Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 26 (26.6.1914)
- Article
- Berta von Suttner
- Date
- 1914-06-26
- Page
- 625 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316625-3316651-3355223--61388-3355314- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 26 :LT 625 BERTA VON SUTTNER Die große Tote dieser Woche ist auch dem jüdischen Volke gestorben. Baronin Berta von Suttner, die Schöpferin der internationalen Friedensbewegung, hat den Zionismus verstanden, geliebt und tatkräftig ge- Diese geniale Kulturkämpferin hatte ebenso wie ihr hochherziger, unvergeßlicher Gemahl, Arthur Gundaccar von Suttner, klar erkannt — zu einer Zeit erkannt, als noch die junge zionistische Bewegung innerhalb der Judenheit mit böswilliger Feindschaft und häßlicher Verleumdung zu ringen hatte — daß der politische Zionismus einem Weltbedürfnis entgegenkommt und im engsten Zusammenhänge ' mit den großen Kämpfen steht, die der Befreiung und Erlösung der Menschheit ~~ „Der Weg zur Freiheit, zur Menschenwürde, zur endlich anerkannten Unverletzlichkeit der persönlichen Güter, darunter jedes Einzelnen Ehre und Leben“, sagte sie in diesen Blättern*), „dieser Weg wird jetzt von verschiedenen Pioniertruppen ausgehauen. Eine der tapfersten darunter — weil sie ja unter Steinwürfen arbeiten muß — ist die Zionistentruppe“. „Als Rettung vor Eiend und Verfolgung, gegen angetanen unerhörten Schimpf, als Weg zur Schaffung eines Zufluchtsortes“ begrüßte sie die „Aufrichtung des Reiches Zion" un)d trat sofort gegen die Widersacher des Zionismus in die Schranken: Weltbürger wollt ihr Antizionisten sein? „Das Nationalitätenprinzip soll nicht ausgerottet werden, sondern in eine neue Bahn gelenkt — in die der individuellen Freiheit. Eine Gruppe, die sich organisch und historisch zusammengeschlossen, die bildet auch eine Individualität. Die soll sich nun entfalten können, ohne Zwang zu dulden noch zu üben, ohne sich einer Gewalt zu fügen, noch andere zu vergewaltigen. Der Jude, der sich heute zur Weltbürgerschaft bekennt, nützt deshalb dem Weltbürgerschaftsgedanken nur wenig, weil ihm dieser Standpunkt als Folge seiner Vaterlandslosigkeit vorgeworfen wird. Besitzt er aber ein Vaterland, ein selbständiges, angesehenes Heimat reich, dann kann er sagen: „Ich bin über die Interessen meines H eim'atlandes hi nausgewachsen, ich fühle auch als Kulturmensch." Ihr sprechet von nationalistischem Chauvinismus?" Bedenket doch, ihr Assimilanten: „Jetzt müssen diejenigen Juden, welchen von Antisemiten die Vol’ksangehörigkeit abgestritten wird, einen ganz besonders heftigen Patriotismus hervorkehren und dann tragen sie, in jedem Lande, zum herrschenden Chauvinismus ein Erkleckliches bei." 3o sprach die Tochter des böhmischen Hochadels in ihrer schlichten und noblen Art zu den israelitischen Gegnern und Feinden der politischen Zionisten. Und sie ließ es nicht beim Reden bewenden. Berta von Suttner mühte sich, die großen Geister und Staatsmänner, mit denen sie in Berührung kam, über den politischen Zionismus aufzuklären und für die Pläne unseres von ihr hochgeschätzten Führers zu gewinnen. Als sie im Jahre 1899 zur Haager Friedenskonferenz reiste, die für die Entwicklung des Pazifismus von einschneidender Bedeutung werden sollte, las sie die Berichte über die rohen, judenfeindlichen Vorgänge im niederösterreichisChen Landtage. Ein Priester (Pater Scheicher) beantragte damals, die Juden nicht in die städtischen Spitäler aufzunehmen und von der Universität auszuschließen. Bei dieser Lektüre nahm sie sich vor, im Haag für die zionistische Sache zu werben. Tatsächlich hat sie während dieser bedeutsamen lagung, die doch ihrem heiligen und so dornenvollen Lebenswerke gewidmet war, des Schicksals unseres Volkes gedacht und mit hervorragenden Männern der führenden Nationen über den Zionismus gesprochen. Das wollen wir heute dieser hohen Frau danken. Zwei von diesen Unterredungen hat Baronin Suttner nach den Aufzeichnungen ihres Tagebuches in der „Welt" veröffentlicht*). Der Botschafter der Vereinigten Staaten Nordamerikas am Berliner Hofe, Andrew White, riet bekanntlich damals den Zionisten, die Hilfe des deutschen Kaisers zu suchen und bei einem Abende der Baronin, an welchem auch Theodor Herzl teilnahm, der damals nach London reiste, fand sie in Mr. Leon Bourgeois einen warmen Anhänger der zionistischen Bewegung. Der geistvolle Franzose plaidierte also für unsere Idee: „Mehr noch fast, als die Juden, wird die übrige Bevölkerung durch den Judenhaß geschädigt. Er wirkt verrohend, kulturhemmend, namentlich hemmt er die Verwirklichung der Ideale, in deren Namen wir im Haag versammelt sind. Freilich bringt die Kultur nach und nach doch alle ihre Aufgaben zuwege — sie hat ja die endlose Zeit vor sich — aber um was es sich handelt, das ist die Beschleunigung des Fortschrittes. Darum willkommen alle frische, kühne Betätigung der Energie! Von einer neu zusammengeschlossenen Nation, die sich zu bejahen wagt, ließe sich eine Bereicherung der allgemeinen Kulturarbeit erhoffen und dem Antisemitismus wäre sein Hauptaktionsfeld entzogen, das Hauptobjekt seiner Schmähungen — nämlich, ein zersprengtes Volk! Ich bleibe dabei, man soll den Zionismus encouragieren.“ Das Leben Berta von Suttners, der es allerdings gegönnt war, in voller Tatkraft und Frische ein hohes Greisenalter zu erreichen, gleicht in manchen Zügen dem Theodor Herzls. Für beide bedeutete die Publikation eines Buches den entscheidenden Wendepunkt im Leben. Beide wurden dann der führende Geist einer großen Bewegung. Wie Herzl nach Erscheinen des „Judenstaates", so hat auch Berta von Suttner nach dem Romane „Die Waffen nieder" ihre reichen Gaben und ihre ganze Persönlichkeit nur mehr dem einen hehren Zwecke gewidmet, dem zu dienen sie eine innere Stimme gerufen hat. Wie Herzl wurde Baronin Suttner mit Spott und Gehässigkeit überschüttet und hat sich ebensowenig wie er durch Bosheit und Unverstand beirren lassen. Wie Herzl ist diese edle Gestalt mit ihren Zwecken riesenhaft gewachsen. Wie unser Führer, an dem verzweifelte, Hilfe heischende Augen hingen, die Not der russischen Pogrome und rumänischen Judenverfolgungen erleben mußte, so klang Berta von Suttner an ihrem Lebensabende das furchtbare Röcheln niedergemetzelter Balkankrieger ins Ohr .... *) Die „Welt", 3. Jahrgang, Nr. 21. >) Die „Welt“, 1899, Nr. 28 u. 31.