Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 27 (3.7.1914)
- Article
- Aus der ersten Zeit
- Date
- 1914-07-03
- Page
- 666 (sequence 1)
- Language
- German
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666 DIE2KKELT Nr. 27 AUS DER ERSTEN ZEIT Ein Brief Theodor Herzls Mitgeteilt von Dr. Theodor Zlocisti „Wenn die mancherlei Vorzeichen nicht trügen, so wird das Jahr 1896 in der Geschichte der Zionsbewegung ein sehr wichtiges werden, ein Jahr, in dem der Grundstein zu einer neuen Stufe der Entwicklungen nach vielen Richtungen hin gelegt wird." W. Josephsohn schrieb diese Worte im Juni 1896 (Zion II. Jahrg. No. 6). Willi Bambus, der sich hinter jenem Pseudonym verbirgt, hat die Dinge recht geschaut. Die Zeiten hatten sich erfüllt. Die Assimilation hatte wertvolle Kräfte auf fremde Ziele gedrängt, die Substanz der jüdischen Seele bis zu ihrer Unkenntlichkeit umgemodelt und alle nationale Hoffnung auf eine Gleichberechtigung gerichtet, in der Gleichheit und Recht zugleich Preisgabe der jüdischen Individualität waren: im Wesen nur Unterjochung aus eigenem Willen. Nur auf versteckten Altären knisterte ein armseliges Feuer. In Rußland freilich, wo das jüdische Buch Getreue hat, konnte der nationale Traum nicht sterben. Er brauchte keines „historischen Bewußtseins", um die Kette der Geschlechter zu schmieden. In der Gegenwart war alle Vergangenheit lebendig: Sie war die Lehrmeisterin, und ihr Stichwort war: Zion. Zion konnte nur die Heimat der Geister sein, kein Tempel über den Wolken. Ein erdhaft gefügtes Haus. Not und traumhafter Idealismus trieb die Ersten hinaus in die einsamen, verdorrten Gefilde, um dort die Hütten des Lebens zu richten. Echte Pioniere, die an der Wirklichkeit zugrunde gehen konnten, um die Wirklichkeit eines jungen Strebens zu schaffen. Das war das Wunder der Biluj. Mit jedem Steine, den ihre Golushände aus palästinischer Erde rissen, wälzten sie einen Stein von der Brust des Ghettoleides. Die Freiheitssehnsucht lernte das Atmen wieder. Erstarrten Knechtseelen erschien das wohl als eine zeitraubende Beschäftigung. Lungengymnastik für Utopisten. Nur Ganz-Eingeweihte wußten, daß es solche Phantasten gab. Sie lächelten kaum. Nicht einmal der Abwehr waren ihnen jene Lichthungrigen, die man Finsterlinge nannte, wert. In Oesterreich rangen ein paar Studentenvereine um die Oeffentlichkeit. Es war ein Kampf im Nebel. Was Wunder, daß sich da‘ die Kadimah, Qamala und Uni ta s die Köpfe gegenseitig einschlugen. In Deutschland war der Tod. Der Religionsunterricht von der liberalen Herrschaft erdrückt. Keine Organisation, die der bürgerlichen Verteidigung, sozialen Hilfsarbeit, den Ehrenaufgaben für die vertriebenen Brüder, der Wissenschaft und jüdischen Lehre zusammengefaßte Kräfte gab. Und vollends nationale Interessen! Man war innerlich so weit, sich bei solchem Worte zu — bekreuzigen. Da kamen russische Studenten nach Berlin. Mit sich und mit den anderen ringend, fanden sie die lebendige Kraft des jüdisch-nationalen Gedankens. Noch ganz persönliches Besitztum, beglückendes und verbitterndes zugleich; aber wie alles wirkliche Leben lebenzeugend! 1892 im Mai wurde der Verein „Jung-Israel" begründet. Ein Deutscher war dabei, Heinrich L o e w e. Bald trat das stärkste organisatorische Genie der deutschen Judenheit, Willy Bambus, ein. Allmählich wurde eine Brücke zur Jugend hergestellt; der erste Berliner Gymnasiast wurde heimliches Mitglied, Theodor Zlocisti. Palästina War in dien Konventikeln erobert. Berlin und Deutschland noch nicht. Schüchterne Versuche, in die Oeffentlichkeit zu dringen, hatten wenig Erfolg. Da uns keiner für lebendige Wesen hielt, brauchten wir nicht erst totgeschwiegen zu werden. Aber das vulkanische Rumoren erschütterte das Erdreich doch — in der Ferne. Auf den Festen des „Esra“ war die kleine Gruppe die organisierende und agitierende Macht. In den Lesehallenkämpfen schlug sich hinter der schwarzen Maske der Unparteilichkeit der wildgewordene Fanatismus. Im Juli 1895 wurde der „V. J. St" gegründet. Die bleiche Farbe allgemeiner Jüdischkeit — es war fast Farblosigkeit! — war die blasse Wut der Stürmer und Dränger. 1896 wurde draußen in Treptow die Gewerbeausstellüng eröffnet und nebenan in einem lärmenden Araberdorf, das sich Kairo nannte, war ein kleiner Laden: die erste Ausstellung palästinischer Produkte; eine rechtlich-gesicherte Heimstätte für alle, die dem Rausche des Palästinagedankens im Rausche mit Palästinawein die solide Grundlage geben wollten. Viele Tausende Juden kamen in die Bodega und nippten an Weingläsern von unserer Agitation. Die Zeitungen brachten freundliche Worte. Palästina fing manchem an irdischer zu werden und bis zur Schwelle seines Bewußtseins zu kommen. Die „Import-Gesellschaft Palästina" konnte mit Ach und Krach begründet werden. Aber der jüdisch-nationale Gedanke, der seine Fülle und Erfüllung in das eine Wort „Zion" zusammendrängte, fand den Weg in die Oeffentlichkeit nicht. Da kam H e rzl. Unbeeinflußt von den zionistischen Zwergvereinen, im Gegenteil von ihrer Existenz ohne Ahnung, war er aus der Schönheit seiner Seele, aus dem Stolz seines Königssinnes zum Judenstaat gekommen. Im Mai 1895 suchte er Baron Hirsch. Das Volk, das er nicht kannte, fand er erst später. Am 24. November 1895 sprach er — nach einem Halbjahr „beispielloser Produktion" — vor den Mitgliedern des „Makkabäerklubs" zu London. Am 17. Januar 1896 erschien der erste Aufsatz im „Jewish Ch'ronide". Gegen Ende des Jahres das seltsame Buch „Der Judenstaat". Die keckste Phantasie in rechnerischer Zusammendrängung. Die Erlösung eines Volkes mit Aktiengesellschaften. Die Zionisten horchten auf; jedes Wort war ihnen bekannt. Im Gegenteil: sie kannten alles besser. Und doch war jedes Wort ihnen neu. In allen Vereinen gab es nur noch eine Debatte. Aber in allen Ablehnungen und kritischer Besorgtheit gab es nur ein sicheres Gefühl: H e r z 1 ist der Erlöser der zionistischen Verborgenheit. An den Erlöser des Volkes konnten wir nicht glauben. Die Treptower Palästina-Ausstellung war im Herbst 1896 nach Köln gewandert. Dort saß David Wolffsohn. Er hatte kaum die Broschüre Herzls gelesen, als er den Leiter der Ausstellung, Dr. J. Holzmann, nach Wien schickte, um festzustellen, was der Autor eigentlich für ein Wesen sei. War das Buch nur ein spielerischer Journalistenscherz, oder wollte der Mann etwas? Holzmann, ein merkwürdiger Mitbürger — der später zum Islam übertrat und sich als Leibarzt Muley Hafids in den Marokkoränken bewährte — stammte angeblich aus Konstantinopel. Er studierte in Berlin Medizin und sprach nach orientalischer Art sämtliche Sprachen fließend (falsch). Holzmann hatte zuerst im „Zion" auf Herzl aufmerksam gemacht. Es war also der gegebene Mittler. Von Wien aus war er begeistert zurückgekehrt, hatte aber auf der Durchreise durch Berlin reichlich Wasser in den Wein gießen gelernt Er hätte