Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 25 (19.6.1914)
- Article
- Neben dem Zionismus
- Date
- 1914-06-19
- Page
- 609 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316625-3316650-3355101--61321-3355180- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 25 blEXtfELT 609 Kreise, die der Idee der Orientkolonisation bisher fernstanden, eine .Vorarbeit von nicht zu unterschätzender Bedeutung repräsentiert. Wenn der Verfasser mit Recht feststellt, daß die neutralen jüdischen Sphären auf den Orient als Vorzugsgebiet sich geeinigt haben, so hat sich diese Wandlung nicht ganz von selbst vollzogen. Wer mit den Verhältnissen vertraut ist, weiß, welcher Anteil daran der Propaganda der A. J. K. O. in Deutschland, Oesterreich, Rußland und England zufällt. Nur auf Grund einer solchen jahrelangen Vorarbeit ist es möglich, an eine umfassendere und durchgreifendere Veranstaltung, Wie die vom Verfasser erwähnte Konferenz der an der Kolonisation im Orient interessierten jüdischen Gruppen heranzutreten. Wir sind heute in der Lage, mitzuteilen, daß seitens der der A. J. K. O. nahestehenden Kreise die Vorbereitungen zu einer solchen Konferenz, die allerdings nur die neutralen jüdischen Elemente umfassen soll, bereits seit Jahresfrist getroffen werden. Näheres wird noch im Laufe der Sommermonate veröffentlicht werden. Wir möchten jedoch schon heute feststellen, daß. diese Konferenz, ebensowenig wie die A. J. K. O. selbst, den der letzteren vom Verfasser zugeschriebenen Anspruch erheben wird, als „Erfüllung“ aller vorangehenden Bestrebungen zu gelten. In vollster Würdigung der bedeutenden und verdienstvollen Leistungen anderer Organisationen auf dem Gebiete der Orientkolonisation verfolgten die Initiatoren der A. J. K. O. vielmehr nur die Idee, daß eine dauernde Verständigung und eine .planmäßige Kooperation aller rm Orient arbeitenden jüdischen Institutionen angestrebt werden soll. Vielleicht wird auch die geplante Kolonisations-Konferenz zur Verwirklichung dieser gewiß unanfechtbaren Idee beitragen. Mit vorzüglicher Hochachtung Allgemeine Jüdische Kolonisations-Organisation Der Geschäftsführende Ausschuß: Das Präsidium: gez.: Dr. Alfred Nossig. gez.: Gerson Simon. Von Herrn T r i e t s c h erhalten wir hierzu die folgenden Ausführungen: Sehr geehrte Redaktion! Ihrem Wunsche bezüglich umgehender Rückäußerung auf das Schreiben der A. J. K. O. nachkommend, bemerke ich foi- Dem Leser der obigen Erklärung wird es auffallen, daß von allen möglichen Aktionen und Gründungen gesprochen wird, ohne irgendwie präzise Ziffern zu bieten. Dies deckt sich mit dem allgemeinen Verhalten der A. J. K. O., so daß es schwer wäre, sich zu ihren Berichten usw. zu äußern, wenn nicht die fehlenden Unterlagen den besser informierten Interessenten doch mehr oder weniger bekannt wären. Immerhin sei die Gelegenheit benutzt, um der A. J. K. O., die die Oeffentlichkeit mehr in Anspruch nimmt, als ein Kreis zielbewußter und emstwollender Millionäre, Notabein usw. eigentlich nötig hätte, diesen Mangel vor Augen zu führen. Wenn sie daraufhin angeben will, worin die finanziellen Unterstützungen und die organisatorische Hilfe bei der Gründung von „Kiriath Mosche“ bestand, wie (nach Areal, Einwohnerzahl usw.) die Kolonie selbst aussieht, welches die Mittel der Bode n-Erwerbsg e no s s e n s c h a f t „Jischub“ sind, und schließlich über welches Kapital das spezielle Institut für langfristigen .Agrarkredit „The Orient Colonising Co.“ verfügt, und was das Institut bisher geleistet hat, dann könnten wir ebenfalls Präziseres sagen. Einstweilen aber darf ruhig wiederholt werden, daß es sich bei all diesen Dingen nur um Minimales handelt, daß das Agrarkredit-Institut viel mehr eine Firma, als ein wirkliches Institut ist, mit dem etwa das Bedürfnis jiach Agrarkredit irgendwie erfüllt oder auch nur vermindert worden wäre. (Im Zionismus fehlt ein solches Institut noch, aber was von ihm aus direkt und indirekt nebenbei auf diesem Gebiete geleistet worden ist, geht bei aller Geringfügigkeit doch weit über die Leistungen der A. J. K. O. und ihrer speziellen Institute hinaus.) Was das „Haupttätigkeitsfeld“ der A. J. K. O. betrifft, so sei darauf hingewiesen, daß ziemlich viel von Landkäufen auf der Sinaihalbinsel verlautete, die „für 10 Kolonien“ (?) ausreichen sollten. Dies ist und bleibt das Dekorativste, was aus den bisherigen Berichten hervorging, und wurde auch so von naiveren Freunden des Kolonisationswerkes empfunden. Wenn die mir vorliegende Erwiderung mit großer Abgeklärtheit sagt, „Landkäufe im Orient, die noch nicht abgeschlossen sind, müssen aus bekannten Gründen in der Presse mit der größten Reserve behandelt werden,,, so erinnern wir uns, derlei schon gehört zu haben. So weise Reserve verträgt sich aber nicht mit Behauptungen von so dekorativer Wirkung. Im übrigen bestätigt die Erklärung, daß tatsächlich noch kein Land dort erworben sei, und wenn ich auf Grund der gegenwärtigen Lage das Bevorstehen eines Abschlusses verneine, so habe ich meine guten Unterlagen dafür. Ich bin schließlich der Nächste dazu, von diesen Sinai-Affären etwas zu wissen. Auch die. bevorstehenden Koloniegründungen in Palästina sollten nicht als bereits fertige Leistungen gebucht werden. Kostbar ist der Satz, „daß ernste Kolonisationsarbeit, wie sie die A. J. K. O. plant, mehrjähriger Vorbereitung bedurfte“. Es wird hier so getan, als hätte die A. J. K. O. dieses Tätigkeitsgebiet erst entdeckt, — als fußte sie nicht auf vieljährigen Vorbereitungen anderer. Weder ohne diese Vorbereitungen, noch ohne die seitherige Mitwirkung und freundwillige Unterstützung „anderer“ hätte die A. J.K. O. auch nur das Wenige erreicht. Jetzt aber will die A. J. K. O. selbst eine jüdische Orientkonferenz veranstalten und dabei den wesentlichen Teil der älteren Verwandtschaft von sich abschütteln. Die Konferenz soll nämlich nur die neutralen jüdischen Elemente umfassen. Nun hatte ich selbst in dem Artikel „Neben dem Zionismus“ genau dasselbe proponiert. Das Palästinainteresse neben dem Zionismus sollte auf der geplanten Konferenz vereinigt und gestärkt werden. Aber es ist etwas anderes, ob von zionistischer Seite diese Reserve geübt wird, oder ob die kleine A. J. K. O. den (verhältnismäßig) großen Zionismus ausschließen will. Allerdings — sie will ihn noch von ganz anderen Dingen ausschließen, z. B. von dem „wirtschaftlich-humanitären, großzügigen Kolonisationswerk im Orient“. Hierfür „gibt es keine Organisation außer der A. J. K. O.“. Dieses Zitat ist zu finden auf Seite 11 der meines Wissens ersten Veröffentlichung der A. J. K. O. von 1909, die den herrlichen Titel führt: Eine Versammlung im Hotel Adlon. Ansprachen und Referate, betreffend die Jüdische Orientkolonisation etc. (Unter diesem „etc.“ werden sieben Referenten genannt, worunter drei Zionisten.) Bezüglich der „Erfüllung“, von der ich sprach, legitimiere ich mich mit folgendem Zitat an der bereits erwähnten Stelle: „Erst wenn die A. J. K. O.“ (sollte es wirklich nur diese Organisation sein dürfen?) „allmählich die Bewältigung dieser Aufgabe angebahnt haben wird, werden die Segnungen, des Schulwerks des Hilfsvereins und der Alliance voll zutage treten, werden die Zöglinge dieser Schulen im Lande selbst eine Existenz finden können.“ Hier wird also eine vieljährige frühere Tätigkeit so ziemlich für sinnlos erklärt, wenn die A. J. K. O. nicht nachträglich Sinn hineingebracht hätte. Von den Zionisten heißt es (ebenfalls dort), sie hätten sich „in erster Linie nationale und politische Ziele gesetzt“. — Nun würde die Wirksamkeit der Zionisten für praktische Kolonisation, selbst wenn sie erst in zweiter Linie stünde, immer noch viel größer sein als das Hauptwerk der