Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 29 (17.7.1914)
- Article
- Das kommende Geschlecht
- Date
- 1914-07-17
- Page
- 737 (sequence 1)
- Language
- German
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DIE WELT BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. ERSCHEINT JEDEN FREITAG — ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG Nr. 29 BERLIN, 17. Juli 1914 urviW? n"ODn 'X Tlön »V^"Q XVIII. JAHRG. * » t w_| 4 y Dr. 8. BERNSTEIN: Das kommende Geschlecht — Dr. ELIAS AUERBACH: Herzl und Haifa — I IN 11 A L I l »AVIS TRIETSCH: Studenten für Palästina — PALÄSTINA-RUNDSCHAU: Die hebräische Presse in Palästina n. a. — WELTCHRONIK: Weltkonferenz der Agudath Israel; Allgemeine Konferenz der Ito u. a. — AUS DER BEWEGUNG: Schekelanfrnf (hebräisch); Jahresversammlung der amerikanischen Zionisten u. a. — LITERARISCHE RUNDSCHAU: Dr. O. A.: Das Leben Theodor Herzls von Adolf Friedemann u. a. — Geschäftliches DAS KOMMENDE GESCHLECHT Von Dr. 8. Bernstein Die akademische Jugend des Ostjudentums durch- Das letzte Jahrzehnt dürfte in der Entwicklung lebt gegenwärtig eine interessante Entwickelungsphase. unserer akademischen Jugend als die Sturm- und Drang- Nach langjährigem Theoritisieren, nach einer Periode des periode bezeichnet werden. Der jüdisch-nationale Aka- Suchens und Strebens tritt sie in das Gebiet der Tat. demiker aus dem Osten hatte seit Jahren einen schweren Die ostjüdische Jugend will nicht bloß Trägerin einer abstrakten Gedankenwelt, der national]üdischen Ideologie sein und bleiben. Unsere Jugend will wirklichen Idealismus und idealistische Wirklichkeit. Sie will nicht nur mitdenken und mitfühlen, vielmehr mitarbeiten am Werke der Nation. Die letzten Jahre haben wiederholt das beachtenswerte Streben unserer östlichen Jugend in prägnanter Weise demonstriert: das Streben nach Realisierung der Empfindungswelt, nach Umsetzung des Willens in die Tat. Macht und Zukunft einer Jugend liegen in ihrer Organisation. Und gerade dieses Moment erfüllt gar manchen mit quälenden Zweifeln. Ist doch die Unmöglichkeit, die zionistischen Kreise innerhalb der ostjüdischen Studentenschaft organisatorisch zusammenzuschließen, beinahe sprichwörtlich geworden. Wie sollte eine Jugend ohne Organisationsfähigkeit, ohne die Möglichkeit, ihre eigenen Kräfte zur Entfaltung gelangen zu lassen, der Zukunft ohne Unruhe und Besorgnis entgegensehen dürfen? Die unlängst in Heidelberg abgehaltene Delegiertenkonferenz des „Hechaweri, deren Verhandlungen die zionistische Öffentlichkeit mit sichtlichem Interesse verfolgte, hat uns neue Tatsachen offenbart. Nicht nur besitzen wir einen idealistisch gesinnten Nachwuchs im akademischen Ostjudentum; wir sahen, daß dieser unser Nachwuchs, das kommende Geschlecht, von einer geradezu schöpferischen Organisations i d e e durch- ‘drungen ist. Aus zahlreichen Hochschulstädten versammelte sich unsere Jugend mit der klaren Erkenntnis: für den Sieg des Nation aljudentums, für die Vorbereitung zur zionistischen Wirklichkeit ist es notwendig, die Jugend unter der blau-weißen Fahne nicht nur zu organisieren, sondern sie zur Arbeit auszubilden und vorzubereiten. Darin liegt das bedeutsame Moment der Heidelberger Tagung. Stand in seiner „Kolonie". Mußte doch nach zwei Fronten gekämpft werden. Es mußte nach außen der Kampf gegen die Assimilation in allen ihren Formen aufgenommen werden. Für die primitivste Daseinsberechtigung des jüdisch-nationalen Gedankens mußte man immer wieder in die Schranken treten. Ein weltfremder, hohler Kosmopolitismus war tonangebend geworden in der jüdisch-russischen Studentenwelt und seinem Einfluß waren große Teile unserer Jugend unterworfen. Ein Kosmopolitismus allerdings, dessen Ideenwelt sich ausschließlich in den russischen Reichsgrenzen bewegte und nur von den Juden den heroischen Entschluß verlangte, als unzertrennlicher Bevölkerungsteil des großen Slavenreiches sich willig auflösen zu lassen. Aber auch nach innen ging ein heißes Ringen vor sich. Noch war das zionistische Leben im Werden begriffen. Der Kampf der verschiedenen Strömungen, das Streben nach Schaffung neuer Organisationen beunruhigte jahrelang die zionistische Welt. Die lebhafte, theoretisierende Anteilnahme unserer Studentenschaft an all diesen Vorgängen mußte in ihrer Mitte hie und da eine Ermüdung, eine organisatorische Zerfahrenheit nach sich ziehen. Die jüdische Studentenschaft war seit Jahren an einer schöpferischen Organisierung ihrer Kräfte verhindert. Die letzten Jahre haben einen gründlichen Umschwung herbeigeführt. Der Selbsterhaltungstrieb der jüdischen Volksmassen kam zum Vorschein. Der jüdischnationale Gedanke zieht siegreich durch die Reihen des Volkes. Die zionistische Bewegung ist zu einem Gemeingut unseres geistigen und sozialen Volkslebens geworden. So haben die Kämpfe nach beiden Seiten eine ziemlich günstige Wendung erlangt. Denn war der Kampf mit der assimilatorischen russischen Studentenschaft in frühe-