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Die Welt · 1914-07-17 · 29 (17.7.1914) · p. 738

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
29 (17.7.1914)
Article
Das kommende Geschlecht
Date
1914-07-17
Page
738 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 29 738 . .. - - - dlkzH reu Jahren dadurch erschwert, daß man es zwar mit einer entschiedenen, jedoch mit keiner würdelosen Assimilation zu tun hatte, mit einer Assimilation, die immerhin von freiheitlichen, traditionell geweihten Idealen beseelt war, so entpuppt sich die gegenwärtige akademische Assimilation in ihrer ganzen Widerwärtigkeit. Die einstigen schönen Träume von der Allgewalt der Völkerfreiheit und der Volkserhebung sind längst vergessen. Selbst die arme russische Bauernschaft, für deren Befreiung das jüdische Volk als „Kanonenfutter“ hätte dienen sollen, ist von den prinzipienfesten Kosmopoliten schmählich im Stiche gelassen worden. Die Sorge für das Wohl des ländlichen russischen Proletariats ist durch einen jämmerlichen Karrierismus, durch - ein erbärmliches Strebertum ersetzt worden. In ganz überraschender Weise entpuppten sich unsere Kosmopoliten von gestern als die gewöhnlichsten „Bourgeois“, die in ihrer würdelosen Anpassung und in ihrer Kriecherei vor dem russischen sogenannten Liberalismus eine frappierende Aehnlichkeit mit dem assimilationssüchtigen Westjudentum aufweisen. Es ist nicht zu verkennen, daß diese neueste Phase der ostjüdischen akademischen Assimilation den nationalen Elementen den Kampf bedeutend erleichtert hat. Der Kampf nach innen ist in den letzten Jahren beinahe verschwunden. Zielbewußter und schöpferischer als je sucht und findet der Zionismus den Weg zum Volk, einheitlicher und geschlossener als je steht die zionistische Organisation da. Aus all diesen positiven Momenten ergab sich die Grundlage für den Zusammenschluß des kommenden Geschlechts, das im Glauben an sich selbst, im Glauben an die unerschöpflichen Energien des jüdischen Befreiungsgedankens, neue Kräfte für die Zukunft sammelt. Die neugegründete zionistische Studentenorganisation hat sich eine große Aufgabe gestellt: die Heranbildung einer jüdischen Intelligenz. Die tiefste Tragödie unseres Volkes besteht eben darin, daß wir keine jüdische Intelligenz im eigentlichen Sinne besitzen. Sofern der jüdische Intellektuelle kein Assimilant ist, bildet er eine abnorme Erscheinung in unserem Volksleben durch seine Wurzellosigkeit und seelische Zerrissenheit. Kraft und Zukunft eines Volkes bestehen aber in der Qualität, in der Ganzheit seiner Intelligenz. Die jüdischen intellektuellen Kräfte müssen organisiert werden, um kraft der nationalen Idee einen Kampf gegen das Galuthleben in allen seinen Aeußerungen aufzunehmen. Nun ist Organisationswerk — Erziehungswerk. Darum muß unsere Intelligenz erzogen werden zu einem Bollwerk des Volkstums. Denn jüdische Intelligenz und jüdische Volksbefreiung sind für ein national erzogenes intellektuelles Judentum einander ergänzende, ja synonyme Begriffe. Der Weg, den die zionistische Studentenorganisation zu gehen entschlossen ist, ist ein schwerer. Schon bei den ersten Schritten stößt sie auf Hindernisse, die sie lebhaft an jene Tage erinnern, wo sie nach außen und nach innen unerbittliche Kämpfe zu führen hatte. Das Problem des sogenannten unparteiischen Nationalismus dürfte ihr in nächster Zeit gar manche Sorge bereiten. Es darf hier gesagt werden: zu den abnormalsten Erscheinungen unseres Diasporalebens gehört zweifellos der unparteiische Nationalismus oder der Jiddischismus, wie er mit Recht genannt wird. Es ist höchst charakteristisch, daß unter allen unterdrückten Kulturvölkern des 20. Jahrhunderts einzig und allein das Judentum eine ähnliche Pseudobewegung innerhalb der nationalen Intelligenz aufzuweisen hat. Der Jiddischismus verzichtet auf die Vergangenheit, stellt an die Zukunft unglaublich bescheidene Ansprüche und klammert sich an eine Gegenwart, die von ihm selbst als abnormal anerkannt, dennoch den Ausgangspunkt seines Denkens und Handelns bildet. Es ist bezeichnend, daß sämtliche Versuche, auf dieser Grundlage eine Organisation ins Leben zu rufen, als völlig erfolg- und aussichtslos gescheitert sind. Daß es einzig und allein in der Studentenwelt gelungen ist, auf dieser „neutralen“ Basis, unter tatkräftiger Mitarbeit von Zionisten, eine unparteiische nationale Organisation, den sogenannten „Züricher Verband“, zu schaffen, hat seine besonderen Gründe, auf die hier nicht eingegangen werden soll. Daß sich die Tagung der zionistischen Studentenschaft in Heidelberg mit großer Mehrheit für einen Anschluß der zionistischen Intelligenz an diese „neutrale“ Bewegung ausgesprochen hat, ist aus taktischen Erwägungen begreiflich und auch anzuerkennen. Wird doch damit der Standpunkt vertreten, daß die akademische Assimilation noch lange nicht gebrochen ist und daß jeder Versuch begrüßt werden muß, der die Möglichkeit schafft, mit vereinten Kräften, wenn auch ohne gemeinsame Idee, gegen den gemeinsamen Feind zu kämpfen. Indes, weite Kreise der akademischen Intelligenz empfinden das ungelöste Problem als sehr beunruhigend. Erblicken sie doch ihre Aufgabe nicht in taktisch-diplomatischen Kompromissen. Für sie ist das wichtigste die Erziehung, die Ausbildung zum ganzen, entschiedenen Nationalismus. Niemals hat ein Volk durch „unparteiischen Nationalismus“ seine Wiedergeburt erlebt, niemals durch tote Neutralität positive Werte geschaffen. Die unbedingt nationale Denkweise — das ist die gebieterische Forderung, die in nächster Zukunft an die ost jüdische akademische Intelligenz herantreten wird. Eine beachtenswerte Erscheinung: parallel mit der Durchsetzung des Gedankens von der Notwendigkeit aktiver Betätigung der Jugend, ist das Bestreben nach Erweiterung, nach V ertiefung der zionistischen Gedankenwelt. Es ist schwer, gegenwärtig in konkreter Weise zu sagen, welche Formen der Zionismus unserer ost jüdischen akademischen Jugend annehmen wird. Es ist aber nicht zu bestreiten, daß diese neuen Formen eine Bereicherung unserer Gedankenwelt mit sich bringen werden. Da ist das Problem derGegenwalrtsarbeit, das heute schon unsere akademischen Mitstreiter in Spannung und Bewegung hält. Es ist entschieden bedeutsam, daß die Heidelberger Konferenz die Gegenwartsarbeit in der Diaspora zur Pflicht des zionistischen Akademikers erhoben hat. Eine unüberbrückbare Kluft trennt indes diesen Beschluß von den Galuthbestrebungen unserer jiddischistisdfien Gegenwartsarbeiter. Nicht im Galuth, sondern gegen das Galuth soll in der Gegenwart gearbeitet werden. Diese Aufgabe zu erfüllen, ist die zionistische Organisation jetzt schon berufen. Die zionistische Organisation soll und kann jetzt schon die Vorstufe zur jüdischen Zukunft werden: sie kann zu einem Staatsmechanismus werden, der kraft seiner Ideale das gesamte jüdische Leben umfassen und leiten soll. Es ist nicht zu bestreiten: noch sind diese Gedanken in den Reihen der ostjüdischen akademischen Intelligenz nicht zu voller Reife und Klarheit gediehen. Das kommende Geschlecht befindet sich aber auf dem Wege. Es sucht nach einer Verinnerlichung und Vertiefung seiner Weltanschauung. Ganze Juden und ganze. Menschen will es erziehen, die das große Werk unserer Wiedergeburt übernehmen und fortführen sollen. Dies ist das schönste Zeugnis für die Lebenskraft unseres Gedankens. Das kommende Geschlecht verbürgt uns die Zukunft.

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