Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 27 (3.7.1914)
- Article
- Die Briefe Herzls
- Date
- 1914-07-03
- Page
- 664 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27 664 DIEXXELT und Nichtzionisten, drastische Urteile gefällt, die es vorläufig unmöglich machen, die Schreiben der Oeffentlichkeit zu übergeben. Außerdem enthalten viele Briefe intime politische Details, und es ist selbstverständlich, daß bei einer Veröffentlichung vor allem die Interessen der zionistischen Bewegung zu wahren sind. All die oft sehr interessanten Schilderungen hervorragender politischer oder privater Persönlichkeiten, ebenso die Schilderung von politischen Vorgängen und Ereignissen, die Herzl nicht nur als Politiker, sondern auch als Schriftsteller große Ehre machen, sind heute noch von der Publikation auszuschließen. Dennoch bleibt ein sehr erheblicher Rest, aus dem eine Auswahl getroffen werden kann, und ich hoffe, daß mir weiteres Material in so reichem Maße zugehen wird, daß in einigen Monaten ein Band Briefe zur Ergänzung von Theodor Herzls Lebensbeschreibung erscheinen kann. Im folgenden gebe ich vier Briefe, von denen drei der Feder Theodor Herzls entstammen, während der vierte von seinem Vater, Jacob Herzl, herrührt. Der letztere ist nach dem ersten Kongreß an Gustav G. Cohen in Hamburg gerichtet und drückt den Dank für Glückwünsche aus, die Gustav G. Cohen nach dem glücklich verlaufenen ersten Baseler Kongreß an Herzls Vater sandte. Jacob Herzl war ein Mann von großer Abgeklärtheit, und, wenngleich er einfachen Lebensverhältnissen entstammte, zeigt sich in allem, was er schrieb, eine Herzensbildung und ein Verständnis für das Leben und die Interessen seines Sohnes, die weit über das Alltagsmaß hinausgehen. Der zweite Brief ist ein Dank Herzls anläßlich des Todes seines Vaters an das Actions-Comite in Wien zu Händen von Kokesch. In ihm kommt das warmherzige und bescheidene Wesen Theodor Herzls und seine große Liebe zu dem Dahingegangenen prägnant zum Ausdruck. Der nächste Brief ist von Alt-Aussee aus an Herrn Said Ruete in Berlin, jetzt in London, gerichtet. Bevor die jüdische Kolonialbank gegründet wurde, haben Verhandlungen wegen einer Beteiligung der Organisation an der späteren deutschen Palästinabank (von der Heydt & Co.) stattgefunden. Herzl wünschte, sich an diesem Unternehmen für die Organisation nur dann zu beteiligen, wenn die Mehrheit der Anteile in zionistischen Händen sein würde. Ueber diesen Punkt hat er mit dem Adressaten, dem eine leitende Stellung in dem neuen Unternehmen zugedacht war, eingehend korrespondiert. Wir bringen den Brief, um zu zeigen, wie außerordentlich gewissenhaft und auf die geschäftliche Ehre der Bewegung bedacht Herzl sich stets gezeigt hat. Er lehnt die ihm vorgeschlagene Beteiligung geringeren Maßstabes mit der Hoffnung auf Erringung späteren größeren Einflusses ab, weil er nicht will, daß man der von ihm geleiteten Bewegung irgendwelche Vorwürfe dahin machen könnte, daß sie sich allmählich einen Einfluß gesichert habe, der ihr nicht von vornherein zugestanden worden sei. Und doch ist das geschäftliche Leben, selbst in den vornehmsten Betrieben, meist nicht so zart besaitet, als daß ein derartiges Vorgehen ausgeschlossen würde. Der letzte Brief stammt aus dem Summer Palace in Therapia, wo Herzl im Juli 1902 Gast des Sultans war. Er zeigt unseren verewigten Führer im innersten Geschäftsverkehr. Eine unbefugte Hand hatte die Notiz, daß er mit Wolffsohn nach Konstantinopel gereist sei, dahin ergänzt, Herzl sei mit dem „Präsidenten der Jüdischen Kolonialbank“ nach Konstantinopel gereist. Herzl zeigt sich sehr erzürnt, weil ihm die Erwähnung dieser Eigenschaft Wolffsohns aus politischen Gründen nicht zusagt. Auch sonst ist der Brief interessant, weil er beweist, wie außerordentlich ernst damals die Verhandlungen in Konstantinopel geführt wurden. An der Stelle des Briefes, die durch Punkte markiert ist, steht im Original eine Chiffre, welche den Sultan Abdul Hamid bezeichnet und deren sich Herzl stets in der politischen Korrespondenz bediente. Schon diese wenigen Schriftstücke zeigen, wie reichhaltig eine Sammlung der Herzischen Korrespondenz zu werden vermag, und ich hoffe, daß alle, die Briefe Herzls in Händen haben — Zionisten und Nichtzionisten — mich bei meiner Arbeit unterstützen werden. Ischl, 7. September 1897. An Herrn Gustav G. Cohen. Hochgeehrter Herr! Ich hoffe Sie vom Zionistenkongreß wieder glücklich bei Hause angelangt und komme Ihnen hiermit herzlichst zu danken für Ihre freundliche Zuschrift vom 14. ds., worin Sie die Güte hatten, mir die Eindrücke zu schildern, die Sie vom Congreß und von der Leitung desselben empfangen haben. Ein Urtheil von so bewährter und maßgebender Seite ist geeignet, mich mit Stolz zu erfüllen. — Da aber der Stolz eine häßliche Eigenschaft ist, will ich anstatt dessen dem lieben Gott dafür dankbar sein, daß er mich und meine Frau an unserem einzigen Kinde und Sohn Freuden erleben läßt. Ihnen aber, hochgeehrter Herr, lohne Gott die hochherzige Tat, durch die Sie mein Vaterherz erquickten und beglückten. Mit vorzüglicher Hochachtung Ihr ganz ergebener Jac. Herzl II. Alt-Aussee, 21. Juni 1902. Meine lieben guten Freunde und Collegen vom A. C. Das Zeichen der Ehre und Liebe, das Ihr meinem theuren Vater durch die Eintragung seines Andenkens in das goldene Buch des Nationalfonds gegeben habt, hat mich tief gerührt. , Daß ich trotz meiner Fehler doch Liebe bei meinen Mitarbeitern ernte, ist mir eine herzliche Genugthuung. In meinem jetzigen bitteren Schmerz aber muß und wird mir die Arbeit aufhelfen. Die Arbeit für unseren großen Gedanken wird sich mir vielleicht in einen Trost verwandeln, den ich ja brauche. Nochmals herzlichen Dank, meine lieben Freunde, und einen Händedruck jedem Einzelnen. Euer treuergebener Herzl III. Alt-Aussee,,21. Juli 1902. An Herrn Said Ruete. (Diktiert.) Hochgeehrter Herr! Soeben von London zurückgekehrt, finde ich zwei Ihrer werten Briefe vor. Zunächst nehmen Sie meinen herzlichsten Glückwunsch zur erfreulichen Geburt des Stammhalters entgegen. Was die geschäftliche Angelegenheit betrifft, in der wir uns mündlich und schriftlich bereits ausgesprochen haben, kann ich mich zu meinem Bedauern der Auffassung Ihres Briefes vom 16. d. M. nicht anschließen. Ich glaube, daß wir immer in von vornherein geklärte Verhältnisse eintreten und keineswegs auf die Politik