Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 25 (19.6.1914)
- Article
- Neben dem Zionismus
- Date
- 1914-06-19
- Page
- 610 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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610 Dil :elt Nr. .25 A. J. K. O. Außerdem aber ist die Argumentation zur Begründung der A. J. K. O. aufs A1 le r n a c h d r ü c kli chste auf politische Möglichkeiten und Veranlassungen zugeschnitten. Wie die A. J. K. 07 darum herumkommen will, ebenfalls nationale und politische Ziele zu haben, ist überhaupt mit gewöhnlichem Verstände' nicht zu erfassen. Ihre sogenannte „humanitäre Tendenz“ beschränkt sich auf den jüdischen Kreis und ist gewiß nicht religiös. Die Ereignisse und Stimmungen in der Türkei wurden ausdrücklich als historische Gelegenheit — ins Feld geführt — sicherlich ein politisches Argument — und wie jemand durch ein großzügiges Kolonisationswerk im Orient (wozu ja sogar Verhandlungen mit Regierungen und Behörden notwendig sind) die Lage der jüdischen Gesamtheit verändern will, ohne damit auch politisch neue Tatsachen zu schaffen, ist ein noch ungeklärtes Rätsel. Wäre der Raum nicht knapp, so ließe sich über jene erste und über viele spätere Publikationen der A. J. K. O. noch mancherlei sagen. Vielleicht ist die Organisation so liebenswürdig, jene Publikationen auch kritischen Interessenten auf Wunsch zur Verfügung zu stellen . . . Aber hier sei wieder darauf zurückgegriffen, daß eine Organisation des jüdischen Interesses an der Palästinakolonisation „neben dem Zionismus“ außerordentlich wünschenswert bleibt. In diesem Sinne habe ich mich auch sehr gefreut, im letzten Hefte des „Israelit“ (im Leitartikel) die Anregung zu einer ^jüdischen Orientkonferenz“ vollinhaltlich aufgegriffen und mit ziemlich identischer Bewertung der in meinem „Welt“-Artikel genannten Organisationen zu sehen. Hier wird nicht einmal der Ausschluß der Zionisten gefordert, den ich aus taktischen Gründen für richtig halte, und ohne den die A. J. K. O. auf der geplanten Konferenz sich scheinbar zu klein Vorkommen würde. Eine Frage bleibt es, von wem aus die Koyjerenz einzuberufen sei. Nach den Ideen der A. J. K. O., von denen hier einige Proben zitiert wurden, wäre sie selbst hervorragend ungeeignet dafür, und vielleicht wird mir der Rat gestattet sein, daß ein freies Komitee von Vertretern aller in Betracht kommenden Organisationen und Kreise wohl die meiste Aussicht hätte, eine allseitig anerkannte Konferenz zuwege zu bringen. Die Zionisten' werden sich begnügen, „im Geiste“ anwesend zu sein.- > Um durch die kleine Polemik, die mir aufgedrängt wurde, keine irrtümlichen Anschauungen aufkommen zu lassen, wiederhole ich, daß ich den wirklichen Beginn der Arbeit der A. J. K. O. (ebenso wie jeden Fortschritt irgendeiner jüdischen Palästinabestrebung) mit aufrichtigster Freude begrüßen würde. Davis Trietsch. |i j REVUE DER PRESSE Der „Jewish Chronicle“ bringt einen Auszug aus einem Artikel der Times, in dem* diese davor warnen, den Juden in v Rußland zu viele Freiheiten zu gewähren. Sie sagen unter anderm: „Viele Juden streben danach, daß in Rußland alle Bestimmungen, welche die Freiheit der Juden einschränken, aufgehoben werden, und daß ihnen die gleichen Rechte wie ihren christlichen Mitbürgern gewährt werden. Aber dieses Verlangen verrät äußerste Unkenntnis der bestehenden Lage. Es ist unmöglich, mit einem Federzuge alle Bestimmungen über die Juden aufzuheben.“ Der „Jewish Chronicle“ bemerkt dazu: „Warum war es nicht unmöglich, mit einem Federzuge die Maigesetze zu schaffen, und warum war es nicht unmöglich, mit einem Federzuge die russische Leibeigenschaft aufzuheben und die amerikanischen Neger zu emanzipieren? Warum kann die alte historische Rasse der Juden, die so oft ihre Intelligenz und ihre Moral bewiesen hat, nicht dieselben Rechte beanspruchen, wie die Neger in Alabama?“ Die zweite Nummer der wissenschaftlich-literarischen Monatsschrift „Hechawer“, das hebräische Organ der zionistischen Studentenorganisation gleichen Namens, ist soeben erschienen. Es muß anerkennend hervorgehoben werden, daß diese energische östliche Studentenvereinigung sich auch auf literarischem Gebiete gut zu bewähren scheint. Die Monatsschrift „Hechawer“ ist dazu bestimmt, eine Vertiefung der jüdisch-nationalen Probleme und eine Erweiterung der akademisch-zionistischen Gedankenwelt zu ermöglichen. Der ziemlich reiche Inhalt der zweiten Nummer läßt darauf schließen, daß die Redaktion ihre Aufgabe richtig auffaßt. Das Heft wird eingeleitet durch einen Artikel von Dr. S. Bernstein, der über das Thema „Die zum Volke gehen“ schreibt. Der Verfasser weist auf die Entwicklung der jüdisch- - russischen Intelligenz in den letzten drei Jahrzehnten hin und betont, daß die eigentliche jüdische Intelligenz erst im Werden begriffen sei. Die neu heranwachsende akademisch-zio-! nistische Generation werde den Typus des unabhängigen jüdischen Intelligenten schaffen. — Sehr gediegen und eindrucksvoll spricht Dr. S. A. Horodetzki über „Die Aufgaben des jüdischen Studenten“. Der Autor behandelt ausführlich die Frage, ob der junge Akademiker verpflichtet sei, an den politisch-nationalen Arbeiten des jüdischen Volkes Anteil zu nehmen. Er bejaht die Frage und beweist, daß es vor allem drei Aufgaben seien, die den jüdischen Studenten interessieren müssen: Die Wiedergeburt des Volkes, seiner Sprache und seines Landes. , Dr. Nathan Birnbaum entwickelt in einem weiteren Artikel seine bekannten Ansichten. — Der hebräische Schriftsteller S. J. Hu-rwitz bringt in seinem Artikel „Die Ausgestoßenen“ eine Apotheose der jüdischen Geistesrevolutionäre und Freidenker, „die gewaltsam aus unserer Mitte entfernt wurden“. Herr Hurwitz, der sich dieser Mühseligen und Beladenen mit besonderer Vorliebe annimmt, möchte die Rehabilitierung der aus dem Judentum ausgestoßenen „Epikuräer“ und ihre Wiederaufnahme in den „heiligen Tempel des Judentums“ herbeiführen. —^Jn seinem Artikel „Inwiefern sind wir assimiliert“ wirft Dr. Hugo Herrmann ein für den östlichen Zionismus ganz neues Thema auf. Hugo Herrmann entwickelt hier den Werdegang eines westlichen Zionisten. — M. Großmann spricht über die „Müden“. Er fordert die müde gewordenen territorialistischen Ländersucher auf, endlich wieder zum Zionismus zurückzukehren. Herr Polani polemisiert gegen einen Artikel von Dr. Melamed und begründet das Anrecht Palästinas auf eine hebräische Hochschule. — Herr L. Rockach gibt eine allgemeine Uebersicht über die Ereignisse und Vorgänge des zionistischen Lebens in den jüdisch-russischen Studentenkolonien der europäischen Universitätsstädte. — J. Simchoni spricht über die Bestrebungen der zionistischen Studenten aus Rußland. — Zu erwähnen ist noch ein feuilletonistischer, kritischer Artikel von M. Leiserowitz. Alle, welche die zionistische Studentenbewegung mit Interesse verfolgen, werden das zweite Heft des „Hechawer" mit Genugtuung begrüßen. ^^/++::/+.2/^D