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Die Welt · 1914-07-10 · 28 (10.7.1914) · p. 723

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
28 (10.7.1914)
Article
Aus den Ereignissen des Tages
Date
1914-07-10
Page
723 (sequence 1)
Language
German
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723 Nr. 28 DIE^ELT •unternommen, kein Schritt getan, um den wirtschaftlichen Errungenschaften, die leicht abgelöst werden können, jene moralische Unterlage zu schaffen, welche in die Tiefe geht, und zu den materiellen Interessen die Sympathie der Herzen und Köpfe, die geistigen und kulturellen Wirkungen, die allein von Dauer sein können, hinzufügt. Man wird nun sagen, daß, wenn es den Franzosen gelungen ist, sich seelisch hier einzupflanzen, dies vielleicht auf eine Gemeinsamkeit der Abstammung, auf die Latinität der Rumänen zurückzuführen sei. Diesem Elemente ist eine gewisse Bedeutung nicht abzusprechen. Doch kann das nicht heißen, daß deutscherseits nicht vieles unterlassen worden ist, was Voraussetzungen geschaffen hätte auch für eine stärkere Verbreitung deutscher Kultur. Dazu gehört etwa die politische Preisgabe der rumänischen Juden, die Bismarck für einen besonders geschickten Schachzug gehalten hat, und zwar deren Preisgabe gegen den Eintausch finanzieller Vorteile. Diese Juden nämlich sind der deutschen Kultur immer besonders zugänglich gewesen. In den meisten jüdischen Häusern wird man deutsche Klassiker und andere deutsche Bücher finden. In ihren Schulen ist die deutsche Sprache immer gründlich! gepflegt worden. Der jetzige Rektor der Jassyer Universität, Professor Stere, ehemaliger russischer Revolutionär, der nach Sibirien verbannt gewesen und nach Rumänien flüchten konnte, um es hier bis zum aussichtsreichen Ministerkandidaten zu bringen, hat einen größeren Aufsatz über die Bauem¬ und Judenfrage geschrieben, der folgenden Satz enthält: „Man muß beachten, daß ein russischer, deutscher, französischer Jude, wenn er sich die europäische Kultur aneignet und aus der Sphäre des Judaismus austritt, sich der Nationalkultur des betreffenden Landes anschließt, während er bei uns in diesem Falle höchstens der deutschen Kultur gewonnen ist, die, der unseren überlegen, ihm durch Sprache, gemeinsamen (?) Ursprung und durch den ganzen Komplex der wirtschaftlichen und Handelsbeziehungen zugänglicher ist." Sieht man hier von etwas tendenziöser Uebertreibung ab, so bleibt die Beobachtung richtig, daß die jüdische Bevölkerung Rumäniens in demselben Maße zur deutschen Kultur gravitiert, wie die gebildete Schicht der Rumänen selbst zur französischen. Der rumänische Antisemitismus ist ein künstliches Gewächs der regierenden Oligarchie. Jedoch ist seine Züchtung dadurch erleichtert worden, daß man die Juden der politischen Rechte entkleidet und damit von der christlichen Bevölkerung immer mehr isoliert hat. Heute ist wohl nicht daran zu denken, daß dieser Fehler von der deutschen Diplomatie gut gemacht werden könnte. Heute muß die Gleichberechtigung der Juden aus dem freien Entschluß der christlichen Mitbürger entspringen, und wer unter uns Rumänen an einen Fortschritt glaubt, wird nicht die Zuversicht aufgeben, daß dies auch eines Tages geschehen wird." . . . PALÄSTINA-RUNDSCHAU Aus den Ereignissen des Tages (Von unserem Berichterstatter) Der hebräische Lehrerverein Jerusalems veranstaltete in „Beth-Haam“ einen sehr gelungenen „Achad-Haama b e n d“. S. Schiller zeichnete in feinsinniger, fesselnder Weise die Persönlichkeit Ach ad - Haams seine Weltanschauung, seine Ansicht vom Judentum und seine Stellung zum Zionismus. Es sprachen noch Suta, Etan und Feldmann. K. L. Sil mann, der oft Gelegenheit hatte, längere Zeit in Achad-Haams Umgebung zu weilen, erzählte persönliche Erinnerungen aus dem Leben Achad-Haams. Er schloß mit dem Wunsche, daß es Achad-Haam bald gelingen möge, sein Buch über die jüdische Ethik dem jüdischen Volke zu schenken. ln der Siedlungsgenossenschaft in Merchawjah gab es in der letzten Zeit Streitigkeiten zwischen der Arbeiterschaft und dem landwirtschaftlichen Leiter. Dr. Ruppin ist nach Merchawjah gereist, um die Verhältnisse an Ort und Stelle kennen zu lernen. Die endgültige Entscheidung bleibt dem Direktorium der Siedlungsgenossenschaft Vorbehalten. Die Eisenbahnlinie, die von Phule (Merchawjah) gebaut wird und bisher nur bis Dschenin dem Verkehr übergeben war, reicht jetzt bis zu der Station Schildk. Da die Arbeiten auf der Strecke mit großem Eifer betrieben werden, ist es nicht ausgeschlossen, daß der Verkehr auf der gesamten Strecke noch im Laufe dieses Jahres aufgenommen wird. Im hebräischen Gymnasium in Jaffa sind die Prüfungen der Abiturienten seit einigen Wochen im Gange. Die 1. C. A. schenkte der Alliance in Tiberias ein Bauterrain für eine Knabenschule. Die Bauarbeiten haben bereits begonnen. Wie es heißt, wird das Gebäude ca. 15 000 Frcs. Die judenfeindliche Zeitung „Philistin" in Jaffa, die von der Regierung wegen einiger hetzerischer Artikel angeklagt wurde, ist von dem Gerichte, welches wie es scheint von den Tendenzen der Zeitung beeinflußt ist, freigesprochen worden. Die Gründung der Bank in Pethach - Tikwah macht gute Fortschritte. Die Anteilscheine betragen je 1000 Frcs., von welchen 100 Frcs. gleich eingezahlt werden. Die Schülerzahl in Pethach-Tikwah, die im vorigen Jahre 7S3 betragen hat, ist in diesem Jahre auf 048 gestiegen. Und zwar gibt es in der Schule und in dem Kindergarten der I. C. A. 273 Kinder, Ln der landwirtschaftlichen Mittelschule 4S Schüler (darunter 27 aus dem Auslande), in der Knabenschule der Frankfurter Gesellschaft 310, in der Mädchenschule derselben (Gesellschaft 189 und im Kindergarten 128 Kinder. Alle diese Schulen zählen insgesamt über 40 Lehrkräfte. In der von Frankfurt aus unterhaltenen Mädchenschule ist jetzt auch das Kochen als Unterrichtsgegenstand eingeführt worden, wofür eine Lehrerin aus Deutschland engagiert wurde. In Safed fand zum erstenmal ein Blumentag statt, dessen Erlös für die dortige Bibliothek bestimmt ist. Im Jerusalemer Lehrerseminar hielt der Lehrer Zuri anläßlich des Ablebens des Gelehrten Halevy ein wissenschaftliches Referat über dessen Bedeutung. In Eydtkuhnen (Ostpreußen) hat sich eine Achusah (Pflanzungsgesellschaft) gebildet, die bereits in Merchawjah Boden erworben hat. Diese Achusah hat in der palästinensischen landwirtschaftlichen Zeitung „Hachaklai" einen Wettbewerb für die Ausarbeitung eines Bevvirtschaftungsplanes ausgeschrieben und einen Preis von 300 Frcs. für die beste Arbeit ausgesetzt. Zum ersten Male wird bei der Anlage einer neuen Siedlung dieser Weg gewählt. Es ist zu erwarten, daß in Zukunft alle neu gegründeten Pflanzungsgesellschaften sich in gleicher Weise die Grundlage für die Bewirtschaftung ihres Gebietes verschaffen und so das Risiko wesentlich verringern.

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