Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1914-06-26 · 26 (26.6.1914) · p. 623

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
26 (26.6.1914)
Article
Zionistische Streitfragen
Date
1914-06-26
Page
623 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316625-3316651-3355222--61385-3355312
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DIE BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. W ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG Nr. 26 BERLIN, 26. Juni 1914 umfcfc n"»nn 'x pan '2 ,7^12 XVIII. JAHRG. ■ i_j i i -p, Dr. OTTO ABELBS: Zionistische Streitfragen * riAL 1 . System des jüdischen Nationalfonds — WELTCE System des jüdischen Nationalfonds — WELTCHRONIK - PALÄSTINA-RUNDSCHAU — REVCE DER PRESSE — AUS DER BEWEGUNG — Mitteilungen des Hauptbureaus des J. N.-F. — Geschäftliche Nachrichten ZIONISTISCHE STREITFRAGEN Von Dr. Otto Abeies Es ist undankbar, nach diesen lebensvollen Monaten der zionistischen Tat zu einer kühlen zionistischen Erwägung, zu einer abstrakten Betrachtung das Wort zu nehmen, die das in unseren Kreisen jetzt sehr verpönte Merkmal trägt, „rationalistisch“ zu sein. Aber wir stehen an einem Wendepunkt. Herzls Wort: „Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen“, hat seine Bedeutungverloren. Es ist kein Märchen mehr — ob Ihr nun wollt, oder ob Ihr nicht wollt. Es ist ein Anfang. Auf das freudigste überrascht von der reifen Kraft des jungjüdischen Lebens in Erez Israel, von der stahlharten Bereitschaft des palästinensischen Hebraismus, haben wir mehr denn je die Pflicht, den Weg des Zionismus zu überdenken und uns über Zweifelhaftes, Strittiges auszusprechen. Darum erscheint es sehr zeitgemäß, vor allem die wichtigsten Streitprobleme möglichst genau zu umschreiben, damit' die produktive Kritik Klärung bringt und der Entwicklung dient. Zwei Probleme, welche jahrelang in Diskussion standen, sind unseres Erachtens jetzt endgültig überwunden. Die Frage, ob der Zionismus eine unbedingt nationale Bewegung ist (beim Individuum das Bekennen zum jüdischen Nationalismus voraussetzt) und die Frage, ob die Gegenwartsarbeit (nationaljüdische Arbeit in der Diaspora im weitesten Sinne des Wortes) im zionistischen Arbeitsfeld liegt. Der streng nationale Charakter der Bewegung und Partei steht heute fest. Die früher insbesondere von Rülf, dann von Oppenheimer verfochtene Formel: „Wir gehören zum jüdischen Volk und zur deutschen Nation“, ist jetzt, so glauben wir, nicht mehr diskutierbar. Ebenso erscheint uns unzweifelhaft, daß jetzt die Gegenwartsarbeit in den Golusländem als ein wesentlicher Bestandteil der zionistischen Tätigkeit anerkannt ist — also nicht, wie es in den ersten Jahren des Kongreßzionismus hieß, von anderen Organisationen zu leisten sei, sofern man ihren Sinn und Zweck überhaupt einsah, und nicht, wie es später auf zionistir sehen Tagungen beschlossen wurde, daß sie nur fallweise von den Zionisten besorgt werden dürfe, wenn es sich nämlich um „Notstandsaktionen“ handle. Es ist klar, wodurch diese zwei Probleme erledigt wurden: durch die Aenderung der zionistischen Methode. Solange man auf dem Wege des Charterzionismus in verhältnismäßig kurzer Frist die Judenfrage lösen zu können glaubte, war es nicht unbedingt erforderlich, daß die Gesinnungsgenossen sich zur jüdischen Nation bekannten und man konnte nicht ohne Grund die „ablenkende, die Kräfte zersplitternde Gegenwartsarbeit“ als dem Zionismus widerstrebend zurückweisen. Alle Arbeit und Wirksamkeit mußte notwendig darauf ausgehen, die rasche Ueberführung der Massen herbeizuführen. Anders liegt die Sache, seitdem sich die Meinung von der langfristigen Lösung der Judenfrage im Zionismus durchgerungen hat und die Theorie sowie die Parteimaßnahmen beherrscht. Nun gilt es nicht nur, die Juden der Zerstreuung zu mobilisieren, sondern es ist nötig, sie für absehbare Zeit mobilisiert zu erhalten. Eine solche Arbeitsgemeinschaft setzt radikales (nicht zu verwechseln mit „hurranationalistisches“) Bekennen des Jndividuums voraus. Dazu kommt, daß „die Kolonisation und ein jüdisches Gemeinwesen in Palästina auf viele Jahrzehnte hinaus nur dann bestehen kann, wenn es an einem machtvollen, geschlossenen jüdischen Volke in Europa einen Rückhalt hat“ (Ruppin). Somit ist auch die weitestgehende politische, wirtschaftliche und kulturelle Gegenwartsarbeit für die zionistische national jüdische Gemeinschaft in der Diaspora zur Selbstverständlichkeit geworden. v Die beiden behandelten Streitprobleme sind also nach unserer Meinung überwunden, die Entwicklung ist über sie hinweggeschritten und mit der Aenderung der zionistischen Methode sind andere Streitfragen in den Vordergrund gerückt, die es zur Zeit des Charterzionismus in dieser Prägnanz nicht gab.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.