Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 30 (24.7.1914)
- Article
- Sachlicher Radikalismus oder endlich radikale Sachlichkeit [Kommentar] / Friedemann, Adolf
- Date
- 1914-07-24
- Page
- 766 (sequence 3)
- Language
- German
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766 Nr. 30 DIE^ELT allen gehen, die eine hebräische Kultur in der Diaspora schaffen wollen und sie für ein Essentiale nationalen Empfindens erklären. . . . Das Unmögliche wollen, unerreichbare Ziele als möglich hinstellen' unerfüllbare Wünsche erwecken — das ist eben Radikalismus. Oder, wenn das Wort schöner klingt, Ideologie. Und das führt, früher oder später, zu Bankerotten. Nicht die „ruhige Selbstverständlichkeit“ der Konstatierung von Ausschreitungen auf geistigem Gebiet. Und darum: ob der Einzelne entgleist oder nicht, das ist ganz gleichgültig. Aber die offizielle Propaganda, für die wir verantwortlich sind, muß Maß zu halten wissen! Denn Begriffsverwirrungen führen zu Anfeindungen von außen her, die ganz zwecklos Kräfte im eigenen Lager verbrauchen. Hebräisch lernen soll man hier. Die hebräische Kultur aber fängt mit der Landung in Jaffa an. Früher nicht! . . . Unsere Worte sind nicht nur für uns selbst da. Die ganze Oeffentlichkeit nimmt daran teil. Wir brauchen Sympathien, nicht scharfe Scheidestriche, Mitläufer, nicht aber Zurückweisen unzulänglich „Durchgebildeter“. . . . Auf praktische und nützliche Arbeit kommt es an, und nicht auf den Nachweis innerlich bleibender Tendenzen und die Abfassung äußerlicher und unzweckmäßiger Resolutionen. Darum sind die „besseren Zionisten“ nicht die, welche immerfort seelische Unmöglichkeiten von sich und anderen fordern, und geneigt sind, den Zionismus für bankerott zu erklären, wenn man ihnen ihre unmöglichen Forderungen ad oculos demonstriert. Sondern gute Zionisten sind die, welche trotz innerlicher Kämpfe und der Erkenntnis notwendiger Resignationen unbeirrbar den Weg zur Tat schreiten. Darum fordern wir Platz in der Organisation und gleiche Rechte für alle, welche das Baseler Programm zum Leitstern ihres - Handelns erwählen.“ Die Londoner „Times“ schreibt über die verschiedenen Ghetti der britischen Hauptstadt: „Seit einigen Wochen erscheint in London ein neues Abendblatt, von dem Wenige außerhalb seines speziellen Leserkreises etwas wissen, und das weitaus die meisten Londoner auch nicht lesen können. Es ist ein „jiddisches“ Organ, und zwar das vierte täglich in Whitechapel erscheinende derartige Blatt. Die älteste dieser Tageszeitungen „The Daily Jewish Expreß“, ist fast 20 Jahre alt. „The Jewish Journal4*, das sich der größten Verbreitung rühmt, zählt 9 Jahre. Vor einigen Monaten gründete ein rühriger rumänischer Einwanderer „The Jewish Times“, und jetzt läßt er das erste jüdische Abendblatt „The Jewish Evening News44 folgen. Alle diese Blätter sind in Maschinensatz („Linotype“) hergestellt und zwar ausschließlich in Jiddisch, wenn man von einigen Zeilen im Druckvermerk und in den Inseraten absieht. Der Inhalt zeigt gewisse Eigentümlichkeiten. Die englischen Neuigkeiten werden zwar gemeldet, aber über die Ulsterfrage steht etwa so wenig darin, wie ein englisches Blatt über Unruhen in Portugal bringen würde. Dagegen wird beispielsweise über Gerüchte von neuen Pogromen in Rußland ausführlich berichtet. Im allgemeinen hört man neuerdings wenig von den jüdischen Einwanderern Londons. Die Verdrängung der früheren Bewohner aus den von den Juden bevorzugten Stadtteilen, die Erhöhung der Mietspreise', die allzu kompakte Wohn weise, alles das ist heute minder fühlbar, und die neuere Einwanderung wird ungefähr durch eine ähnlich starke Weiterwanderung nach Nordamerika ausgeglichen. Die „Alien Question“ ist nicht mehr brennend. Die eingewanderten Juden Londons zeigen eine starke Vermehrung. Kleine Familien sind selten. Künstliche Ernährung ist fast unbekannt, und es ist erstaunlich, wie gut die Kinder trotz schlechtester Wohnverhältnisse, Mangel an frischer Luft und merkwürdigen Begriffen von Hygiene doch heranwachsen. Während diese Juden früher nur einen kleinen Distrikt um Brick-Lane bewohnten, haben sie jetzt bereits ihre Viertel in Stepney, Ilford, Greenwich, Tottenham, Dalston und Hockney. Soho in West-London, noch vor kurzem das Zentrum der Londoner Franzosen und Deutschen, entwickelt sich zu einem russisch-jüdischen Stadtteil, und auch in den besten Londoner Wohnvierteln bilden sich Gruppierungen der reicheren jüdischen Einwanderer aus. Die meisten kommen aus Rußland. Rumänien hat gleichfalls ein sehr starkes Kontingent, während die deutschen Juden sehr wenig zahlreich sind. Bemerkenswert ist, wie stark auch die in England geborenen jüngeren Elemente in Art und Sprache am alten Stamme festhalten. Die Juden haben auch ihre eigenen Theater und gute Schauspielertruppen. Im Drama bevorzugen sie Shakespeare — Shakespeare auf Jiddisch! Manche Meisterwerke des europäischen Dramas — Strindberg, Gorki und die nordischen Pessimisten — wurden hier gespielt, bevor West-London sie entdeckte. Sehr langsam kommen die eingewanderten Juden unter englischen Einfluß. Neuerdings hat unter ihnen sogar eine starke Bewegung eingesetzt, um nicht nur im Glauben, sondern auch in Sprache, Sitten und Gebräuchen ein besonderes Volk zu bleiben. Hierin liegt für England ein nationales Problem, wenn die Juden auch im allgemeinen ein gesetzliebendes, ruhiges und fleißiges Element sind, das hier ein Asyl aus bitterer Verfolgung gefunden hat.“ Zu diesem Aufsatz der „Times“ bemerkt der „Jewish Chronicle“ in seiner jüngsten Nummer u. a.: „Der Artikel erinnert an die Beschreibung, die der verstorbene Lord Ly t ton einst von der englischen Regierung in Irland gegeben hat: „Ein schneller Wechsel von Fußtritten und Freundlichkeiten44. Aber die Fußtritte sind zahlreicher als die Freundlichkeiten, und sie werden mit einem Minimum an Gradheit und Ehrlichkeit beigebracht. Als Beispiel gelte die Behauptung, daß man in den letzten Jahren verhältnismäßig wenig von den Londoner Stadtvierteln der ausländischen Juden gehört habe, daß sie aber gelegentlich eines etwas ungewöhnlichen Ereignisses, wie das des Houndsditch-Mörders, augenblicklich wieder an der Tagesordnung stehen. Darin steckt die Vermutung, daß die Täter des Houndsditch- Verbrechens Juden seien — eine alte Fabel, die schon widerlegt worden ist. Seltsam, daß sie wieder in den Spalten der „Times“ aufgeführt werden muß. Der Schreiber des Artikels gibt zu, daß es zweifelhaft ist, ob während der letzten sechs oder sieben Jahre die Gesamtzahl der ankommenden fremden Juden mit der der auswandernden Schritt gehalten habe, und fügt hinzu, daß die Fremdenfrage nicht mehr brennend sei. Trotzdem wird der alte Ruf wieder laut, viele Juden sehnten sich „eine Nation in einer Nation44 zu sein und das Leben der russischen Juden fordere nationale Beachtung. Ist die englische Nation wirklich in Vorurteilen dieser Art befangen? In dem Artikel der „Times“ heißt es ferner, daß „unglücklicherweise starke separatistische Einflüsse am Werke sind. Eine mächtige Bewegung hat eingesetzt, nicht allein um ihren Glauben zu bewahren, sondern auch ihre besondere Sprache und Lebensweise“. Das hat augenscheinlich Bezug auf die jüdisch-nationale Bewegung, die sich seit einigen Jahren kundtut. Wir wissen nicht, was mit den Worten „besondere Lebensweise44 gemeint ist. Aber ein ernster Wunsch ist vorhanden, die alte hebräische Sprache und die Ideale des jüdischen Lebens zu erhalten. ... Ist unsere Bewegung darum eine tadelnswerte? Ist sie nicht genau so anzuerkennen wie die glühende Begeisterung, mit der die Waliser und Schotten an ihren alten Traditionen hängen? Schließlich sind es doch die edelsten und am wenigsten materialistisch gesinnten Juden, die diese Ideale pflegen . . . .“