Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 27 (3.7.1914)
- Article
- Herzl der Führer
- Date
- 1914-07-03
- Page
- 671 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316625-3316652-3355384--61529-3355502- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 27 671 DIESfeELT denen man vorläufig nur hoffen kann, daß sie gelingen mögen, und wenn ich mich erinnere an die großen Unternehmungen, an die wir nun herantreten wollen und von denen wir nur wünschen können, daß ihnen eine genügende Vorbereitungsfrist beschieden sei, so ziehen kaleidoskopartige Bilder an mir vorüber. Es ist mir nicht gegönnt, so sehr ich mich auch bemühen mag, mich an dieser großen Fülle neuer Gedanken und Projekte zu berauschen. Ich sehe immer nur die klaren, einfachen und doch ehernen Linien des Standard vvork unseres großen Meisters. Es liegt mir ferne, all diese neuen Aufgaben zu bekritteln, ich muß nur gestehen, sie erdrücken mich. Gewiß ist die Arbeit unserer Leitung eine nützliche und verdient unseren vollen Dank. Aber sie scheint mir nicht das Wesentliche, sondern nur wesentliche Teile unserer Aufgabe zu sein. Zu Lebzeiten Herzls wurde oft der Vorwurf gehört, die ganze Idee sei nur in einer Person konzentriert und nur unwesentliche Detailarbeit der Organisation überlassen. Ich glaube, daß man zehn Jahre nach Herzls Tode das Umgekehrte sagen kann. Detailfragen in einer lavinenartig angewachsenen Zahl lasten auf unserer Leitung, erfüllen sie ganz, nehmen ihr den Atem und zwingen sie zu einer bewundemwerten intensiven Arbeit. Die Idee selbst ist aber Strandgut geworden, jedem und jedermann überlassen. Gewiß, alle die Arbeiten, die geleistet' wurden, sind nützlich. Aber sie gehören doch nur in den Rahmen hinein, den Herzl geschaffen hat, der freilich noch auszubauen und zu befestigen ist. Unsere Bewegung muß ein finanzielles Instrument haben. Das ist die Jüdische Kolonialbank. Wir erinnern uns ihrer nur, wenn wir einen Scheck auf Jaffa kaufen oder wenn wir einmal im Jahre in der „Welt" die Bekanntmachung ihrer Generalversammlung lesen. Man kann über die gegenwärtige Parteitaktik denken wie man will, man kann ihr begeisterter Anhänger sein oder ihr überzeugter Gegner, man kann über den Umfang, die Methode und den Termin der Palästinaarbeit urteilen, wie man will, aber in einer Zeit, wo politische Expansion gleichbedeutend ist mit wirtschaftlicher Expansion, wo Welthandel und Weltpolitik coordinierte Begriffe geworden sind, kann es wohl keinem Zweifel unterliegen, daß es unserer aller wesentlichste Aufgabe ist, die kardinalste Bedingung für eine zielbewußte und zweckentsprechende Arbeit zu schaffen: eine starke und mächtige Jüdische Kolonialbank. Holen wir aus dem Staube der Archive wieder die Idee der Kolonialbank hervor und machen wir sie zur Plattform unserer nächsten Beratungen. Geben wir dem jüdischen Volk das Instrument, das Herzl erstrebt hat. Die Opferwilligkeit unserer Gesinnungsgenossen bewährt sich allmählich. Wecken wir die Erkenntnis von der Notwendigkeit, ja Unentbehrlichkeit der Bank, und wir werden sie haben. Die derzeitige Leitung kann einen großen Erfolg zu ihren Gunsten buchen: Die Demokratisierung unserer Organisation. Nur läuft unsere Idee dabei Gefahr, individualisiert und atomisiert zu werden. Ihr berufener Vertreter, der Zionistenkongreß, hat noch immer eine schwache Stimme. Die Berichterstattung der Weltpresse ist mangelhaft und zu flüchtig. Sie haftet nicht. Sie muß ergänzt werden durch unaufhörliche Information der rich- - tigen Stellen in richtiger Form zur richtigen Zeit. In der Demokratisierung der Organisation liegt die Gefahr der Atomisierung der Idee. Ein Gespann, das bergan fährt, muß aber mit straffen und nicht lockeren Zügeln gelenkt werden. Wieder eine Wahrheit, so wohlfeil wie Brombeeren. Aber die unselige Verkuppelung von Fragen der Erkenntnis mit Machtfragen haben in unserer Organisation zu einem Zustand geführt, der bestenfalls als unbehaglich empfunden werden muß. Derzeit sind jedoch Machtfragen nicht auf der Tagesordnung, und unserer Leitung bleibt es unbenommen, alle Gesinnungsgenossen, von denen sie Verständnis für eine extensive Außenarbeit vermutet ohne jede Kampfabstimmung zu einem Beratungskörper unter welchem Namen immer, ohne Befugnisse, nur zum Zwecke der Mitberatung und nicht Mitbestimmung, zusammenzurufen. Sollten diese ganz lückenhaften und flüchtigen Bemerkungen, die ich Ihnen, Herr Doktor, gemacht habe, Anlaß zu neuen Anregungen geben, so habe ich in der Erinnerung an unseren großen Meister zweckdienliche Arbeit geleistet: ich habe seines großen Werkes gedacht." HERZL BEI DEN NEINSAGERN Aus einem Aufsatz von W. Jabotinsky (Geschrieben 1904.) Schon lange vor Herzls Tode hatten es alle begriffen, daß er niemals und mit keinem Gedanken Palästina untreu geworden war, seitdem er es liebte. Erst nach und nach war diese Liebe erwacht, ln Herzl wiederholte sich das Schicksal des Pygmalion. Pygmalion hatte eine herrliche Frauenstatue geschaffen und sich dann so leidenschaftlich in sie verliebt, daß ihr die Götter Leben schenkten und sie von ihrem Sockel niederstieg und für ewig seine Genossin wurde. Herzls Galathea war Palästina. Noch acht Jahre vorher hielt er es für eine tote Masse, die dieser große Künstler vor Gott fast unwillig mit seiner Hand berührte. Er erstaunte zunächst, als aus dieser formlosen Masse Umrisse einer herrlichen und geliebten Gestalt sich befreiten und formten, bis die Erinnerung an unsere Heimat, die tief in ihm schlummerte, wieder erwachte und aufflammte und zur Wirklichkeit wurde, zur geliebten, warmen, nahen Wirklichkeit. Schon in „Altneuland" ist jede Zeile durchtränkt von dieser Liebe zu unserem Lande, von dem tiefen Glück, es wieder auferstanden zu sehen, wenn auch nur im Traum, bestellt, beackert, besät, gepflegt mit der ganzen Liebe seiner Kinder. Eine Frau kann man lieben und wieder verlassen, einem Lande, das man so liebt, kann man nicht mehr untreu werden. Jetzt wissen es alle. Einige aber, das weiß ich, haben es schon auf dem Kongreß erkannt. Sie hatten das sichere und deutliche Gefühl, das sie sich freilich nicht erklären konnten, da die Tatsachen ihm zu widersprechen schienen. Von diesem Eindruck will ich er zählen und an eine Rede erinnern, die er am Abenc nach der namentlichen Abstimmung über die Ugandafrag« in der geschlossenen Versammlung der Neinsager hielt Diese Versammlung begann gegen zehn Uhr. Ich ent sinne mich noch genau dieser Stimmung. Uns war e: so, als sei nicht nur über uns, sondern über unser ganze Volk ein Pogrom hinweggegangen, wie ihn achtzehn Jahr hunderte nicht erlebt hatten. Klarer als je empfandei wir in jenen Stunden, daß unsere Bewegung von de Wurzel bis zum Gipfel Sache des ganzen Volkes isi wahrhafte Emanation des Volksstrebens und Volks willens. Die Masse ist schweigsam, sie spricht nicht, si denkt nur, und der Zionismus hat ihre Gedanken errater Es war auch nicht schwer. Können Menschen in de Tagen der Trauer, in der Fremde, von anderem als von ihre