Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 29 (17.7.1914)
- Article
- Herzl und Haifa
- Date
- 1914-07-17
- Page
- 740 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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740 DIE&ELT wenn das Detail die Großartigkeit vermissen läßt. Nichts ist billiger, als über die „Kleinarbeit“ zu spotten, wie es angebliche Jünger Herzls zuweilen tun. Aber weiß jemand einen anderen Weg zu dem schimmernden Haifa Herzls als den, den wir gehen? Ein Haus wird aus Steinen gebaut, und darum ist der Maurer und der Steinklopfer ein achtbarer und notwendiger Mann. Freilich, es muß auch Architekten geben; aber kein wahrer Architekt wird über den Schwinger der Zementkelle spotten. Haifa wächst auch ohne uns. Damit es jüdisch wird, muß es mit uns und durch und wachsen. Diese einfache Wahrheit ist stärker als alle Theorien. Nun, ist Haifa auch nicht jüdisch, so ist es doch jüdischer als früher. Zwar sind die Juden auch heute nur erst ein Zehntel wie wohl schon im Herzljahr. Aber der Zuwachs war eine gewaltige Vermehrung an Kräften und Regsamkeit. Heute sieht man in der Geschäftsstraße, was die Juden für die Stadt bedeuten, man sieht es an den Leuten, die in Rechtsgeschäften im Serail ein- und ausgehen, man sieht es im Zollamt und an den Schulen. Mehr und mehr klingt Hebräisch im Haus und auf der Straße, und schon grüßt der Araber und der Deutsche, wenn auch scherzhaft, mit „Schalom“. Aber wir können weitergehen. Wir brauchen uns nicht zu schämen, nach unserem großen Verkündiger Herzl unter die kleinen Propheten zu gehen und in die nächste Zukunft zu weisen. Wir ersteigen das Technikum, das als Wahrzeichen über der Stadt steht, und blicken nach rechts und links über das Plateau, das ober der Stadt sich an den Karmelabhang lehnt. Hier ist alles jüdischer Boden. Noch ist er leer; aber in wenigen Monaten wird er dank der weitsichtigen Initiative des Jüdischen Nationalfonds die ersten Häuser des neuen jüdischen Stadtviertels tragen. In we- Nr. 29 nigen Jahren, sehr rasch, wird er bedeckt sein mit einer jüdischen Kolonie, deren entzückende Lage wenige ihresgleichen in der Welt haben wird. Die Verwirklichung modernsten Städtebaus in diesem neuen Haifa kündet dem alten die Todesstunde. Wir breiten uns aus und steigen in die Ebene hinab. Unsere Magazine umgürten die Eisenbahn und den neuen Hafen. Wir fürchten nicht die Sümpfe des Kison, die wir trockenlegen, und die Ebene bis zur Bahn nach Akka bietet uns Raum für Zehntausend^ von Häusern. Wo wir sind, wird der Schwerpunkt der Stadt sein. Wir wollen niemanden verdrängen, aber alle überflügeln. Wir ersteigen den Karmel und sehen große Flächen bedeckt mit jüdischen Gärten und Villen und Sanatorien. Eine gewundene Straße führt hinunter zum jüdischen Stadtviertel. Uns will bedünken, daß solche Träume im Geiste Herzls das beste Gedenkopfer für seine Weihestunde sind. Keine Träume des orientalischen „Kef“, das in den Wolken der Wasserpfeife unbestimmte Gedanken schaukeln läßt, sondern tätige Träume, Bildhauer-Träume, die aus dem Leblosen Leben schaffen wollen. „Traum ist von Tat nicht so verschieden, wie mancher glaubt“, sagt Herzl. Solche Träume sind auch nötig wie das tägliche Brot, zumal wenn dieses bitter ist. Die Arbeit dieser ersten Jahre — denn noch stehen wir in den ersten Jahren — ist allerwärts schwierig und kleinlich, oft genug unbefriedigendes Stückwerk. Und doch liegt Großartigkeit in dem Bewußtsein, selbst an dieser Scheide der Menschenalter zu stehen. Wir haben die stolze Zuversicht, daß die späten Enkel diesen heroischen Zug unseres Zeitalters würdigen werden, und daß keiner von ihnen seinen behaglichen Besitz höher schätzen wird als unser unruhiges, gefahrvolles Erwerben. STUDENTEN FÜR PALÄSTINA Von Davis Trietsch Das studentische Element hat in den jüdischen Palästinabestrebungen von jeher eine große Rolle gespielt. Jüdische Studenten aus Rußland, die „Bilu“, waren unter den ersten, die zu Anfang der achtziger Jahre nach Palästina gingen, um Pioniere der neuen Bewegung zu sein. Die zionistische Organisation war in ihren ersten Anfängen fast eine studentische Angelegenheit. Studenten waren zum großen Teil die Propagatoren und Organisatoren des Zionismus in seinen ersten Jahren. Sie leisteten die technische Arbeit in den Ortsgruppen, und die Universitätsstädte waren die stärksten Zentren der Bewegung. Aber auch der deutschjüdische Kolonisationsverein „Esra“ war von einem russischen Studenten gegründet und vorwiegend von studentischen Elementen jahrelang getragen worden, bis er auch aus anderen Kreisen der deutschen Judenheit Anhänger und Unterstützung gewann. Alles das aber fällt in die „Zeit der Vorbereitungen zu weiteren Vorbereitungen“, während seit Jahren — nämlich seit dem Regime der „praktischen“ Palästinaarbeit — von studentischer Mitarbeit nicht allzuviel zu merken ist. Dies liegt in der Hauptsache daran, daß man in studentischen Kreisen nicht recht weiß, wie man sich zu dem gegenwärtigen „praktischen“ Stadium der Bewegung zu stellen hat. Ich selbst bekomme zahlreiche Anfragen von Studenten und studentischen Körperschaften über praktische Arten der Vorbereitung oder der Betätigung an palästinensischen Aufgaben und will darüber im folgenden Einiges sagen. In allererster Linie wäre es natürlich Sache der an Palästina interessierten Studentenschaft, sich möglichst eingehend über Palästina zu informieren, soweit dies aus der vorhandenen Literatur möglich ist. Wir haben ja auch seit einer Reihe von Jahren in den jüdischen Palästinazeitschriften, Handbüchern usw. ein spezielles Material, so daß es nicht mehr wie in früheren Zeiten nötig ist, sich durch den endlosen Wust von Palästinaliteratur hindurchzuarbeiten, der, meist für religiöse und archäologische Interessen berechnet, nur höchst spärlich Angaben über das moderne und aktuelle Palästina enthält. Ein weiteres Mittel, sich über Palästina zu informieren, liegt in Kursen, die eventuell auch innerhalb der Studentenschaft und ohne Zuziehung fremder Kräfte abgehalten werden können, in der Art, daß den Teilnehmern gewisse Aufgaben gestellt werden, über die jeder dann zu referieren hat. Es sollte jeder Student sich eine gute Kenntnis der Tatsachen über Palästina verschaffen, die — im Interesse des jüdischen Ansiedlungswerkes im Lande — zu ergänzen wäre durch eine entsprechende Kenntnis der Tatsachen des jüdischen Lebens überall in der Welt Eine weitere Möglichkeit, sich über Palästina zu informieren, liegt darin, daß Studenten ihre Ferien zu Reisen nach Palästina benutzen. Das Haupthindernis — der Kostenpunkt — ist nicht so groß wie man meint. Studentenreisen können, besonders wenn sie in Gruppen erfolgen, sehr billig bewerkstelligt werden. Es fehlt ja heute auch nicht mehr an Vorbildern, so daß an dieser Stelle über die Kostenfrage nichts mehr gesagt zu werden braucht. Allenfalls sollten wir dazu kommen, daß mit der Zeit