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Die Welt · 1914-07-03 · 27 (3.7.1914) · p. 650

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
27 (3.7.1914)
Article
Die Organisation
Date
1914-07-03
Page
650 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 27 650 — - - -.-.- DIE3$j[ELT in jot iV/ DIE ORGANISATION Von Kurt Blumenfeld Die zionistische Organisation ist ein starker und fester Bau geworden. In stetiger Entwicklung hat sie einen immer größeren Umfang und größere Sicherheit gewonnen. Theodor Herzl ist ihr Schöpfer. Er allein. Die Organisation ist das festeste und unerschütterlichste Ergebnis seiner übermenschlichen Arbeit für den Zionismus. Nach seinem Willen hat er sie geformt und ihm, dem großen Manne, gelang das schwierigste Werk, die Organisation zu entpersönlichen. „Unsere Sache ist zu groß für den Ehrgeiz und die Willkür einzelner Personen. Sie muß ins Unpersönliche hinaufgehoben werden, wenn sie gelingen soll." Und ferner: „In allem haben wir uns bemüht, Unpersönliches einzurichten, nur das hat Dauer. Kein Einziger von uns ist heute mehr unentbehrlich. Wer immer von uns verschwinde oder aus den Reihen falle, die Sache geht weiter." Diese Worte zeigen, wie Herzl die Organisation gewollt hat. Den unpersönlichen Mechanismus schaffen, der mit absoluter Sicherheit alle verfügbaren Kräfte zu dirigieren vermag. Durch volle Solidarität und absoluten Gehorsam gegen die Gesamtheit wollte er jene machtvolle Geschlossenheit des Zionismus formen, eine Geschlossenheit, deren höchste Tugenden in der Disziplin und der restlosen Hingabe jedes einzelnen bestehen. Heute, zehn Jahre nach dem Tode ihres Schöpfers, lebt die Organisation in dem Bewußtsein schwellender Kraft und fühlt das Glück einer stolzen Sicherheit auf breiter und gefestigter Grundlage. Aber im Vorwärtsschreiten erwächst ihr eine neue, schwere Aufgabe. Alles Organisatorische scheint im Widerspruch zur geistigen Freiheit zu stehen. Und die Gefahr jedes parteimäßigen Zusammenschlusses liegt darin, daß er der Freiheit mehr Schranken setzt, als unbedingt nötig ist. Die Organisation ist sich ihrer eigenen Notwendigkeit und Unentbehrlichkeit so sehr bewußt, daß es ihr, je stärker sie wird, umso schwerer fällt, die Grenzen ihres eigenen Gebietes abzustecken. Daher lebt in den neuen heranwachsenden Kräften oft die Furcht vor dem Umklammertwerden. Sie fürchten, der Gefahr der Generalisierung und der Mechanisierung zu erliegen. Sie haben die Vorstellung, daß ihrer freien Entwicklung willkürliche Schranken durch die Normen der Gesamtheit gesetzt werden. Bewegung und Organisation werden für sie zu gegensätzlichen Begriffen. Und während die Organisation mit dem Anspruch auftritt, die alleinige Hüterin des Ideenschatzes zu sein, glaubt der außenstehende Individualist, die Idee reiner vertreten zu können, weil er nicht belastet ist mit der verwirrenden Kompliziertheit des Parteigetriebes. Große Gedenktage, an denen wir rückschauend versuchen, unsere Fortschritte festzustellen, werden uns von selbst zu Tagen ernster Selbstkritik. Unsere in ihrer Festigkeit unbestrittene Organisation muß heute von uns auf ihre Elastizität geprüft werden. Als Herzl Einrichtungen traf, um bestimmte Ziele und auf Zwecke gerichtete Tendenzen durch den von ihm geschaffenen Mechanismus zu verwirklichen, da hat seine Persönlichkeit mit ihrer eigertwilligen, ungefesselten Kraft gleichzeitig ohne bewußtes Wollen die Schabionisierung des Zionismus verhindert. Sein lebendiges Wirken in der Organisation hat das sich festigende Parteigetriebe immer wieder dazu gezwungen, in seinen Formen Ausdruck einer immer neuen Geistigkeit zu werden. Dadurch daß Herzl, der Führer der neuen Bewegung, zugleich der Schöpfer der organisatorischen Form war, erhielt unsere Organisation jene Geschmeidigkeit, die Fähigkeit; sich' immer wieder neuen Menschen mit neuen Ideen zu öffnen, und das stetige Wachsen des Zionismus ist nur davon abhängig, ob die historisch gewordene Form fähig ist, die neuentstehenden Queller des jüdischen Nationalismus in ihre schützenden Dämme aufzunehmen. Nur dann wird der Zionismus Organi sation und Bewegung zugleich sein. Es ist für manche von uns nicht leicht, sich dami abzufinden, daß jede heranwachsende Generation mi neuen Anschauungen, die aus anderen persönlichen Er lebnissen erwachsen sind, zu uns kommt. Dem ein zelnen ist es auch oft unmöglich, diesen Kräften ge recht zu werden. Er vermag nur anzuerkennen, wa er ganz versteht und was nach seinen einmal gewönne nen Anschauungen ihm berechtigt zu sein scheint. Un willkürlich wittert er in Worten, die fremdartig klinger gefährliche Ideen. In unseren Reihen gibt es gewil manche, die heute schon von gefährlichen Ideen jüngere Zionisten zu sprechen beginnen. Was aber der einzelne nicht vermag, das mu die Gesamtheit können. Dem einzelnen scheinen neu Ideen manchmal schon deshalb gefährlich zu sein, we sie neu und fremd sind, und ihm können sie bisweile auch gefährlich werden, weil er als einzelner mit seiner vielleicht schon durch die Zeit überwundenen Urteil ihne gegenübersteht. Für die zionistische Organisation kan es in diesem Sinne keine gefährlichen Ideen geben. Si öffnet sich den neuen Kräften, um sie der alten e probten Schar der festorganisierten Gesinnungsgenosse gegenüberzustellen. Sie macht es den Jungen schwe sich durchzusetzen. Der unpersönliche Mechanismi neigt zum Beharren, und der Konservativismus der Eii richtungen verleiht den Worten der anerkannten Autoi täten großes Gewicht. Er schützt sorgsam Element die sich zu Hütern jeder guten und schlechten Traditic berufen fühlen. Und das ist gut so. So wird d Kontinuität der Entwicklung garantiert, und nur sold Mächte, die den Beweis für ihre neue unbesieglid Geistigkeit erbringen, haben die Kraft, sich durchz setzen und die Form der Organisation nach ihrem Sin: zu erweitern und zu wandeln.

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