Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 24 (12.6.1914)
- Article
- [Kommentar]
- Date
- 1914-06-12
- Page
- 581 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 24 t>IE2$KELT 581 PVIT1* T\P 1> CCP lllllllllllllllllillllllllllllllllllllllllllllilllllllllllllllll I ■ Das neueste (11.) Heft der „Sozialistischen Monatshefte“ enthält einen sehr ausführlichen Aufsatz von Ludwig Quess e 1 über die „Jüdische Neukolonisation Palästina s“, dem wir einige interessante Stellen entnehmen. Quessel legt die Lage der Juden in Deutschland kurz dar und fährt dann fort: „Es ist nun eine höchst eigenartige Erscheinung, daß gerade in einer Zeit, wo das deutsche Judentum nur noch den gesellschaftlichen Antisemitismus gegen sich hat, eine ganz neue Seite der Judenfrage in den Vordergrund der Diskussion trat. Man bemerkte, daß die alte Unterdrückung für die Fortexistenz des Judentums lange nicht so gefährlich war wie die neuzeitliche Gleichberechtigung, daß in dem "Maß wie das Judentum zur sozialen und politischen Gleichberechtigung emporstieg, die Gefahren für den Fortbestand des jüdischen Volkstums immer größer wurden. Gegenüber denjenigen nun, die geneigt sind, schon in der bloßen Anerkennung des jüdischen Volkstums versteckten Antisemitismus zu wittern, möchte ich bemerken, daß ebensowenig wie bei der deutschsprechenden Bevölkerung auch bei der jüdischen Bevölkerung sich allgemein übereinstimmende Rassenmerkmale feststellen lassen. Ueberhaupt sind die modernen Nationen fast ausnahmslos in erster Linie nicht natürliche, sondern historische Gebilde. Als solche haben sie aber im Lauf der Geschichte eine eigenartige Geistigkeit entwickelt, die sich am deutlichsten in Sprache, Literatur und Sitten manifestiert. Das Verdienst, die Judenheit auf ihre besondere nationale Geistigkeit aufmerksam gemacht zu haben, gebührt dem Zionismus. Daß die zionistische Organisation, die im Jahr 1897 in Basel auf dem ersten Kongreß der Anhänger Theodor Herzls gegründet wurde, bei den deutschen Juden für ihre Bestrebungen kein richtiges Verständnis finden konnte, war allerdings erklärlich. In Deutschland hatte sich infolge der Judenemanzipation eine so weitgehende Verschmelzung des jüdischen Geisteslebens mit dem deutschen vollzogen, daß sie sich als Deutsche fühlen und ansehen mußten. Wie weit dieser Prozeß schon in den vierziger Jahren gediehen, kann man am besten an Heine und Marx studieren, die zu geistigen Führern des deutschen Volkes werden konnten. Wenn nun auch die antisemitische Woge, die in den neunziger Jahren über Deutschland dahinbrauste, die Juden darauf aufmerksam machen mußte, daß die bürgerlichen Klassen des deutschen Volkes, denen sie ihrer Bildung und sozialen Stellung nach am nächsten standen, sie als Volksgenossen nicht anerkennen wollten, so konnte der Zionismus auf sie, die sich als Deutsche fühlten, doch nur wie ein jüdisches Zerrbild des Antisemitismus wirken, weil beide in der Behauptung übereinstimmten, daß die Juden ein besonderes Volkstum bilden. Ebenso mußte auch der zionistische Gedanke, durch die Kolonisation Palästinas ein nationales Zentrum für die Judenheit zu schaffen, von den deutschen Juden wie eine jüdische Rechtfertigung antisemitischer Ideen empfunden werden, da die Ahlwardt und Genossen ja überall verkündet hatten, der Antisemitismus verlange lediglich, daß die Juden wieder dorthin ziehen möchten, woher sie gekommen: nach dem Lande ihrer Väter. In Deutschland mußte daher der parteipolitische Antisemitismus erst von der Bildfläche verschwinden, ehe die zionistischen Ideen bei den Juden eine objektive Beurteilung finden konnten. Ganz anders war dagegen die Aufnahme, die der Zionismus bei der osteuropäischen Judenheit fand. Die zionistische Lehre, daß die Judenheit ein besonderes Volkstum mit eigenartiger Geistigkeit bildet, mußte daher dem osteuropäischen Juden aus sprachlichen und religiösen Gründen wie eine Selbstverständlichkeit erscheinen. Auch die zionistische Idee durch Kolonisation Palästina zum Zentrum einer national gesinnten Judenheit zu machen, fiel hier auf einen ungleich fruchtbarem Boden. Schon im Jahr 1860 war in Osteuropa der Plan einer Kolonisierung Palästinas propagiert worden. Im Jahr 1882 war auf dem Weg zwischen Jaffa und Jerusalem die jüdische Kolonie Rischon le-Zion gegründet worden. Die zionistische Lehre mutete daher die osteuropäischen Juden sehr vertraut an, da sie ohnehin vorhandene Bestrebungen mit neuem Elan fortzusetzen bemüht war. Die Werbekraft des Zionismus ist aber heute keineswegs auf Osteuropa beschränkt. Man kann ruhig sagen, daß zurzeit der größte Teil der ideal und fortschrittlich gesinnten jüdischen Jugend auch Westeuropas zum Zionismus steht. Den Sozialisten, der von seinem internationalen Standpunkt aus gezwungen ist, die nationale Selbstbehauptung des Judentums wie die jedes andern Volksstamms an und für sich als berechtigt anzuerkennen, werden nun zünächst die Fragen interessieren, was der Zionismus bisher erreicht hat, und ob die zionistische Kolonisation Palästinas überhaupt verwirklicht werden Quessel bespricht dann die kolonisatorischen und kulturellen Leistungen des neuen Jischub an der Hand des Buches von Nawratzki und der Broschüre von Tschlenow, aber auch sonstiger neuerer Literatur, z. B. der „Breistatt", und faßt zusammen: „Man kann vielleicht überhaupt sagen, daß das, was auf wirtschaftlichem Gebiet erst im Werden begriffen, auf geistigem schon vielfach erreicht worden ist. Ich denke hierbei vornehmlich an die ans Wunderbare grenzende Erscheinung, daß ein Volk seine Sprache, die es vor anderthalb Jahrtausenden im Exil verloren, wiedergewinnt und die aschkenasischen mit den sephardischen Juden sprachlich wieder vereinigt. In Palästina erwächst ein neues jüdisches Geschlecht, das nur noch eine Sprache kennt, die ganz der Judenheit zugehört, die Geist von ihrem Geist ist, die heilige Sprache ihrer Väter: das Hebräische. Seltsam mutet es an, wenn wir hören, daß in den jüdischen Kindergärten die Lehrerinnen mit den Kleinen nur hebräisch singen und sprechen. Mit den Kindern und mit ihren Liedern ist die hebräische Sprache in die breiten Schichten des Volkes gedrungen. Mächtig arbeitet auch die jüdische Intelligenz an der Wiedergeburt der hebräischen Sprache und gerät außer sich vor Zorn über das Ansinnen, daß nicht Hebräisch die Unterrichtssprache des jüdischen Instituts für technische Wissenschaften in Haifa sein . soll. Gewiß geht es bei dieser Wiedergeburt des Hebräischen zuweilen etwas stürmisch und gewalttätig zu. Man darf jedoch nicht vergessen, daß es in der Weltgeschichte noch jedesmal etwas laut hergegangen ist, wenn Neues im Werden war. Ganz ohne Fanatismus hat sich noch nie ein Wandel im Völkerleben vollzogen. Einen Mittelpunkt der jüdischen Kultur soll die kommende hebräische Universität in Jerusalem bilden, deren Gründung der letzte Zionistenkongreß beschlossen hat. Das sind alles freilich nur Anfänge, die aber doch zeigen, mit welchem Ernst hier kulturell gearbeitet wird. In Deutschland glaubt man oft die Bedeutungslosigkeit des Zionismus mit dem Hinweis dartun zu können, daß er die europäische Judenfrage nicht zu lösen vermag. Gewiß kann der Zionismus nichts dazu beitragen, daß den deutschen Juden der Zugang zu den ihnen vorenthaltenen Stellen geöffnet wird. Dagegen scheint mir die Dichterin Ricarda Huch durchaus recht zu haben, wenn sie vom Zionismus eine Hebung des Ansehens der Juden auch in Deutschland erwartet; die Gründung eines Gemeinwesens von Juden auf ihren altheimischen, ihnen heiligen Stätten erfüllt sie mit Bewunderung, und sie glaubt annehmen zu können, „daß alle Nationen, die sich nur allzu gern bequemer Verachtung hingaben, solange sie die Juden als Eindringlinge betrachteten, bereit sein werden, das wiedergeborene, selbständige Volk zu bewundern, dem alle europäischen Kulturen so viel verdanken“. Die Befürchtung der sogenannten Assimilanten, daß die zionistische Eroberung Palästinas den gesellschaftlichen Antisemitismus in Deutschland stärken könnte, beruht auf einer vollständigen Verkennung der Völkerpsychologie.“ Hierauf bespricht er die Einwände der sogenannten „alljüdischen“ Richtung gegen den Zionismus, die er aber ablehnt, und schließt: „Freilich, daran ist nicht zu denken, daß die jüdische Kolonisation in Palästina schon jetzt einen erheblichen Teil der jüdischen Auswanderer auf nehmen könnte. Man denke daran, daß von 1881 bis 1908 zirka zwei Millionen Juden von Osteuropa nach Amerika wanderten. Trotzdem ist die Zahl der Juden in Russisch-Polen, Galizien und Rumänien nicht geringer geworden. Die erstaunlich hohe Geburtenziffer der osteuropäischen Juden hat die durch die Auswanderung gerissenen Lücken in der Bevölkerung schnell wieder gefüllt. Ueber die Bedeutung, die Palästina und seine menschenleeren Nachbargebiete für die jüdische Auswanderung späterhin gewinnen können, schon jetzt etwas Bestimmtes zu sagen ist daher unmöglich. Nicht vergessen darf aber werden, daß die großen Bewässerungsarbeiten (man denke an die in diesem Jahr von deutscher Arbeit und deutschem Kapital vollendeten Anlagen zur Bewässerung der riesengroßen Ebene um Konia) in der asiatischen Türkei bald einen empfindlichen Bauernmangel hervorrufen werden, der ganz von selbst dazu führen wird, daß Palästina und seine Nachbargebiete von den Fel-