Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 27 (3.7.1914)
- Article
- Herzl als Erzähler
- Date
- 1914-07-03
- Page
- 687 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 27 DIE3§KELT 687 beginnt. Man lese nur „Die Brille“ oder „Epaphroditus“ und das beziehungsreiche Märchen von „Bäumerle und Däumerle“. Eine Tragödie gibt er auch in der poetisch feinen Novelle: „Sarah Holzmann“. Rührend ist die Gestalt des zarten, einsamen und still duldenden Judenmädchens mit der großen, schonenden Liebe zu ihrem armen alten Vater. Nicht minder tragisch wirkt die schlichte, aus dem Leben gegriffene Skizze: „Der Sohn“. In diesen beiden Geschichten gewinnt die den Juden eigene zarte Kindesliebe und aufopfernde Elternliebe ergreifenden künstlerischen Ausdruck. Zumal der Gedanke an die Kinder, an die Fortsetzung des Daseins in ihnen, rankte sich wie ein blühendes Gewinde fast um alles, was Herzl schuf, und half ihm so, den Zweifel und den Pessimismus zu überwinden. Ich erinnere nur an seine einzigartigen Feuilletons aus der Kinderstube. Ihm waren die Kinder mehr als Spielkameraden und Freunde. Sie heilten ihn von allerlei spöttischen und leichtfertigen Anschauungen, die er hatte, bevor sie kamen. Er gewöhnte sich, mit ihren unverdorbenen Augen die köstlich verjüngte Welt anzuschauen. Aus dem tändelnden Weltmann, aus dem glatten Lustspieldichter, aus dem witzigen Plauderer wurde der ernste Denker, der edle Träumer und der energische Tatmensch, wurde Herzl, der Jude. „Die Kinder sind unsere größten Lehrmeister. Mein Sohn lehrte mich eine sinnvolle Liebe zum Leben. Denn mein Leben war er, meine unbegrenzte Fortsetzung, die Bürgschaft, daß ich immer unter der Sonne wandeln würde, als mein Sohn, mein Enkel, immer jung, immer schön und stark, in zunehmender Veredelung . . . .“ Und so lebt Herzl in allen fort, die ihm folgten und folgen, und wird jm jüdischen Volke fortleben immer jung, immer schön und stark, in zunehmender Veredelung. „Was wird ihm die Geschichte als Höchstes nachrühmen? Daß er die Menschen verstand. Er war ein tätiger Psychologe, der in den Seelen der einzelnen wie der Massen las, und mit den einen spielte, indeß er die anderen führte. Die zu kleinen Opfern nicht fähig waren, denen mutete er große Opfer zu, und sie brachten diese freudig. Er schuf aus künstlichen Verwicklungen und Gefahren sein wundervolles Werk. Sie konnten sich nicht helfen, sie mußten ein mächtiges Volk werden“. Diese Worte schrieb Herzl im Jahre 1896 über den ersten Kanzler Deutschlands. Ahnte er damals, daß man sie mutatis mutandis auch auf ihn selbst anwenden werde? Erinnerungen an Theodor Herzl Von Ben-Ami An einem schönen Frühlingsmorgen jenes unvergeßlichen Jahres 1897, dieses ersten Kongreßjahres, das man einst als den Beginn einer neuen historischen Aera im Judentum betrachten wird, erhielt ich nebst einem Brief der Redaktion die erste Nummer der „Welt“. Jetzt, nach siebzehnjährigem Bestehen des zionistischen Zentralorgans, werden sich nicht viele einen Begriff davon machen können, welche Sensation das Erscheinen dieser Zeitung damals hervorrief. Nach Frühling und Auferstehung duftete es aus ihr. Auf mich hat damals die Tatsache einen besonders starken Eindruck gemacht, daß in dieser Zeitung (ich glaube in der zweiten Nummer) ein Artikel mit der Unterschrift Nord aus erschien. Was? „Auch Saul ging unter die Propheten?“. Was hatte Nordau in einem jüdisch-nationalen Organ zu suchen? Dieser Nordau, von dem nur sehr wenige wußten, daß er überhaupt Jude war. Ich entsinne mich noch genau, es war im Jahre 1881, der Zeit der Pogrome in Rußland, als ich als Student nach Wien kam. Delegierter einer Gruppe von Juden, die sich entschlossen hatten, nach Amerika auszuwandem. Die Verhandlungen mit all diesen jüdischen Baronen und Rittern (mit Ausnahme des Ritters von Wertheimer, des damaligen Präsidenten der Allianz, der ein prachtvoller Mensch und guter Jude war) machten einen deprimierenden Eindruck auf mich. Damals, in einem Augenblick der Erbitterung und Enttäuschung, erfuhr ich: Max Nordau, der Verfasser des glänzenden und scharfsinnigen Buches „Konventionelle Lügen“, ist Ach, lassen wir das, rief ich mit Entrüstung. Welchen Nutzen haben wir Juden davon? Gibt es doch genug hervorragende Juden, die nicht uns dienen, sondern unseren Feinden. Und nun erblickte ich mit einemmal denselben Nordau in unserer Mitte, wieder unter seinen Brüdern. War das nicht der Beginn der Verwirklichung jener großen Verheißungen von der Rückkehr der Söhne zu ihrem Volke, die unsere Propheten so oft verkündet haben? Bald danach leuchtete wie ein Stern eine neue grandiose Idee auf, die Idee eines Kongresses! Sie war wie der Morgenstern, der einem wundervollen Frühlingsmorgen den ewigen Maienglanz verleiht. Wohl dem, der diesen Frühling mit erlebt hat. Diesen unvergeßlichen Frühling neu wieder erstehen zu lassen, ihn zu fühlen und zu begreifen, ist aber nur möglich, wenn man alle Schrecken des langen unseligen Winters gekannt hat, der ihm voraufging. In Rußland begann damals ein Vemichtungskampf gegen die Juden, in denen man die Feinde des bestehenden Regimes erblickte. Jeder Tag brachte neue Schrekken. Jeder Tag beraubte tausende und abertausende jüdischer Familien des letzten Bissen Brotes. Und im Innern des Judentums herrschte der Zerfall Die Intelligenz hatte ein Bestreben: mit allen Mitteln vom Judentum zu fliehen, von diesem schwachen, schutzlosen und verfolgten Judentum. Unter dem Deckmantel der russischen Kultur hofften sie bei den Feinden ihres unglücklichen Volkes, das sie schmählich verließen, Sicherheit uhd Ruhe zu finden. Es gab nur wenige treue Söhne des Volkes, verstreut hier und dort, die Chowewe Zion, denen die Leiden ihres Volkes die Ruhe ihrer Seele genommen hatten. Aber diese wenigen bildeten den Gegenstand des Spottes, der Verachtung und des Hasses in den Augen jener feigen Flüchtlinge und „weitblickenden Kosmopoliten“, und trotz ihres heißen Idealismus, ihrer aufopfernden Tätigkeit mußten sie rasch einsehen, daß sie zur Verwirklichung ihrer Ideale nichts vermochten. Ueber die Kolonisation in Palästina brach eine schwere Krise herein, und ich entsinne mich noch lebhaft, wie hoffnungslos wir in den Sitzungen unseres Odessaer Komitees einander in die Augen sahen. Aber wo und wie neue Wege finden, wo rings um