Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 29 (17.7.1914)
- Article
- Jahresversammlung der amerikanischen Zionisten
- Date
- 1914-07-17
- Page
- 748 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3315709-3316625-3316654-3355728--61777-3355817- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
748 LT Nr. 29 Jahresversammlung ' der amerikanischen Zionisten (Von unserem Berichterstatter) Die siebzehnte Jahresversammlung (Convention) der Federation of American Zionist s, die in Roch es ter, N. Y., stattfand, wurde am Sonntag, den 2S. Juni, im Beisein von 250 Delegierten aus allen Teilen der Union und zahlreichen Gästen eröffnet. Die gesamte Bevölkerung bekundete reges Interesse an den Verhandlungen. Nicht nur das jüdische Viertel, sondern auch der Bahnhof und zahlreiche öffentliche Gebäude waren mit zionistischen Flaggen und Wimpeln geschmückt. Charakteristisch für das Ansehen und die Sympathien, deren sich die Juden und alle jüdischen Bestrebungen in Amerika erfreuen, ist die Tatsache, daß zur Begrüßung der zionistischen Jahresversammlung die Glocken sämtlicher christlichen Kirchen, auch der großen katholischen St. Peter-Kathedrale, geläutet wurden. Von einzelnen Kirchtürmen ertönten Glockenspiele nach der Melodie der zionistischen Hymnen „Hatikwah“ und „Dort wo die Zeder“. Die Convention wurde mit einer Begrüßungsansprache des Herrn Max Löwentha 1, Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde, eröffnet. Dr." Schmarja L e v i n, Mitglied des Engeren Actions-Comites, der von dem Vorsitzenden der Federation, Louis L i p s k y, eingeführt und von der Versammlung stürmisch akklamiert wurde, hielt darauf eine Ansprache in hebräischer Sprache. Dr. Levin sprach mit großer Begeisterung von dem nationalen Empfinden, das sich kürzlich unter den Juden aller Länder aus Anlaß des palästinensischen Sprachenkampfes manifestiert habe und forderte die Convention auf, das Interesse der amerikanischen Judenheit für das hebräische Schulwerk in Palästina wachzurufen und zu stärken. Dr. Levin führte ferner unter großem Beifall aus, es liege in den Absichten der zionistischen Leitung, die Kräfte und Fähigkeiten der amerikanischen Gesinnungsgenossen in höherem Grade als bisher für die Bewegung und deren Geschäftsführung nutzbar zu machen. Das amerikanische Judentum habe Anspruch darauf, daß es nach Maßgabe seiner Bedeutung für die jüdische Gesamtheit in der Leitung der zionistischen Organisation vertreten sei. Unter den Begrüßungsschreiben, die darauf verlesen wurden, waren Briefe vom Engeren Actions-Comite, ferner von David Wolffsohn, Justizrat Dr. Bodenheime r, Dr. Arthur R u p p i n, Dr. W e i z m a n n. Dr. Harry Friedenw a 1 d, Dr. Richard G o 11 h e i 1, Dr. L u r i e, Dr. N. Katzen e 1 s o h n und anderen. Der Sekretär der Federation Bernhard Rosenblatt erstattete darauf den Bericht der Exekutive, aus dem hervorgeht, daß sowohl die Zahl der Ortsgruppen als auch die Einnahmen der Federation im letzten Jahre erheblich gestiegen sind. Es sind im Berichtsjahre über 37 009 * für den Jüdischen Nationalfonds (gegenüber 20 000 Dollar im Vorjahre), zirka 4000 S an Schekelgeldern, etwa 1100 S an Anteilscheinen der zionistischen Finanzinstitute, ferner größere Beträge für den Zentralfonds und das hebräische Schulwerk, für den Bezalel usw. eingegangen. Ansehnliche Mittel für praktische Kolonisationsarbeit in Palästina haben auch die zahlreichen Achusa-Gesellschaften aufgebracht, die immer größeren Anklang finden und sich glänzend entwickeln. An den Bericht der Exekutive schloß sich eine längere Debatte, in deren Verlauf die Tätigkeit der Federationsleitung zum Teil eine scharfe Kritik erfuhr. Insbesondere wurde die Redaktion des „Jiddischen Volk“, des offiziellen Organs der Federation, von manchen Delegierten heftig angegriffen. Die Convention genehmigte schließlich mit großer Mehrheit den Bericht der Exekutive und sprach dieser Dank und Vertrauen aus. Im weiteren Verlauf der Beratungen wurden verschiedene Resolutionen angenommen, in denen das Vorgehen der Berliner Leitung im palästinensischen Schulstreit gebilligt und das Engere Actions-Comite ersucht wird, eine besondere palästinensische Schulkommission einzusetzen, die dem E. A. C. angegliedert werden soll. Dieser Kommission sollen Vertreter der palästinensischen Juden, des Actions-Comites und der verschiedenen Federationen angehören. Die palästinensischen Vertreter sollen die Schulverwaltung bilden, an deren Spitze ein sachverständiger Schulmann stehen muß. Der Vorsitzende der Kommission soll ein Mitglied des E. A. C. sein, und die Vertreter der verschiedenen zionistischen Landesorganisationen sollen einen besonderen Ausschuß bilden, der für das Budget des Schulwerkes verantwortlich ist. Diese Resolution, die von den Herren M. Kaplan, Rabbi Eugen K o h n, Abraham G o 1 d b e r g, Jacob de H a a s, Charles C o w e n und Miß S z o 1 d eingebracht worden war, wurde mit großer Mehrheit angenommen. Am Montag fand eine Versammlung des Ordens „Daughters of Zion“ und eine Konferenz der Vertreter der Achusa-Gruppen statt. Miß Henriette Szold führte den Vorsitz bei der Konferenz der Töchter Zions, auf der einige wichtige Resolutionen angenommen wurden. So sollen die Daughters of Zion der Federation als Zweigverband unter dem Namen „Hadassah“ angegliedert werden. Die Achusa-Konferenz beschloß, alle Einzelgruppen zu einem großen Bund zusammenzuschließen, der auch mit der Federation vereinigt werden soll. Die Sitzungen des letzten Tages der Convention waren sehr interessant durch eine Diskussion über die Misrachi-Organisation und durch den Beschluß, die Herausgabe einer täglich erscheinenden jiddischen und einer wöchentlich erscheinenden englischen Zeitung zu ermöglichen. Dr. Schaffer aus Baltimore sprach als Vertreter des Misrachi und versicherte, daß diese Organisation mit der Federation Hand in Hand arbeiten wolle. Es wurde beschlossen, ein Komitee einzusetzen, daß über die Art der Zusammenarbeit des Misrachi mit der Federation Beschlüsse fassen soll. Am Dienstag, den 30. Juni, wurden noch verschiedene Resolutionen angenommen, die die Sicherung des Budgets der Federation und Einzelheiten der Propaganda betrafen. U. a. wurde beschlossen, daß künftig kein ausländischer Agitator für irgendwelche zionistischen Zwecke ohne die vorherige Genehmigung der Federation nach Amerika kommen dürfe. Die Mandate zum Kongreß sollen grundsätzlich amerikanischen Zionisten Vorbehalten bleiben. In der Woche vor Schabuoth soll regelmäßig ein Blumentag zugunsten des Nationalfonds stattfinden. Der Etat der Federation wurde auf ungefähr 12 000 $ festgesetzt. Die öffentliche Versammlung, die am Sonntag abend stattfand, war die größte jüdische Versammlung, die jemals in Rochester abgehalten wurde. Den Vorsitz führte Louis L i p s k v, und als Redner traten die Herren Rev. Hirsch M a s 1 i a n s k y, Dr. 1. L. M a g n e s und Dr. Schmarja L e - v i n auf. Dr. Magnes sprach über die Beziehungen des Golus zu Palästina. Er führte aus, daß die Arbeit im Golus eine wesentliche Vorarbeit für den Zionismus sei. Mit dem neubelebten Palästina werde auch das Golus neues Leben erhalten, aber das Golus hat die wichtige Aufgabe, die Renaissance in Palästina vorzubereiten. Hierauf hielt Dr. Schmarja L e v i n eine Rede über die hebräische Renaissance, in der er u. a. folgendes ausführte: Wenn wir heute über die jüdische Renaissancebewegung sprechen, brauchen wir nicht mehr mit bloßen Theorien vor die Öffentlichkeit zu treten. Wir sind in der Lage, uns auf Tatsachen zu beziehen und auf die Ergebnisse einer jahrelangen Arbeit hinzuweisen. Der jüdische Jischub kann als der Anfang des jüdischen Gemeinwesens der Zukunft betrachtet werden, das in dem Lande unserer Väter und unserer Sehnsucht entsteht. Seit ungefähr 40 Jahren arbeitet eine verhältnismäßig kleine Gruppe des zerstreuten jüdischen Volkes daran, ihrer Rasse, eine neue Zukunft im Lande der Väter zu schaffen. Es