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Die Welt · 1914-07-03 · 27 (3.7.1914) · p. 694

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
27 (3.7.1914)
Article
Theodor Herzl
Date
1914-07-03
Page
694 (sequence 1)
Language
German
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694 DIE^ELT Nr. 27 v \ \ ML!MM -S:' S 6¥ b» v) #G V THEODOR HERZL Von Adolf Stand Eines der charakteristischen Kennzeichen, die unsere Epoche von den früheren unterscheiden, ist das Bestreben nach Verinhaltlichung. Wer heute etwas zu sagen hat, tut es auf die kürzeste Art. Der Kritiker schreibt einen Essay, der Aesthet ein Feuilleton, der Philosoph einen Aphorismus, der Japaner zeichnet einen Zweig und „das ist der Frühling". Wir nehmen die Werte unter die Presse, drücken auf sie von oben nach unten, und die pulverisierten reichen wir der Allgemeinheit. Darin liegt ein demokratisches und aristokratisches Element. Den unteren Klassen kommen wir entgegen, wenn wir ihnen verkürzt das reichen, was früher Geheimnis der Auserwählten gewesen. Den subtilen Abnehmern versuchen wir die große Lücke auszufüllen, die bestanden hat: den Mangel an Form. Wo die neue Form sich mit dem alten Inhalt vereinigt, der Stil mit dem Dargestellten, haben wir eine erlesene Ware. Frankreich ist das Vaterland des Feuilletons. Sarcey, Lemaitre, France waren dessen Begründer. In ihre Fußstapfen traten junge deutsch schreibende Männer: Harden und Nordau, Speidel und Bahr, Wittmann und Herzl. Für manche ist das Feuilleton Mittel: Harden bedient sich seiner, um ein literarisches Urteil über ein Stück abzugeben, für Nordau ist es das Werkzeug, womit er die Größen der Gegenwart niederschlägt. Für Herzl ist das Feuilleton Selbstzweck. Von den soeben erwähnten unterscheidet er sich wesentlich. Jene sind rauh, grob, unerbittlich. Männliche agressive Naturen. Herzl ist feiner, weicher. Jene kehren ihr Wissen hervor, demonstrieren ihre Belesenheit, er ergibt sich der Contemplation und holt aus sich das Material hervor. Jene moralisieren, er unterhält. Jene verwunden, er heilt. Jene sind Kritiker, er ist Psycholog. Das Schauen ist sein Element. Er schaut auf die Oberfläche, vertieft sich in den Grund der Dinge, die Gedanken konzentrieren sich, die Künstlerseele beginnt zu spielen, und Meisterwerke der feuilletonistischen Produktion entstehen. Herzl hörte einige Jahre den Debatten des französischen Parlamentes zu. Die Massenhypnotiseure wußten gar nicht, daß in der Journalistenloge ein Mensch saß, der nicht nur auf ihre äußeren Kämpfe schaute, sondern auch mit großer Intuition in ihre Seelen blickte, in jenen Winkel, der der Reservefonds ihrer Kräfte war. Herzl schaute, und dann zeigte er uns in klarer, kluger, schlichter „Er starb für sein Volk, auf daß dieses lebe." Emil Schering. Weise wie Anschauungen gemacht werden, wie die öffentliche Meinung entsteht, wie neue Formationen sich bilden und alte schwinden. Mit Bitterkeit und Wehmut erzählt er uns, wie sich Parteien bekämpfen aber die Idee im Stillstände verharrt, wie die Personen abtreten, der Gedanke aber nicht fortschreitet, wie die Energien sich entladen, die Masse aber immer dieselbe bleibt, passiv, apathisch, machtlos. Wie ist das Leben des Publizisten? „Angefangene Träume, halbe Einfälle, unausgenützte Stimmungen". So schließt die sthör.e Feuilletonsammlung „Palais Bourbon". Herzl sah den Herbst der Politik, ob auch den Frühling? So war Herzl bis zum Jahre 1895. In dieser Zeit verändert er sich wesentlich. Es ging in ihm eine Wandlung vor, wie wir sie bei den stärksten Persönlichkeiten bemerken. Sie erfüllen Miltons Wort: Der wahre Dichter achtet darauf, daß das beste' Poem sein Leben sei. Zola stürzt sich in den Wirbel des Kampfes, den ein Unschuldiger um sein Recht kämpft. Herzl schafft den Gedanken der jüdischen Renaissance und wird Leiter einer neuen Bewegung. Er ist der Typus des Tatmenschen. Wenn wir ihn zum erstenmal sehen, vermuten wir, daß es ein arabischer Scheich sei, der sich zufällig nach Europa verirrte. Das typische Gesicht des Orientalen, des reinrassigen Semiten. Nicht von jener Rasse, die man in den Ghettos einsperrte, von Licht und Luft, von der Erde belebenden Säften abschnitt und zur schmutzigen Uebervorteilung, zum Parasitendasein verurteilte. Dort wuchert Unkraut auf der Seele, entsteht ein Höcker auf dem Rücken, und der niedrige Egoismus läßt Spuren im Gesicht zurück. Herzl erinnert mit seinem Antlitz an die guten Zeiten Israels. Harmonie offenbart sich darin und Zufriedenheit; in den Bewegungen ist Sicherheit und in den Augen Sehnsucht. Die Sicherheit des Herrenmenschen und die Sehnsucht des Träumers. Denn beides war Herzl. Ihn erdrückte nicht ein großes Wissen — die Summe fremder Gedanken, ihn schwächte nicht übermäßiger kritischer Sinn — das auf Fehler gerichtete Auge, es riß uns nicht seine oratorische Begabung hin — die erwerben auch Durchschnittstalente durch häufige Uebung. Geschaffen war er zum Synthetiker, Baumeister und; Schöpfer. Gegossen war er aus dem Material, aus dem die Gründer

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