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Die Welt · 1914-07-03 · 27 (3.7.1914) · p. 659

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
27 (3.7.1914)
Article
Der "Judenstaat"
Date
1914-07-03
Page
659 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 27--i- OIE-ffi-FIT =====- - 659 DER „JUDENSTAAT“ Von Dr. Otto Abeies Du edles, herrliches Buch! Heute soll man*dich allen, ihm Besitz. Allmählich sänftigen sich die aufgewühlten die in unserer Gemeinschaft stehen, noch einmal in die Sinne, er wird mit jener Demut des Schaffenden hehl and drücken, damit sie rückschauend die Stunde ergnadet, die ihn zwingt, alles dem Werke unterzuordnen, leben, in der unsere Freiheit geboren wurde, damit sie das einer großen Allgemeinheit dienen soll. Aus dem aus dieser schmalen Broschüre von „Theodor Herzl, Wust von losen Papieren, auf welche er „in Wochen Doktor der Rechte“ die Kraft aufschießen sehen, die beispielloser Produktion gehend, stehend, liegend, auf der wie eine Windsbraut durch die Lande jagte, Ghetto- Gasse, bei Tisch, bei Nacht, wenn es mich aus dem dumpfheit und Trostlosigkeit, Sklavenjammer und Mäkler- Schlafe jagte“ die Einfälle niedergeschrieben hatte, formt kleinmut niederringend, das letzte Fünkchen trotzigen er den „Judenstaat“. Stolzes anfachend, den letzten, heimlichen Rest ermatteten Aus jeder Zeile spricht der eiserne Wille, sich nicht Unwillens auf peitschend, jedes Körnchen lebenshungriger an den eigenen Worten und Gedanken zu berauschen, Tatkraft aufwirbelnd — bis sich der Stolz und der Trotz und jedes Blatt ist von der Sorge durchweht, nicht und der Lebenshunger und die Empörung mit der Liebe und der Sehnsucht und der Treue zur jungjüdischen Aktivität banden. Du geliebtes, ewiges Buch, heraus aus dem Bücherschrank! Du hast noch nicht, noch lange nicht, deine Sendung vollendet. Deine geniale Erfassung und Umfassung der ganzen Judenfrage ist noch immer der eherne Ruf, unsere Arbeit zu verhundertfachen und das Werk zu beschleunigen. Deine granitenen Wahrheiten sprechen eindringlicher denn je zu uns, und deine majestätische Diktion macht dich noch immer zum Sinnbild des neuen Judenadels. Und geheiligt sind uns deine Irrtümer, denn wenn von irgendeinem, so gilt von deinem Schöpfer das Wort Börne’s: „Die Irrtümer eines großen Geistes sind belehrender als die Wahrheiten eines kleinen, und wenn sie den Weg verfehlen, haben sie den rechten Weg nur auf eine andere Art gezeigt.“ Das Geschlecht, welches mit Wut und Ekel den Beilisprozeß miterduldete und rings um den Kiewer Gerichtssaal in allen Ländern des guten Europäcrtums den rohen und den pomadisierten, den gröhlenden und den süß flötenden, den urwüchsig spontanen und den parteimäßig hochgezüchteten Judenhaß an der Arbeit sah, der bewußte Jude von heute entsinne sich, wie der „Judenstaat“ entstand: Schmerz über unsere Schande hat ihn gezeitigt. Wir können erst jetzt ermessen, wie es im Paris der Dreyfußaffäre den lebensfrohen Schöngeist gepackt haben muß, als er aus seiner heiteren Ahnungslosigkeit erwachte und mit brennender Scham sah, was in,den Begriffen „Judennot“ und „Judenschicksal“ eingeschlossen ist. Denket daran, Ihr, die Ihr zu unseren Besten gehört, die Ihr aber den Zionismus immer mehr zu einer Art von Weihespiel für Auserlesene, von Gottesdienst jüdischer Höhenmenschen gestalten möchtet: Die schändliche Not der Massen und die unverschuldete, aber arge Depravation des Volkes rief ihn zum Werke. „Auf die treibende Kraft kommt es an. Und was ist diese Kraft? Die Judennot“, heißt es in der Vorrede zum „Judenstaat“. Dem Baron Hirsch sagte er: „Zum Bleiben wie zum Wandern muß die Rasse zunächst an Ort und Stelle verbessert werden. Man muß sie kriegsstark, arbeitsfroh, tugendhaft machen“, und er beschwör ihn, statt Wohltätigkeit zu üben, Riesenprämien auszusetzen „für Handlungen von großer moralischer Schönheit, für Mut. Selbstaufopferung, sittliches Verhalten, große Leistungen . . ..“ Dann folgte eine Periode ungeheuerer Erregung, denn er hatte den Begriffen „Judennot“ und „Judenschicksal“ die Begriffe „Judenvolk“ und „Judenland“ entgegengesetzt, und der große Plan nahm ganz von mißverstanden zu werden. Darum hämmert Herzl gleichsam die Argumente, bis sie schlackenlos sind, darum bändigt er sein Pathos, darum sind die Ausführungen in kraftvoller und sehr adeliger Straffheit auf die letzten Formeln reduziert „im Interesse der Schrift“, wie er sagt, „die fliegen soll“. Was da dem Meister gelang, können wir erst heute, nachdem wir die Distanz von fast zwei Jahrzehnten gewonnen haben, so recht erfassen. Erfahre es doch jeder an sich, daß der „Judenstaat“ nicht bloß ein Buch „von historischem Interesse“ ist, sondern wie ein Stahlbad auf uns wirkt. Nur einiges sei aufgezeigt. Wie ist doch das Grundprinzip hingesetzt, daß die Judenfrage zu einer nationalpolitischen Weltfrage gemacht werden muß. Wie weitsichtig ist die Begründung der Ansicht, daß in absehbarer Zeit „die Resorption der Juden auf dem Wege des Gedeihens unwahrscheinlich“ ist, weil „die zur Ueberwindung des gesellschaftlichen Vorurteils nötige Erlangung der Macht gleichbedeutend wäre mit der wirtschaftlichen Alleinherrschaft der Juden, die schon heute fälschlich behauptet wird“ und „weil die Infiltration hin wandernder sowie die aufsteigende Klassenbewegung der autochthonen Juden zu einem Umsturz drängen“, — eine Motivierung, die späterhin mit folgender Erkenntnis bekräftigt wird: „Als die Kulturvölker die Unmenschlichkeit der Ausnahmsgesetze einsahen und uns freiließen, kam die Freilassung zu spät. Wir waren gesetzlich in unseren bisherigen Wohnsitzen nicht mehr emanzipierbar. Wir hatten uns im Ghetto merkwürdigerweise zu einem Mittelstandsvolk entwickelt und kamen als eine fürchterliche Konkurrenz für den Mittelstand heraus.“ Und wie überaus prägnant, gleichsam der Schlußpunkt großer Gedankengänge, ist dieser Satz: „Wie sehr ich auch die Persönlichkeit verehre, die starke Einzelpersönlichkeit des Staatsmannes, Erfinders, Künstlers, Philosophen oder Feldherren sowohl, als die Gesamtpersönlichkeit einer historischen Gruppe von Menschen, die wir Volk nennen, wie sehr ich auch die Persönlichkeit verehre, beklage ich doch nicht ihren Untergang. Wer untergehen kann, will und muß, der soll untergehen. Die Volkspersönlichkeit der Juden kann, will und muß aber nicht untergehen. Sie kann nicht, weil äußere Feinde sie Zusammenhalten. Sie will nicht, das hat sie in zwei Jahrtausenden unter ungeheuren Leiden bewiesen. Sie muß nicht, das versuche ich in dieser Schrift nach vielen anderen Juden, welche die Hoffnung nicht aufgaben, darzutun. Ganze Aeste des Judentums können absterben, abfallen; der Baum lebt.“ Mit großem Vorteile liest man auch die Darlegung der Judenstaatsidee. In „aphoristischen Kapiteln“, nur immer bedacht, das gewaltige Problem unzerstückt und unzerpflückt in der Faust zu behalten und den Leser im kühnen Gedankenflug nicht erlahmen zu lassen, rollt

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