Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 27 (3.7.1914)
- Article
- Theodor Herzl
- Date
- 1914-07-03
- Page
- 695 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316625-3316652-3355396--61573-3355526- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 27 DIE LT 693 von Religionen, Länder- und Seeleneroberer, Revolutionäre des menschlichen Geistes, Bahnbrecher oder auch manchmal große Abenteurer entstehen. Bismarck und Sabbatai Zewi, Hannibal und Lesseps, Friedrich der Große und Borkmann, das sind Männer derselben Kategorie. Was Herzl getan hat, sichert ihm Unsterblichkeit; er gab der Jugend Inhalt, den Greisen Hoffnung, setzte latente Energien in Bewegung um, verwandelte eine undisziplinierte Masse von „Luftmenschen" in eine Armee von Idealisten, die wacker die Reste der Kulturerrungenschaft und die Ehre des geschmähten jüdischen Volkes verteidigen. Herzl impfte Hunderttausenden starke Dosen Idealismus ein, setzte ein Ziel, wo Apathie war. Das Ziel hat er wohl nicht erreicht. Aber wer das alles getan hat, ist ein Herold der Kultur, ein sozialer Bahnbrecher. Während der Julihitze des Jahres 1904 verfinsterte sich der Horizont, und der Blitz schlug ein und traf eine starke, mächtige Eiche. Ehe fiel und mit ihr für Jahre die wiedergeborene Hoffnung eines Zwölf-Millionen-W andervolkes. Die Eiche fiel, fiel so stark und wuchtig, daß das Echo des Falles die fernsten Winkel erreichte und wahre, echte Tränen eines großen Schmerzes bei Abertausenden hervorrief. Es war ein harter Schicksalsschlag für unser Volk. Da erschien endlich nach langem, bangem Warten, nach Jahrhunderten physischen Verfalles, sittlicher Ohnmacht, politischer Apathie, kultureller Versumpfung der von der Vorsehung gesendete Mann, der dem Volke die Heilbotschaft brachte und es aus tiefem Schlummer zu wecken begann. Da brach nach einem finsteren luft- und lichtlosen unendlichen Mittelalter die frohe, fröhliche neue Zeit heran. Es erstand dem Ghetto ein eigenartiges Phänomen — ein machtvolles, schöpferisches Talent, das seine Quelle in Europa hatte und seine Mündung im Judentum suchte, und begann seine Fähigkeiten, seinen Willen, seinen Verstand, seinen Ruhm und seine Nerven, seine Ruhe und sein Vermögen der Nation zu opfern und diente ihr treu ein Jahrzehnt, so treu, daß, ob wir den russischen Juden oder den sephardischen Lastträger in einem Hafen des Orients oder auch den Dorfjuden in einem entlegenen Neste Galiziens um die populärste Gestalt des Judentums fragen, wir seinen Namen hören werden. Und kaum nach einem Jahrzehnte schwerer, aufreibender Arbeit verschwand er. Was gab uns Herzl? Vor ihm war schon die Idee. .Schon vor ihm sprudelte der belebende Gedankenquell, aber es fehlte die Organisation, die die Leute umfassen, die Tribüne, die die Leute sammeln sollte. Es fehlten die Massen, die von der Idee durchdrungen die Träger des neuen Glaubens werden sollten. Es gab kein Verständnis der Idee bei den Fremden und kein Aufgehen in ihr bei den Juden. Das hat er erst bewirkt. Und als er dieses unbewegliche Material zu höheren Zwecken gebrauchen, die Masse in Bewegung setzen wollte, als er selbst vielleicht noch männlicher werden und zur gigantischen Tat ausholen wollte, sprang sein großes Herz. Und es dringt diese Nachricht in das durch fremde Länder zerstreute Volk, und uferloser Schmerz ergreift es, und tiefes Weh packt es, und Verzweiflung übermannt es, und auf die Lippen eines jeden drängt sich die Frage: Wie viele Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte werden wir wiederum warten, bis uns ein solcher Mann erscheint? Und vergebens müht sich auch, der leidgestählt ist, auf diese Frage die Antwort zu finden. Herzl verdanken wir die Kongresse, die „Welt", den „Judenstaat", das „Neue Ghetto", „Altneuland", den Nationalfonds, die Kolonialbank. Das alles gab Das sind Tatsachen, Ziffern, die greifbare Bilanz seines Lebens. Und noch mehr bedeutet für uns das, was sich nicht so konkret sagen läßt. Zeitungen gründen konnte ein anderer auch, größere Banken entstanden auch früher auf Initiative von Juden, Organisationen wurden auch vor ihm ins Leben gerufen. Nicht darin liegt seine Kraft, nicht in den Institutionen, die er hervorrief, beruht sein Wert, noch in deren Menge seine Macht. Ihn kennzeichnete seine Autorität. Er trat auf, und alle erkannten ihn, den ganz Neuen, als Führer an. Und obwohl Nordau einen berühmteren Namen, Zangwill eine wertvollere literarische Produktion, Achad Haam im Verhältnisse zu ihm, dem Dilettanten, riesige Horizonte auf dem Gebiete der Judaistik aufwiesen, ergaben sich ihm die ersten zwei bedingungslos, stand letzterer gegen ihn, und nach vielen Kämpfen strategisch hinter ihm. Er war derjenige, der das Kommandowort gab. Er war der für alles verantwortliche Diktator der Partei. Denn er überragte alle anderen. An gigantischem Willen, an unerschöpflicher Energie, an kindlicher Naivität, an unerschütterlichem Glauben, an unermüdlichem Fleiß, an strategischem Talent, an diplomatischer Geschicklichkeit. Jene dachten, er wollte, jene forschten, er kombinierte, jene prüften, er handelte. Der Analyse stellte er die Synthese, der Nachahmung die Originalität, der grauen, unschöpferischen Theorie den klaren produktiven Willen gegenüber. Was uns Herzl gab, war viel; nichts ist es im Vergleiche zu dem, was uns der größte Sohn der Diaspora geben wollte. Heß, Kalischer, Pinsker, Herzl sind tot. Wer wird den Waisen, den Hunderttausenden, die heute wie vor zehn Jahren einen Vater beweinen, den Weg zum Heile zeigen? Wer und wann? In vortrefflichen Essays hat Emerson den großen Repräsentanten der Menschheit ewige Denkmäler errichtet. Ihm waren sie die gewaltigen Vertreter einer gewissen spezifischen Schöpferkraft, die Posaunen, durch die die Gottheit zum 'Volke redet, die Erscheinungen der himmlischen Macht. — Das war für uns Herzl. T