie sich, und man schätzt sie gegenwärtig auf zirka 10 000, wovon 6000 in Salonik leben. Zu ihnen gehört auch Dschavid Bey, der jetzige türkische Finanzminister. Sie leben in einer geheimnisvollen Sphäre. Obwohl sie wahrscheinlich im Kreise ihrer Familien noch heute spanisch sprechen, geben sie öffentlich vor, es nicht zu verstehen. Unter sich behalten sie ihre spanischen Familiennamen bei, die sie nach außen verheimlichen. Ihre Frauen tragen den türkischen Schleier, ihre Fenster sind in orientalisch-üblicher Weise vergittert, und gelegentlich gehen sie auch zur Moschee; wie sie denn auch offiziell als Moslems betrachtet werden.“ „Jewish Chronicle“ bespricht in seiner letzten Nummer die jüngste Debatte über die auswärtigen Angelegenheiten im englischen Unterhause. Das Blatt bezeichnet die Debatte vom jüdischen Standpunkte als ein trauriges Ereignis und begründet dieses Urteil folgendermaßen: „Das Haus hat mehrere jüdische Mitglieder. Es gibt Fragen ernster Bedeutung für die Juden dieses und anderer Länder: die rumänische Judenfrage, die Angelegenheit der russischen Pässe, die Salonikier Gefahr usw., ganz abgesehen von unserer Lage im Zarenreiche. Aber nicht ein einziger Jude hielt es für wert, ein Wort über diese Themen zu sagen, und es blieb einem Nonkonformisten, dem Abgeordneten Joseph King, überlassen, zu zeigen, daß es so etwas wie eine jüdische Not in der Welt gibt, die dem Hause bei dieser Gelegenheit zur Kenntnis gebracht werden könnte. Mr. King wies in scharfen Akzenten auf die russische Paßfrage hin. Heiterkeit rief seine Bemerkung hervor, daß der Finanzminister, der Präsident der Zentralbehörde für Lokalverwaltung und der Lord-Oberrichter bei ihrer eigenartigen Stellung in Verlegenheit sein mögen, und er schlug vor, der Minister des Aeußeren möge mit der russischen Regierung verhandeln „in der Absicht, die Schwierigkeiten, Skandale und Verwirrungen, die das jetzige System nach sich zieht, zu vermeiden“. Es überrascht uns nicht, daß Sir Edward G r e y, als er an der Reihe war, zu antworten, die Angelegenheit mit sechs Worten beiseite schob. Selbstverständlich wird sich das Ministerium des Aeußeren nicht rühren. Warum sollte es auch, wenn diejenigen, die es angeht, so wenig Teilnahme zeigen? Welchen Zweck hat es, daß das Conjoint Committee das Ministerium mit Memoranden bombardiert, wenn kein einziger jüdischer Abgeordnete es der Mühe für wert hält, sich zu erheben, um die Eingabe des Komitees zu unterstützen? Das Gerücht, daß Mr. King auf Wunsch des Conjoint Committee oder der jüdischen Deputierten gehandelt habe, weil man es für klüger hielt, die Sache dem Parlament ohne die '•rervention der Juden zur Kenntnis zu bringen, halten wir für lächerlich. Mr. King handelte aus freiem Willen, und unsere jüdischen Mitglieder taten es nicht. Vielleicht glauben unsere Glaubensgenossen im House of Commons, daß diese Art, sich bei spezifisch jüdischen Fragen „nicht zu identifizieren“, ihr Ansehen erhöht und ihre Loyalität bekundet. Allein sie erreichen damit nur die entgegengesetzte Wirkung, denn die nichtjüdischen Parlamentsmitglieder können im Innersten ihres Herzens nichts anderes als Verachtung für diejenigen empfinden, die ihre Glaubensgenossen und ihre eigene Selbstachtung opfern, um ihren „Patriotismus“ zur Schau zu stellen, den niemand jemals bezweifelt hat.“ Seit Mitte Juni erscheint in Lemberg unter der Redaktion des A. C.-Mitgliedcs Dr. Leon Reich eine zionistische Wochenschrift in polnischer Sprache, „Zydowska Korespondencya“. Sie wird von Dr. Nathan Czaetkies und Heinrich J ast herausgegeben und dem „Jüdischen Interessanten Blatt“ beigelegt. Die „Korespondencya Zydowska“ soll sowohl die polnische Presse, wie auch die polnisch lesenden Zionisten über das zionistische Leben infoimieren. Dies ist um so notwendiger, als der „W schod“ im Sommer vorigen Jahres sein Erscheinen einstellen mußte und die zionistische Idee nunmehr, abgesehen von der Monatsschrift ,,M o r i a h“, über kein einziges polnisches Organ verfügt. Die bereits erschienenen Nummern der „Korespondencya“ beweisen, daß der Chefredakteur Dr. Leon Reich es an redlichem Bemühen nicht fehlen läßt, ein gediegenes, ernstes, zionistisches Blatt für die polnisch lesenden Kreise zu schaffen. An leitender Stelle ihrer Nummer vom 15. Juli d. Js. bringt die „Kölnische Zeitung“ einen Aufsatz über „Die ■ Judenfrage in Rumänien“, dem wir folgendes entnehmen: „. . . . Als im Vorjahre der Ruf zu den Waffen ertönte, blieben sie (die Juden) nicht zurück, und selbst die amtlichen Stellen können nicht leugnen, daß ein beachtenswerter Teil der freiwillig zu den Fahnen Eingerückten den rechtlosen, drangsalierten Juden angehörte. Man sprach von der Verbesserung der Lage der Juden, von der Zuerkennung der politischen Rechte an die Mobilisierten, der erste Schwung aber, mit dem diese Angelegenheit unter Führung des damaligen Ministers des Innern, Take Jonescu, in Angriff genommen wurde, erlahmte bald, und sehr rasch konnten sich die rumänischen Juden überzeugen, daß die Begeisterung des Augenblicks ihnen nichts bringen würde. .... Eine Denkschrift des Verbandes der eingeborenen Juden, die im November des vorigen Jahres dem König und der Regierung überreicht und die auch dem neuen liberalen Parlament vorgelegt wurde, gibt eine Zusammenstellung aller gegen die rumänischen Juden gerichteten Ausnahmebestimmungen, Gesetze und Verordnungen; und wenn man nun berücksichtigt, daß die Denkschrift nicht weniger als 196 solcher Ausnahmeverfügungen aufzählt, so kann man sich denken, daß kein Zweig des öffentlichen Lebens in Rumänien besteht, für den die rumänische Gesetzgebung nicht die Ausschließung der Juden verfügt hätte. In dem Heere ist ihnen auch die Beförderung versagt. Sie werden in keine Vorbereitungsschule für Unteroffiziere zugelassen, können daher diesen Grad auch nicht erreichen. Ein Geheimbefehl vom Oktober des Vorjahres verfügt überdies, daß von Beförderungen bei den Regimentern jüdische Soldaten unter allen Umständen auszuschließen sind. . . . Nur ein militärisches Gesetz macht