Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 27 (3.7.1914)
- Article
- Politischer Zionismus und zionistische Politik
- Date
- 1914-07-03
- Page
- 657 (sequence 6)
- Language
- German
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Nr. 27 657 die^Kelt Erfolge haben, wenn sie kühl und nüchtern mit den tatsächlich vorhandenen Möglichkeiten zu rechnen versteht, doch muß zugleich aus unseren Worten und Handlungen der Unterton stolzer Selbstachtung und ruhigen Selbstvertrauens herauszuhören sein. Nur so kann unsere Sache, die heute in der Welt der realpolitischen Interessen noch klein erscheint, Aufmerksamkeit erregen und nachdenklicheren Köpfen als der Beginn einer großen, zukunftsfrohen Bewegung erscheinen. Wir müssen uns stets dessen bewußt bleiben, daß der Sinn der zionistischen Politik darin besteht, die Idee der jüdischen Nation zu verteidigen, in Herzls Geist — wenngleich nicht immer auf seinen Wegen — durch zionistische Politik dem politischen Zionismus zum Siege zu verhelfen. „Judenstaat“ und Zionismus (Vorrede zu einer polnischen Ausgabe von Herzls „Judenstaat“.) Theodor Herzls Gestalt wächst in dem Maße, wie sie zeitlich in die Feme rückt. Wir übersehen heute besser sein Wollen als zur Zeit, da er es zuerst ausdrückte. Wir erkennen die Entwicklungen, die von ihm ausgehen und die bei seinem Auftreten kaum angedeutet waren. Es gibt Verständnislose, die behaupten, der Zionismus habe sich von Herzl wegentwickelt. Andere prahlen hochnäsig, sie hätten im Zionismus Herzl „überwunden“, das heißt sie wären über ihn hinausgegangen. Beide Gruppen beweisen lediglich, daß sie Herzl nicht begriffen haben. Ein Zionismus, der sich von Herzl wegentwickelt, ist keiner; denn Herzls Zionismus will die Befreiung der jüdischen Masse aus der Zerstreuung, der Verbannung, dem Elend dei Fremde, den Höllenkreisen des Hasses, der Verachtung, der Verfolgung, der Verleumdung, er will die Sammlung der umhergeschleuderten Glieder des jüdischen Volkes zu einem verjüngten, lebenskräftigen, gesund und fröhlich weiterwachsenden Organismus, der nach zweitausendjähriger Unterbrechung wieder in normale Daseinsbedingungen versetzt ist, er will die Rückkehr des wiedergeeinigten Judenvolkes in das Land seiner Väter und die Fortsetzung seiner dreitausendjährigen Geschichte auf dem sichern Boden, aus dem es die Kraft zum neuen Sein und Wirken ziehen soll. Eine Bewegung, deren Ziel nicht innerhalb des Rahmens dieses Programmes liegen würde, wäre kein Zionismus. Und ebensowenig ist ein Zionismus denkbar, der über Herzl hinausgeht. Wo hinaus? Höchstens ins Blaue, Phantastische, Absurde. Wer mehr verlangt als die Wiederherstellung des Judenvolkes in Palästina, mit eigenem Land, eigener Kultur, eigener Sprache, eigenen politischen Geschicken, der ist nicht mehr ein zionistischer Idealist, sondern, wenn aufrichtig, ein Narr und wenn unaufrichtig, ein verächtlicher demagogischer Phrasendrescher. Diejenigen, die sich rühmen, Herzl überwunden zu haben, sind meist, solche Zionisten, deren Zionismus sich mit dem Ausbau der bestehenden, begonnenen oder geplanten palästinensischen Einrichtungen, der Schulen, Lehrfarmen, Pflanzungen, Arbeitergenossenschaften usw. begnügt. In Wahrheit gehen sie nicht über Herzl hinaus, sondern bleiben weit hinter ihm zurück, einfach um die ganze Ausdehnung seiner Idee. Was sie wollen, wollte Herzl auch, aber er wollte noch viel mehr, was zu erfassen ihr enger und kleiner Geist nicht ausreicht. Denn sein Streben ging auf das Ganze. Er träumte die Erlösung des Jaffa.' Verladen der Weinfässer ganzen jüdischen Volkes und seine Wiedererstehung zu Ruhm und Ehre, nicht die Niederlassung einiger tausend oder selbst einiger hunderttausend Juden in einem arabischen Palästina, in das sie vorsichtig, auf den Fußspitzen, ängstlich um sich lugend hineinschleichen. Es ist eine dankenswerte Tat, Herzls „Judenstaat“ dem jungen Geschlecht zugänglich zu machen, das seit dem Beginn der zionistischen Bewegung herauf gekommen ist und das ihre Anfänge nur ungenau, wie einen Mythus, kennt. Aber es ist nötig, diesem Buche seinen genauen Platz im Lebenswerke Herzls anzuweisen und dem Leser über seine Bedeutung keinen Zweifel zu lassen. „Der Judenstaat“ ist ein idealistischer Höhenflug, er ist kein politisch-nationales Programm. Er ist die literarische Kristallisation der Stimmung, aus der der Zionismus erwachsen sollte, er ist nicht; die Darstellung des Zionismus. Im „Judenstaat“ hat Herzl sich seine glühende Sehnsucht nach einem neuen, schönen, stolzen, großen Dasein des Judenvolkes von der Seele geschrieben. Er hat ein Ideal definiert, ohne sich bei der Bahnung des Weges aufzuhalten, auf dem dieses Ideal zu erreichen wäre. „Der Judenstaat“ ist eine Dichtung, die im Aether schwebt, nicht auf prosaischem, doch festem Boden steht. Im „Judenstaat“ träumt Herzl einen malerischen Aus-