Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 29 (17.7.1914)
- Article
- Herzl und Haifa
- Date
- 1914-07-17
- Page
- 739 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 20 N \ \ UMMK MM mm: gcr^c-cbV v) #G HERZL UND HAIFA Von Dr. Elias Auerbach, Haifa Zum großen Theodor HerzI hat Haifa vielleicht die engste und trauteste Beziehung, die ein Ding zu einem genialen Menschen haben kann: Haifa war ein liebes Kind seiner Phantasie! Dieser schöpferischen Phantasie, die Entwicklungen werden sieht und oft genug erst werden läßt. Auch am Kleinen zeigt sieh bei Herzl, wie im Großen, der geniale Wurf. Als er in einer gewaltigen, geradezu prophetischen Inspiration den Gedanken des Zionismus konzipierte, da sah er vor sich — nicht die zerstreuten, gequälten Juden, sondern ein auferstandenes jüdisches Volk. Geber Länder und Meere hinweg sah er das neu blühende, von emsigem Leben erfüllte Land der Väter. Und diese in körperlicher Gewalt erfaßten Visionen des Zieles zwangen ihn, unermüdlich, heroisch, ruhelos den Weg zu ihrer Verlebendigung zu suchen. Die Gebilde seiner Phantasie waren ihm — wie jedem Schöpfer — weit wirklicher, als die tägliche Wirklichkeit. Erst war das Ziel, dann der Weg. So sah er auch Haifa. Tausende von Reisenden sahen es vor ihm. Sie sahen nur eine kleine Araberstadt wie viele andere, wie diese halb verfallen und schmutzig, nicht einmal orientalisch-interessant wie Akka; eine Stadt ohne Geschichte, ohne Sternchen im Reisebuch. Als Theodor Herzl 1898 nach Haifa kam, hatte die Stadt etwa 10 000 Einwohner, von Europäern nur eine deutsche Kolonie, die, ein Organismus für sich, unorganisch neben der Stadt lag. Noch gab es keine Hedsdhasbahn mit Haifa als Endstation, die offene Reede war tot, fast nur von Küstenseglern aufgesucht, das alte Akka, der Sitz der Regierung, dominierte mit seinem reichen Hinterland über das arme, in schmaler Ebene vom steinigen Karmel und den fieberhauchenden Kison-Sümpfen umschlossene Haifa. Und darinnen fand er, in einigen licht- und luftlosen Gäßchen der Altstadt, einige Hundert orientalische Juden, ihr einfaches, eng begrenztes, völlig arabisiertes Leben ohne alle Zukunftsideen, ja ohne allen Zusammenhang mit der Gesamtjudenheit hinbringend, nicht einmal wirtschaftlich von Bedeutung in der arabischen Stadt. Herzl aber stand in Haifa am Ufer des Meeres und auf dem First des Karmel und sah etwas Anderes. Ein Traumbild stieg vor ihm auf, in einem neuen Haifa verkörperte sich ihm die Auferstehung seines Volkes. „Auf der Reede zwischen Akka und dem Fuße des Karmel ankerten riesige Schiffe. Hinter dieser Flotte sah man die anmutige Linie der Bucht. An der Nordspitze Akka in alter orientalischer Bauschönheit, graue Festungsmauern, dicke Kuppeln und schlanke Minarets. An diesen Umrissen war nicht viel anders geworden. Aber südwärts unterhalb der ruhmreich schwergeprüften Stadt, am Bogen des Uferrandes, war eine Pracht entstanden. Tausende weißer Villen tauchten, leuchteten aus dem Grün üppiger Gärten heraus. Von Akka bis an den Karmel schien da ein großer Garten angelegt zu sein, und der Berg selbst war auch gekrönt mit schimmernden Bauten . . . Eine herrliche Stadt war an das tiefblaue Meer gelagert. Großartige Steindämme ruhten im Wasser und ließen den weiten Hafen dem Blicke der Fremden sogleich als das erscheinen, was er wirklich war: der bequemste und sicherste Hafen des mittelländischen Meeres. Schiffe aller Größen, aller Arten, aller Nationen hielten sich in dieser Geborgenheit auf." („Altneuland", S, 64—65.) Das ist das neue, jüdische Haifa, das Herzl im Geiste sah. Heute, wo jeder halbwegs Palästinakundige in Haifa die Stadt der Zukunft sieht, vergißt man gar zu leicht, daß für uns Herzl erst es dazu gemacht hat. Nicht etwa so, als ob Herzl dem wirtschaftlichen Aufschwünge, der im Anzuge war, den Weg gewiesen hätte, aber doch dadurch, daß er die jüdischen Gedanken auf diese zukunftsreiche Stadt und ihre bevorzugte Lage gelenkt hat. Die jüdischen Pioniere, die acht Jahre später in Haifa die erste jüdische Fabrik gründeten, den Anfang des „neuen Jischub", und ihr den bezeichnenden Namen „Athid" gaben, können selbst am besten bezeugen, wer sie hergeführt hat. Und ganz auf demselben Wege, durch die Erzeugung der allgemeinen Stimmung, ist Herzl der Vater des Technikums geworden, das in Haifa seiner Vollendung entgegengeht. Es sind jetzt sechzehn Jahre vergangen, seit Herzl Haifa sah. In dieser Zeit ist Haifa auf das Dreifache gewachsen. Es hat Akka endgültig überflügelt. Haifa ist durch seinen Schienenstrang nach Derä und Damaskus Kopfstation und Hafen der Hedschasbahn geworden, es empfängt von Bosra den Getreideexport des Hauran, bald auch den reichen Handel von Nablus. Neue, fast europäisch moderne Häuser schießen allenthalben aujs dem Boden, und man spürt ein stetes Vorwärtsdrängen. Bald wird die erste Hand an den Hafenbau gelegt werden, der eine neue Epoche der Stadt heraufführen wird. Wie aber steht es mit dem jüdischen Haifa? Sollen wir un$ schämen, es auszusprechen, daß Haifa noch durchaus den Charakter einer arabischen Stadt hat? Nein, es Ist so. Wir haben freilich Herzl gegenüber einen schweren Stand. Er sah eine glühende, lebendige, fertige Vision, wir müssen uns einen staubigen, mühevollen Weg zu ihr suchen. In großartiger Nachlässigkeit überließ er uns alle Detailarbeit, und man darf uns nicht gram sein,