Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 27 (3.7.1914)
- Article
- Herzl als Erzähler
- Date
- 1914-07-03
- Page
- 686 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr, 27 686 DIE^ELT Schulkollegen nach zwanzig Jahren zusammen und erzählen einander von den Entbehrungen des Reichtums, den Demütigungen der Ehre und von der Unfruchtbarkeit der Familie. Nur Wilhelm hat mehr als die anderen erreicht. „In England und Frankreich lernte ich neuartige Wohlfahrtsbestrebungen kennen, hier seht Ihr deren bescheidene Nachbildung. Ich lebe mit armen und unwissenden Leuten, die vom Elend hereingeführt werden. Sie gehen wieder, nachdem sie ein wenig aufgerichtet und gestärkt worden sind. Ein Lehrkörper von gutgearteten Jünglingen hat sich rasch um mich versammelt. Wir tragen nützliche Bildung unter die Armen hinaus . . . ich lehre meine Leutchen, wie groß, wie weit, wie schön die Welt unseres lieben Herrgotts ist, und daß sie nicht gleich die Flinte ins Korn werfen müßten, wenn es an einem Ort schlecht geht. Ich lehre sie hoffen ... So hat auch mein Leben Güter in dem, was mich ausfüllt. Es ist der Gedanke an die Zukunft. Wahrlich, es ist Frühling darin. Auch der Gedanke an meinen eigenen Vorübergang wird dadurch alles Schmerzlichen entledigt. Und schon bin ich ein Bürger dieser Zukunft, weil ich für sie wirke." Theodor Herzls Seele hat die Arbeit für die Zukunft seines Volkes ausgefüllt. „Wer die Zukunft vorbereitet, muß über die Gegenwart hinwegblicken", sagte er in der Erzählung „Das lenkbare Luftschiff", worin er die großartige Lösung des Flugproblems schon 1896 dichterisch vorausahnt, und nur in Momenten der Verbitterung sagte er: „Das Zukünftige ist das Einzige, wovon man nicht enttäuscht wird,, weil man es nie erreicht". Herzl dachte aber nicht wie dieser Erfinder: „Die Menschen sind nicht wert, zu fliegen". Wie er den Menschen gegenüberstand, beweist die Pointe dieser Geschichte: „Zur Größe fehlt diesem Helden nur eines, das Verzeihen". Darin offenbart sich Herzls ganzer Edelsinn und seine sieghafte Lebensbejahung. Die Verzweiflung war für ihn nicht eine Quelle der Resignation, der Unlust und der Schwäche, sondern „ein kostbarer Stoff, aus dem sich die herrlichsten Dinge erzeugen lassen: Mut, Selbstverleugnung, Standhaftigkeit, Aufopferung . . ." Man lese „Das Wirtshaus zum Anilin“, und man wird sich davon überzeugen. In dieser seltsamen Geschichte sehen wir einen Menschen, der sein Leben wegschleudern wollte, aber beim Anblick der aus einer Fabrik strömenden Arbeiter und im Gespräch mit einem von ihnen sich eines andern besinnt. Sein Leben kommt ihm plötzlich wie ein Fabrikationsrest vor, aus dem sich noch Gutes machen läßt. Und wie er erschüttert weitersinnt, bricht seine frühere feige und düstere Weltanschauung zusammen und etwas Neues steigt herauf . . . Statt sich in den Fluß zu stürzen, baut er am Ufer sein Haus und nennt es: „zum Anilin". Seine Bekannten halten ihn freilich für einen Narren, da er in sein Leben einen Sinn zu legen beginnt. Doch er setzt sich darüber hinweg und wirkt hinaus in ferne Kreise durch seine Taten, „indem er Menschen fischt, bevor sie in das Wasser gefallen sind". „So ringt er dem Flusse manchen Kadaver ab und macht daraus etwas Tüchtiges. Mancher gedeiht ihm zu einer wahren Pracht. In ihrer tiefsten Verzweiflung nimmt er die Menschen und knetet sie um. Für jeden findet er eine Verwendung, eine große Aufgabe, ein hohes Hel; so trägt seine Verzweiflung Früchte". Wie viele Judenseelen hat Herzl selbst vor dem Untergang gerettet, dadurch, daß er ihnen ein Ideal schuf! Ueberhaupt saß ihm das Problem der Menschheitsbeglückung so tief im Blut, daß er sich nicht mit dem bloßen Grübeln darüber begnügte. Das Menschenglück sah er aber nicht in dem sorglosen Wohlleben, sondern einzig in der mühevollen Arbeit. Diesen Grundgedanken entwickelt er in der tiefsinnigen Geschichte „Solon in Lydien". Der weise Gesetzgeber mißt den Vorteil einer Sache an Aeonen, und nicht wie die anderen an Stunden, Wochen und an Jahren. Darum erkennt er die Gefahr, die sich in der wunderbaren Erfindung des sympathischen Jünglings Eukosmos birgt. Eukosmos hat nämlich ein geheimnisvolles Mittel erfunden ohne Feldfrüchte, auf die billigste Weise Mehl zu erzeugen, soviel als ihm beliebt. Für sein Geheimnis verlangt er die Tochter des Kroisos zur Frau. Der König der Lydier wendet sich nun an seinen Gast Solon um Rat, und der lautet: „Du sollst ihn töten" . . , Psychologisch interessant ist die Begründung: „Sorglos will er die Menschen machen, dieser Verruchte. Das Beste, was sie haben, den Hunger will er ihnen rauben. Sollen die rohen Zeiten der Pelasger wiederkehren, soll mit dem Ackerbau die Seßhaftigkeit, der bürgerliche Sinn, die Gesittung abermals entschwinden? . . . Ein König muß töten können . . . Auch die Guten muß er vertilgen, wenn es die Wohlfahrt des Volkes heischt . . . Ich werde um ihn weinen, wenn er stirbt; aber ich müßte stärker weinen, wenn er am Leben bliebe". Nur ein Pfadfinder wie Herzl konnte die tiefe Tragik des Träumers und Volksbeglückers erfassen. Herzl bemühte sich auch, das Wesen der Menge, dieses gewaltigen Rätselgeschöpfes, zu ergründen. Denn er wußte es: Um die Massen zu bewegen muß man sie verstehen. Die Menge unterscheidet sich, wie Herzl im „Aufruhr von Amalfi" sagt, nicht nur durch die Zahl vom einzelnen; die Menge ist aus dem einzelnen gar nicht zu erklären. Hundert schläfrige Dummköpfe sind in der Vereinigung unberechenbar und gefährlicher als ein Mann von Geist. Hundert geistreiche Leute zusammengenommen sind zuweilen ein Dummkopf. Die Menge ist bekanntlich großmütig und boshaft, intelligent und albern, tollkühn und feige — alles in demselben Augenblick — sie weicht einem Milchkarren vorsichtig aus und geht in die Bajonette hinein, sie lacht über einen Witz und versteht keinen Spaß, wird durch eine sentimental aufgedonnerte Phrase gerührt und jubelt einer Grausamkeit zu. „Darum kann ein Demagoge ebensowenig wie ein Impresario voraussehen, wie sich der Erfolg gestalten werde". Wo wir Herzls Bücher aufschlagen, finden wir geistreiche Apercus, treffende Bemerkungen und philosophische Wahrheiten. Aber man merkt, daß er sie nicht darum schrieb, weil er blenden wollte. Ihm war es Bedürfnis, nur schlicht zu sagen, was seinen Geist, und der war grüblerisch und hochfliegend, bewegte. Die Form der Erzählung war ihm Nebensache, Hauptsache war ihm das Problem, die Idee. Wo ihm die impressionistische Art des Feuilletons zu leicht erscheint, um die Idee zu tragen, legt er sich Zwang auf und meißelt Erzählungen, die abgerundet sind. Freilich, der Denker schlägt immer durch. Meist ist er aber ein Philosoph, der lächelt. Zu Komödien gestaltet sich ihm das Leben. Und da gelingt ihm manche komische Szene, mancher Witz funkelt auf, ja, er wetteifert mit den großen Humoristen, denn er hat eines mit ihnen gemein: die Herzensgüte. Er versteht und verzeiht alles. Selten nur wird er agressiv, scharf, satirisch. Und wahrlich, er hatte Grund genug, herb und verbittert zu werden. Er wurde nur ernster. Enttäuschungen wurden ihm nicht erspart. Auch sie finden Niederschlag in seinen Geschichten und Feuilletons, die immer ernster, tiefer und gedankenschwerer werden. Tragödien eröffnen sich ihm, der durch eine dunkle Brille in die Welt zu blicken