Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 30 (24.7.1914)
- Article
- Sachlicher Radikalismus oder endlich radikale Sachlichkeit [Kommentar] / Friedemann, Adolf
- Date
- 1914-07-24
- Page
- 765 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 30 765 DIESqEELT mit dem der Assimilation, sondern nimmt beide in der gefühls- . mäßigen Auslegung des Wortes. Darum ist ihm auch klar, daß die Rülf-Oppenheimersche Formel „jüdisches Volk, aber deutsche Nation“ falsch, der Streit über die Möglichkeit der Gegenwartsarbeit in der Diaspora entschieden sei. Es gehört eben, wie Goethe richtig sagt, sehr viel dazu, zu verstehen, daß Dinge, die einem selber klar sind, dritten ganz anders erscheinen können. Niemand weiß genau, was ein 'Volk ist. Ist es die Gesamtheit derer, die durch gleiche Abstammung, Geschichte, Tradition verbunden sind? Ist die Gemeinschaft auch eine Nation? Entsteht eine Nation durch die Kulturgemeinschaft, die Sprache? Oder durch gemeinsame Abstammung? Oder durch staatliche Schicksale, oder durch äußeren Druck? Ist es richtig, wie Leroy-Bolieu meinte, daß es genüge, alle Rothaarigen Frankreichs in ein Viertel von Paris zusammenzusperren, um eine Nation von Rothaarigen zu erzeugen? Alle diese Fragen sind wissenschaftlich ganz ungeklärt. Landläufig versteht man unter einer Nation oder einem Volke eine historisch gewordene Gesamtheit, die allmählich die ' gleiche Sprache, Lebensform und Sitte angenommen hat und den gleichen geschichtlichen Werdegang gegangen ist. Aber auch diese Definition trifft in vielen Fällen nicht zu ... . Was nützt es also zu sagen, man dürfe, wenn man die Assimilationsmöglichkeit anerkennt, nur die jüdischnationalen Elemente sammeln. Man bezeichnet damit doch nur diejenigen, die national sein wollen, aus sehr verschiedenen Empfindungen heraus. Wen will man also ausschließen? Denn die ganze Sichtung resultiert ja aus der Tatsache, daß die einen sagen, ihr Nationalgefühl beruhe nur auf Stammesstolz, Tradition, Religion, gemeinsamem Leid, während die anderen zu diesen Faktoren noch andere Elemente — Kultur, Sprache usw. hmzufügen. Wenn Abeies also heute weiter erklärt, der Streit um den Nationalismus sei entschieden, so ist er an der eigentlichen Streitfrage vorübergegangen. Und gerade so unklar bleibt die Diskussion, wenn man die Entscheidung, ob Gegenwartsarbeit oder nicht, von der „Assimilationsmöglichkeit“ abhängig macht. Was ist Assimilation? Wer ist assimiliert? Sind wiris nicht alle in gewissem Sinne? Ist nicht vielleicht überhaupt durch eine Assimilation der Zionismus erst möglich geworden? Mit solchen allgemeinen Begriffen kann man alles beweisen und nichts. Abeies will gefragt wissen, ob man Assimilation für möglich halte oder nicht. Mein Gott, ja und nein! Muß sie zur Auflösung führen? Das hängt nur von der Quantität der Geschehnisse ab. Niemand kann danach die zionistische Politik bestimmen, weil es eben nur derWille ist, der die Fortbestandsmöglichkeiten der Völker oder ihre Bereitschaft zum Aufgehen in andere Gemeinschaften regelt. In uns lebt ein starker Wille zum jüdischen Volke. Wirtschaftliche und gesellschaftliche Verhältnisse, gemeinsame religiöse Empfindungen, alte Traditionen, erworbene Denkformen führten uns zusammen und gaben uns ein gemeinschaftliches Ziel. Das war die Erlösung der jetzigen leidenden Gesamtheit durch politische Arbeit auf dem Heimatboden der alten jüdischen Gesamtheit. Denn wenn auch rassenmäßige Veränderungen im Laufe der Jahrhunderte erfolgt waren, wenn auch geschichtlich eine Differenzierung der einzelnen Volksteile nach Kultur und Lebensform eintreten mußte, so bestanden doch gemeinsame Instinkte, die durch äußere Vorgänge über die Bewußtseinsschwelle gedrängt wurden und in gleicher Richtung verliefen. Der Wille war also gleichartig, aber ganz verschieden im Motiv. Geeinigt wurden die Zionisten nicht durch ihre Beweggründe, sondern durch die Tat! Der erste Kongreß war eine Tat, ebenso das Baseler Programm. Herzl, der ein Staatsmann war, fragte deshalb nie nach dem Beweggrund, sondern nur, ob der Mitstreiter Palästina für die Gesamtheit erwerben wollte. Und er hatte demzufolge auch keine Minimal- oder Maximalprogramme .... Zweierlei ist gefordert worden: Intensivere Pflege des nationalen Gedankens nebst Bekenntnis zu einem Hebraismus schon in der Diaspora, und Aufnahme der Absicht zur Auswanderung nach Palästina in das Lebensprogramm des Ein- Sprechen wir-zunächst vom ersten Punkt. Wer das Nationalgefühl stärken will, muß seine einzelnen Faktoren vertiefen, also Kenntnisse und Gefühle. Ich bin damit ganz außerordentlich einverstanden. Wer ernstlich dem Problem in sich selbst nachgegangen ist, hat nicht nur das Recht, sondern die sittliche Pflicht, die Funde des Seelenlebens, auf dem Gebiet der Besonderheit, die uns eint, dritten mitzuteilen, sie anzuregen, zu stärken, zu begeistern. Aber er muß dabei ernsthaft und wahr bleiben. Er muß das geben, was er nur irgend in sich hat. Und wenn er im Begeisterungszustand einmal über die Schnur haut, so schadet das gar nichts — wenn es nur nicht chronisch wird. Jedes Ideal erfordert bei der Propagierung eine gewisse Ueberschwenglichkeit. Aber, wie gesagt, was man propagiert, muß man fühlen und verstehen. Nur mit dem Gefühl und dem guten Willen kann man nicht auf die Dauer wirken und muß ins Phrasenhafte geraten, wie es die Posener Resolution zur Evidenz beweist. . . . Und Tendenzen imponieren nur, wenn man den starken Trieb beweist, danach zu handeln und nachdem man ernstliche Erkenntnisse davon gesammelt hat. Ich merke aber nichts von dem starken Auswanderungstriebe und nichts vom tatsächlichen hebräischen Kulturstreben und frage wieder: warum gehen nur bloß die Verteidiger der Posener Resolution nicht sogleich hinüber nach Palästina? Warum verstanden sie noch nach Jahren nichts von der hebräischen Rede des Herrn Struck und vertrösteten auf eine ferne Zukunft? Das scheint mir ein Bankerott zu sein, nicht aber die klare Erkenntnis der Tatsachen. Ich höre immer nur Forderungen, die man an Andere stellt und denen man selbst nicht nachkommt. Tendenz heißt Streben. Weshalb drängt es nicht zur Erfüllung? Was man von Anderen fordert, muß man doch selbst ausführen! In Wirklichkeit fehlt eben die Tatsache des starken Willens, wenn ich auch den Willen an sich und die gute Absicht nicht bestreite. Aber der Wille kann eben infolge der Verhältnisse nicht zur Tat werden und mit der guten Absicht ist dann nichts getan, wenn man infolge der Lehren, die man verbreitet, zum guten Beispiel verpflichtet ist. Und wenn schon am grünen Holze derartige Fehler der Rechnung sich zeigen, so muß doch wohl ein falscher Faktor an sich vorhanden sein. Worin liegt also der Fehler? Der nationale Instinkt, der die Grundlage des Wollens bildet, ist in dem Punkte der Sprache und Kultur trotz aller schönen Worte unzulänglich vorhanden oder wird durch andere Instinkte konterkariert. Man lebt in einer Welt künstlicher Abstraktionen. Man möchte aus dem Zustand deutsch-kulturellen Empfindens kraftlos heraus. Man kämpft hilflos mit den Tatsachen und ruft: „Du darfst dich nicht abfinden,“ während man es selbst tun muß. Denn auch wenn man heute hebräisch vollendet reden lernte, wäre es für den religiös-liberal und deutscherzogenen Juden eben auch nur eine Sprache mehr, eine Sprache des Wissens und Lernens. Gewiß soll man eifrig und viel mehr als bisher hebräisch lernen, damit man den geistigen Zusammenhang mit dem Ostjudentum nicht verliert. Aber zur persönlichen Einheitlichkeit kann man dadurch in der Diaspora nie gelangen. Das zu erkennen ist hart. Aber es ist die bittere Wahrheit. Niemand kann außerhalb seiner selbst spazieren gehen.. Und die übermächtige große und gesetzliche Kultur des Milieus um uns her ist ein Reifen von Eisen und Stahl. Wenn ich glaubte, daß wir schon hier in der Diaspora ganze Persönlichkeiten sein könnten, wäre ich vielleicht kein Zionist. Aber wir könnens nicht sein. Da fordert jemand Reit-, Tum- und Festspiele mit hebräischem Kommando, hebräische Wiegenlieder, ‘ Kommerslieder, Volkslieder. Wirklich, er tut’s, und ist konsequent. Und das alles im deutschen Milieu und unter deutscher Kultur! Wer fühlt nicht, daß“ er scheitern muß trotz besten Wollens? Und so muß es früher oder später