Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 25 (19.6.1914)
- Article
- Der XIV. Delegiertentag der zionistischen Vereinigung für Deutschland
- Date
- 1914-06-19
- Page
- 606 (sequence 6)
- Language
- German
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606 DIEX&ELT Nr. 25 Nach Erledigung dieser Debatte werden die Wahlen vorgenommen. Zum Vorsitzenden des Geschäftsführenden Ausschusses wird Herr Rechtsanwalt Dr. Arthur H a n t k e . Berlin, zu Mitgliedern desselben die Herren Kurt Blumenfeld, Dr. H. G. Heymann, Dr. Alfred Klee und Leo Motzkin wiedergewählt. Sodann erfolgen die übrigen Wahlen für das Zentralkomitee der Zionistischen Vereinigung für Deutschland und für das Zentralkomitee (Jahreskonferenz) der Gesamtorganisation. — Nach einem Schlußwort des Herrn Dr. H a n t k e, der ein Resume über die Verhandlungen gibt, wird der Delegiertentag um 8 Uhr geschlossen. Die III. Konferenz der Zionistischen Studentenorganisation „Hechawer“ in Heidelberg (Eigener Vorsitzender R o k a c h erteilt das Wort Herrn Dr. Tschlenow. Die ganze Versammlung bereitet Dr. T s c h 1 e - now eine begeisterte Ovation. Als der Vorsitzende die Mitteilung macht, daß die Konferenz auf Antrag der schweizerischen Kommilitonen beschlossen habe, Dr. Tschlenow anläßlich seines Heidelberger Besuches in das Goldene Buch einzutragen, bricht stürmischer, minutenlanger Beifall aus. Dr. Tschlenow führt aus: Die warme Aufnahme, die die Konferenz ihm zuteil werden ließ, freue ihn außerordentlich, da er hierin eine Kundgebung für die zionistische Leitung, die er vertrete, und eine Zustimmung zu den allgemeinen Linien ihrer Politik erblicke. Die Jugend habe immereine starke Neigung zur Kritik; ihre Anhänglichkeit ist daher ganz besonders zu schätzen. Er sei nach Heidelberg gekommen, um der Jugend zu beweisen, welche Bedeutung das Actions- Comite der Organisation der zionistischen Jugendkräfte zuschreibt. Die Vereine der zionistischen studierenden Jugend aus Rußland in Westeuropa haben unserer Organisation eine Reihe von besten Kräften geliefert. Man erinnere sich an Dr. Jacobson, Leo Motzkin und Professor W e i z m a n n , die in Berliner Vereinen ihre zionistische Ausbildung genossen haben, die Herren Chissin, Mossinsohn, M e t m a n n und .andere, denen sie in Bern zuteil wurde. Die Bedeutung dieser Studentenvereine in Westeuropa wird jetzt, wo die Universitäten für unsere Jugend in Rußland gesperrt sind, noch viel größer. Der „Hechawer" kann sicher sein, daß das Actions-Gomite die Bestrebungen der zionistischen Studentenorganisationen auf das lebhafteste unterstützen und fördern wird. Dr. Tschlenow geht dann zum Programm der bevorstehenden Tagung über und behandelt im besonderen die Beziehungen der studierenden Jugend zu unserer nationalen Sprache und unserem Heimatlande. Er erinnert an den Sprachenkampf, der in der letzten Zeit die zionistische Organisation so stark in Anspruch genommen hat. Er schildert die kolossale Bedeutung dieses Kampfes, den man von gegnerischer Seite nur als „pädagogischen Streit" darstellen wollte, und beweist, daß es sich um einen der Grundsteine unserer ganzen Regenerationsarbeit handelte. Dieser Kampf hat der Leitung schwere und verantwortungsvolle Tage und Wochen, aber auch Momente der höchsten Genugtuung gebracht. Der nahe Kontakt mit Palästina, das Gefühl, das die gesunden Elemente des jüdischen Volkes in der Diaspora mit uns und für uns waren, daß wir die Kämpfer für eine Volkssache im reinsten Sinne des Wortes sind, hat uns große innere Befriedigung gegeben, die denjenigen, welche den Kampf durchgemacnt haben, unvergeßlich bleiben wird. Daß unsere Jugend, daß Sie alle mit uns in diesem Kampfe einig waren, daß Sie von seinen Zwecken und seiner Bedeutung so voll durchdrungen waren, gehörte auch zu den schönsten Erlebnissen dieser Kampfperiode. Der Kampf ist durch eine Verständigung beendet worden. Wir wissen aber, daß Siege auch im Leben durchgesetzt werden müssen, und daß man hierbei noch immer mit dem Widerstand der Besiegten zu rechnen hat. Wir sind aber sicher, daß es uns gelingen wird, unsere Erfolge in der Praxis zu verwirklichen. In unserem festen Willen, in dem Verhalten des ganzen Volkes, hier wie in Palästina, und in der Solidarität mit unserer Jugend erblicken wir die beste Garantie. Aber dieser Sprachenkampf hat sich nicht nur in Palästina abgespielt. Auch in der Diaspora, besonders in Rußland, haben wir einen Kampf für unsere nationale Sprache zu führen. Es wird uns von anderer Seite, von den nationalen, nichtzionistischen Elementen, hauptsächlich von den sogenannten „Alljuden", vorgeworfen, daß wir den Jargon, das Jüdische, bekämpfen. Diese Behauptung ist so falsch wie viele andere, die diese neue Strömung im Judentum getan hat. Wir sind keine Bekämpfer des Jargons, sondern wir sind Kämpfer für das Hebräische. Nicht wir, sondern die Jargonisten treiben aggressive Politik. Gegner des Jargons ist das Leben Bericht.) (Schluß.) selbst. Der Jargon hat keine Zukunft und keine Vergangenheit. Alles Bedeutende, was der jüdische Geist auf kulturellem Gebiete geschaffen hat, entstand in der hebräischen oder der Landessprache. Heute ist der Jargon freilich im Munde der breiten Schichten unseres Volkes lebendig; deshalb bekämpfen wir ihn nicht; wir respektieren ihn und rechnen mit ihm. Wir geben jüdische Preßorgane und Literatur heraus und führen unsere Propaganda auch in dieser Sprache. Wenn aber die „Alljuden“ weiter gehen und gegen unsere nationale fprache arrogant werden, ihre Bedeutung, ihre Kraft und ukunft bestreiten, wenn sie gleichzeitig auch das Buch herabsetzen, das unser Volk als seinen heiligsten Schatz betrachtet, so werden sie erbitterte Gegner in uns finden. Und wenn sie behaupten, daß wir nur die Tendenzen der oberen Schichten des Volkes vertreten, so gibt es keinen krasseren Beweis dafür, wie falsch diese Behauptung ist, als gerade den Sprachenkampf. Wir waren im Zentrum und hatten Berührung mit der ganzen Peripherie, mit allen Ländern, in denen das jüdische Volk verstreut ist, und wir können es mit vollster Sicherheit behaupten, daß der Kampf für die hebräische Sprache ein Volkskampf war. Was seine Sprache und den „kleinen Streifen Boden an der Küste des Mittelmeeres" berührt, das erschüttert auch jetzt die Seele des ganzen Volkes mit elementarster Kraft. In Palästina, wo die Zukunft des jüdischen Volkes aufgebaut wird, wo wir ganze Juden haben wollen und müssen, wollen wir uns auch von der Plage der Vielsprachigkeit befreien und eine Sprache für Schule und Leben haben, unsere nationale Sprache. Die Sprache macht im Lande die erfreulichsten Fortschritte. Sie lebt im Munde der Kinder, sie ist die Unterrichtssprache in den Schulen und sie wird in naher Zukunft auch die lebendige Unterrichtssprache im Technikum und später in unserer Universität sein. Und wenn unsere Jugend ihr Leben ernstlich mit Palästina und dem dort auflebenden Volke verbinden will, so ist die erste Bedingung, daß sie unsere nationale Sprache erlernt. Sie müssen das in ihren Vereinen als eine unbedingte Forderung betrachten und es mit größter Energie durchsetzen. Dr. Tschlenow geht dann* zur Besprechung der anderen Frage, nämlich der Beziehungen unserer Jugend zu Palästina, Es ist schwierig, genau anzugeben, auf welche Weise ein jeder sich diese Beziehungen schaffen kann. Es unterliegt keinem Zweifel, daß es schon jetzt für viele möglich ist, und daß in der Zukunft diese Möglichkeiten sich immer erweitern werden. Unsere Arbeit in Palästina geht zwar nicht nach einem genau festgesetzten Programm und wird gleichzeitig auf verschiedenen Gebieten geführt. Nur bei genauer Kenntnis der Verhältnisse wird es jedem einzelnen möglich sein, zu entscheiden, auf welchem Gebiete er sich betätigen kann. Daher ist die erste Forderung, die an Sie alle ergeht, Palästina nicht nur aus der Literatur, sondern auch aus eigener Anschauung kennen zu lernen. Jeder von Ihnen muß sich fest vornehmen, Palästina zu besuchen. Die Bedeutung dieser persönlichen Berührung mit dem Lande ist viel größer, als man sich gewöhnlich vorstellt. Die Mohammedaner haben nicht umsonst ihre Pilgerfahrt nach Mekka eingeführt Was Sie ferner alle tun müssen, das ist uns, der Organisation, in unseren praktischen Palästinaarbeiten zu helfen. Unsere Arbeit kann nur dann auf Erfolg rechnen, wenn das ganze Volk an ihr teilnimmt. Dem Volke die Bedeutung der Arbeit klarzumachen und es zur Mitwirkung heranzuziehen, das ist Ihre Aufgabe. Und was schließlich noch Ihre Sache ist, das ist in unserem Volke den Glauben an seine Zukunft und das Vertrauen zu unserer Arbeit aufrecht zu erhalten. Das Volk ist seinem Palästinaideal treu, es wartet auch geduldig auf seine Realisierung. Es ist nicht richtig, wenn manche behaupten, das Volk könne nicht mehr warten. Aber, je langsamer die Erfüllung des Volksideals vor sich geht, desto schwächer wird der Mut und die Stimmung im Volke. Und dazu finden sich noch Feinde und sogar Freunde, die es behaupten, daß wir Zionisten jetzt eine aristokratische Bewegung geworden sind, die haupt-