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Die Welt · 1914-06-26 · 26 (26.6.1914) · p. 624

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
26 (26.6.1914)
Article
Zionistische Streitfragen
Date
1914-06-26
Page
624 (sequence 2)
Language
German
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624 Ich glaube, die wichtigsten strittigen Fragen sind folgende: 1. Bedeutet der Zionismus die ganze, restlose Lösung der Judenfrage? 2. Ist der Zionismus die einzige Lösung der Judenfrage? 3. Bezweckt der Zionismus nur die Lösung der J udenheitsf rage? Der Angelpunkt zur Erfassung der zwei ersten Streitpunkte ist die gewichtige Frage, ob es neben der zionistischen Lösung der Judenfrage noch eine zweite, mit ihr,konkurrierende gibt: die Assimilation. Die einen behaupten, eine Assimilation in dem Sinne, daß das jüdische Volk in den „Wirtsvölkern“ spurlos aufgeht, sei in absehbarer Zeit (nur absehbare Zeiträume kann menschliche Urteilskraft erfassen) völlig ausgeschlossen. Die Unmöglichkeit der Assimilation als eines Mittels zur Lösung der Judenfrage ist für sie ein wichtiges, vielfach sogar das schwerwiegendste Argument für den Zionismus. Die anderen suchen zu beweisen, daß die Assimilation über kurz oder lang — Zoll sch an berechnet sogar die Zeiträume — das Verschwinden der Judenheit von der Erdoberfläche, also eine restlose Lösung der Judenfrage bewirken müsse. Diese Lösung sei jedoch unmoralisch, unwürdig, oder mit Rücksicht auf den Wert der jüdischen Rasse nicht wünschenswert. Diese Ueberlegung führt sie zum Zionismus. Für sie ist also die zionistische Lösung eine Rettung vor der Assimilation, für die ersteren hingegen die einzig mögliche Erlösung von dem gegenwärtigen Zustande. ln diesem Zusammenhänge soll natürlich nicht entschieden werden, wer von beiden recht hat. Wir wollen nur darlegen, welche Folgerungen sich aus diesen differierenden Anschauungen ergeben. Die Richtigkeit der einen oder anderen Anschauung ist vor allem entscheidend für den Umfang der zionistischen Bewegung. Es ist ja klar, daß. der Zionismus nur die national interessierten Elemente umfassen kann, wenn mit ihm die Assimilation konkurriert, daß er aber zwingend das ganze jüdische Volk ergreifen muß, wenn er die einzig mögliche Erlösung der Judenheit aus dem gegenwärtigen furchtbaren Zustande bedeutet. Anderseits leuchtet ohne weiteres ein, daß nach der Ansicht derjenigen, welche die Assimilation für möglich und nur durch den Zionismus für aufhaltbar halten, die vollzogene zionistische Tat eine vollkommene Lösung der Judenfrage herbeiführen wird, da doch die Zurückbleibenden durch Aufsaugung seitens der Wirtsvölker verschwinden werden. Nach der Meinung der andern aber, welche die Assimilation für ein Phantom halten, ist die Repatriierung nur für die ausgewanderten Juden eine vollkommene Lösung, nicht aber auch für die zurückbleibenden. Wer nicht auswandert, ist wohl unter würdigeren und leichteren Bedingungen Jude, man kann jedoch nicht sagen, daß das jüdische Gemeinwesen in Palästina seine Judenfrage völlig löst. In weiterer Folge ergibt sich natürlich die Bedeutung dieser Streitfrage für Umfang, Inhalt und Form der Gegenwartsarbeit, je nachdem, ob sie darauf anzulegen ist, die gesamte in der Diaspora verbleibende Judenheit zu schützen, zu stützen und zu kräftigen, oder ob ihr durch den unausweichlichen Untergang der außerhalb Palästinas siedelnden Juden bestimmte, sehr eng gezogene Grenzen gesetzt sind. Nr. 26 Stark in den Vordergrund gerückt ist jetzt auch die dritte der oben formulierten Fragen: Bezweckt der Zionismus nur die Beseitigung der Judennot, oder muß er in erster Linie, und ganz abgesehen von dieser Not der Judenheit, die Fragen des Judentums zu lösen trachten, (d. h. des jüdischen Natipnalgeistes, wie Ächad Haarn den Begriff „Judentum“ definiert)? Auch dieses Streitproblem ist in seiner ganzen Tragweite erst seit Geltung der langfristigen zionistischen Methode aktuell geworden, denn früher stand es für die überwiegende : Mehrheit außer Diskussion, daß der Zionismus zur schleunigsten Beseitigung der Judenheitsfrage berufen sei und mit Judentumsfragen nicht beschwert werden dürfe. Jetzt aber muß sich der Einzelne in der Bewegung sozusagen „häuslich niederlassen“ und beginnt sich mit den Fragen des Judentums persönlich auseinander zu setzen. Die widersprechendsten und buntesten Meinungen tauchen auf und messen einander leidenschaftlich. Um nur die faßlichen Gegensätze durch ein markantes Beispiel zu kennzeichnen: Gegenüber jenen, die daran festhalten, daß nur das freie Spiel der Kräfte im jüdischen Neuland den Judengeist in allen seinen Äußerungen fortbilden, umwerten oder erneuern kann, somit die Beseitigung (Linderung) der Judenheitshot durch Repatriierung das Primäre ist, gehen die anderen so Weit, zu erklären, daß der Zionismus gar nicht die Aufgabe hat, die Judenheitsnot zu beseitigen, sondern durchaus den Fragen des Judentums dienen muß. Hier ist der Punkt, wo die Auseinanderlegung und Gegenüberstellung der Streitprobleme unmöglich wird, hier beginnt die lebendigste Gegenwart, das heiße Aneinanderprallen von Uebereeugungen und Empfindungen in Fragen der Religion und Konfession, des Glaubens und Wissens, in Fragen der Weltanschauung. Alle edlen Leidenschaften und dunklen Instinkte treten auf den Plan. Ekstase und opferfroher Fanatismus neben Unduldsamkeit und galliger Verbissenheit. Grundgütiges, von den besten Erkenntnissen der Moderne getragenes Neuerungsstreben, aber daneben auch kalte Blasiertheit, hohle Anempfindelei. Nichts scheint uns so bezeichnend zu sein für diese merkwürdige jüdische Gegenwart, die miterlebt zu haben uns „Uebergangsmenschen“ spätere Judengeschlechter neiden werden, wie dieses emsige Durcheinanderschwirren erregter Stimmen. „Hier ist Leben und die Sonne lodert.“ Es ist gut und fruchtbar, daß dieser Kampf der Geister im Zionismus anhebt, aber es sei den Streitenden rechtzeitig und eindringlich das nachstehende Wort Achad- Haams in Erinnerung gebracht: „Es gibt in unserem Volke Parteien, die sich im Innersten ihrer Ueberzeugungen sehr weit voneinander unterscheiden. Dort aber, wo der Abstand ein innerer und wesentlicher ist, trägt die fortgesetzte Erläuterung der Ansichten und die kühle Leidenschaftslosigkeit nur dazu bei, die ganze tiefe Kluft, die die beiderseitigen Anschauungen voneinander trennt, den beiden Seiten nur umso krasser vor Augen zu führen. Der Friede dieser b e>id e n Parteien kann sich also nicht auf die Gemeinsamkeit der Anschauungen .gründen — ein Ziel, das stets unerreichbar bleiben wird, — sondern nur auf jene heilige Tugend, die Tugend der Toleranz in Sachen des Glaubens und des Wissens.“ die^Eelt

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