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Die Welt · 1914-07-03 · 27 (3.7.1914) · p. 660

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
27 (3.7.1914)
Article
Der "Judenstaat"
Date
1914-07-03
Page
660 (sequence 2)
Language
German
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660 Nr. 2/ D1E3CTELT Herzl den grandiosen Plan auf. Gewiß. Er ist, wie Nord au sagt, das subjektive Werk eines Einsamen, in welchem viele Einzelheiten Literatur sind und bei welchem sich die scharfe Grenze zwischen dem nüchternen Ernst des Sozialpolitikers und der Phantasie des prophetischen Dichters nicht leicht ziehen läßt, — und doch: Unsere Arbeit ist nach den Herzischen ehernen Gedanken vom „Gestor“, der großen, moralischen Person (Actions-Comite), und vom „Erwerbswesen" (Banken und Nationalfonds) organisiert. Und je intensiver wir die Entwicklung der zionistischen Bewegung seit dem Erscheinen dieser Schrift mitlebten, um so häufiger werden wir bei nochmaliger Lektüre* von Gedanken überrascht, die an Probleme der Gegenwart rühren. Die Gefahr der Verwendung nichtjüdischer „Lohnsklaven" wird erwogen, die Frage der Kindererziehung angeschnitten. Die Unmöglichkeit einer Fruktifizierung des Großkapitals für den Zionismus wird ins Kalkül gezogen und die Notwendigkeit sehr harter Kämpfe im Judentume vorausgesehen. Heute sei uns auch gestattet, auf eine Eigenschaft des Buches hinzuweisen, die zu erwähnen einst wie eine Verkennung und Herabsetzung des „Judenstaates" erschienen wäre — auf seine Schönheit. Mitten drin ein Sehnsuchtstraum: Das jüdische befreite Volk hält Ehrenwache an den heiligen Städten der Christenheit. „Diese Ehrenwache wäre das große Symbol für die Lösung der Judenfrage nach achtzehn qualvollen Jahrijunderten" . . . Herzl sagte, er habe beim Arbeiten Adlersflügel über seinem Haupte rauschen gehört. Der Rhythmus mächtiger durch das Luftmeer segelnder Schwingen klingt tatsächlich in diesen Blättern nach und steigert sich am Schlüsse zu biblisch kraftvollem Singen: „Die Welt wird durch unsere Freiheit befreit, durch unseren Reichtum bereichert und vergrößert durch unsere Größe." Du königliches, du erlösendes Buch! Wie war es damals, auf der Oberstufe des Gymnasiums? Die Mitschüler trugen Kornblumen und rückten in den Zwischenstunden weitab von uns. Der Germanist gab als Schulaufsatz: „Die Schlacht bei Zama, ein Sieg der Arier über die Semiten." Die jungen Judenfeinde zogen Vergleiche mit der Gegenwart. Der Mathematiker ersuchte den blassen, von „Kosttagen" lebenden Jungen aus Boskowitz, die Schulhefte für die Klasse einzukaufen, „weil ihr doch zu Geschäften trefflich taugt." Die Knaben mit den Kornblumen lachten sehr. Der jüdische Vorzugschüler, ein kurzsichtiger Schwächling, erkaufte sich mit der Buttersemmel den Frieden. Das junge Herz wollte zerspringen ob der täglichen Bitterkeiten und Demütigungen, ob der trostlosen Vereinsamung. Ja, waren wir denn auf der Landstraße aufgelesen?! Da erschien der Judenstaat, da erreichte uns die königliche Botschaft, „wir sind ein Volk, ein Volk", da hatte man nun ein Amulet, das die Seele gegen Verunglimpfung schützte, da war man nun mit einem Schlage in der köstlichen Unrast, in der stürmischen Unbändigkeit begeisterter Jugend, da standen wir auf einmal, das Haupt im Nacken, stolzbewehrt, in Waffen klirrend da, und kein Gott kannte die Seligkeit unseres neuen Judenglückes. In reifen Mannesjahren dieser Stunden gedenken, heißt Dir danken, Theodor Herzl, und den Schwur erneuern, das Leben dem Volke zu weihen. Leon Kellner: Theodor Herzls „Einfälle zum Judenstaat“ Ob Theodor Herzl ein Glücklicher war? Man möchte es sehr bezweifeln. Aber er hatte Zeiten überschwenglichen Glücksgefühls, und ich zögere nicht einen Augenblick, den Juni des Jahres 1895 als den Wonnemond seines Lebens zu bezeichnen. In jenen Tagen kam das Stärkste, Tiefste, Innerste dieser seltenen Menschenpflanze ans Licht: was an Erbgut aus dem Schoße der jüdischen Vergangenheit in seiner Seele schlummerte, was er von dem geschäftskundigen zugreifenden Vater an Tatendrang, von der sinnigen Mutter an hoheitsvollem Wesen überkommen, was er selbst an Erkenntnis erworben hatte — das alles trieb damals Blüte und Blatt. Die Gedanken zum „Judenstaat" wurden geboren. Nur. wer an sich selbst die unvergleichlichen Wonnen des reifen geistigen Ergusses erfahren hat, kann sich eine Vorstellung davon machen, welche Ekstase Herzl in jenen Wochen erlebte. Man wird beim Lesen seiner Aeußerungen aus jener Zeit an vorgeschichtliche Seelenzustände erinnert, wie sie in Mythe und Legende bezeugt sind. Verzückung, Entrücktheit, sogar Besessenheit wäre für seine seelische Verfassung keine unzutreffende Bezeichnung. „Der Judenstaat“ war als Konzeption in seinem Kopfe fertig; Einzelheiten blitzten mehrere Wochen hindurch in mächtigen gewitterartigen Entladungen in ihm auf, und er war Tag und Nacht mit dem schriftlichen Festhalten der „Einfälle" beschäftigt. Er schrieb auf losen Oktavzetteln in der Kammer, in der Oper, auf dem Telegraphenamt, im Bois de Boulogne, im Garten des Palais Royal, im Wagen, beim Grand Prix. Großes und Kleines, Reifstes und Embryonales, Sachliches und Allerpersönlichstes — man findet die unglaublichsten Gegensätze in diesen Notizen hart nebeneinander. Bei aller Buntheit haben diese Blätter jedoch e i n gemeinsames Merkmal — rückhaltloseste Offenheit. Herzl, dem später vielfach Verschlossenheit vorgeworfen wurde, hält hier nichts zurück, kann nichts zurückhalten. Alle Gedanken kommen ja wie eine Eruption. Von Zeit zu Zeit hält er gewaltsam inne und versucht sich zu ernüchtern, mit den Augen eines andern zu sehen, einige Distanz zu den Aufzeichnungen zu gewinnen; aber er weist mit Ueberlegung jede Auswahl zurück. Am 11. Juni finden wir folgende Eintragung: „Manches in diesen Aufzeichnungen wird lächerlich, übertrieben, verrückt erscheinen. Aber wenn ich wie bei meinen literarischen Arbeiten Selbstkritik geübt hätte, wären die Gedanken verkrüppelt worden. Das Ungeheuerliche dient aber dem Zweck besser als das Verkümmerte, weil die Restriktionen Jeder leicht machen kann.". „Künstler werden es verstehen, warum ich, bei im Uebrigen recht klarer Vernunft, die Uebertreibungen und Träume zwischen meinen praktischen, politischen und gesetzgeberischen Einfällen wuchern ließ, wie grünes Gras zwischen Pflastersteinen. Ich durfte mich nicht aufs Nüchterne herunterschrauben. Dieser leichte Rausch war notwendig. Ja, Künstler werden das ganz verstehen. Aber es gibt so wenig Künstler."

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