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Die Welt · 1914-06-12 · 24 (12.6.1914) · p. 572

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
24 (12.6.1914)
Article
Innere Politik
Date
1914-06-12
Page
572 (sequence 2)
Language
German
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572 0IE2EKELT Nr. 24 tischen Einsicht fügen müsse. Der Kongreß hat Herzl die Heeresfolge versagt, weil zu viele Zionisten fühlten, daß alle Fragen, in denen es sich um die Ausschließlichkeit Palästinas handelt, zugleich auch Fragen der inneren Politik sind. Dem Palästina- Oedanken gegenüber dürfe es keine Taktik geben. Die Ablehnung Ugandas war kein Mangel an Vertrauen zu der politischen Einsicht Theodor Herzls. Sie zeigte nur. daß die innere Politik des Zionismus selbst Herzls kühne Taktik nicht vertrug. Die zionistische Arbeit in den Ländern der Erde könnte nur dann von praktischen und lokalen Bedürfnissen geregelt werden, wenn wir einen anderen Zionismus in Palästina, einen anderen in den Ländern des Galuth wollten. Ist der Zionismus eine Bewegung, die will, daß andere nach Palästina gehen, oder will er, daß Zionisten selbst nach Palästina gehen: Das ist die Alternative, vor die unsere Arbeitsmethode gestellt ist. Haben wir uns aber so entschieden, daß der Zionismus Zionisten erziehen will, die sich selbst als Träger der Idee fühlen und den anderen ihren Zionismus Vorleben wollen, dann werden wir einsehen müssen, daß es eine willkürliche Taktik in Fragen der innerzionistischen Politik überhaupt nicht geben kann. Wer die Idee im eigenen Leben nicht zur Wirklichkeit werden läßt, der kann keine Hoffnung haben, sie auf andere übertragen zu können, und wer sein Leben darauf einrichtet, daß er ein Teil der jüdischen nach Palästina strebenden Gesamtheit sein will, der muß darauf hinarbeiten, die Scheidewände zwischen sich und den Palästinensern zu zerstören. Die innere Politik des Zionismus kann taktisch nur von den Erwägungen bestimmt werden, die ein Gebertragen des palästinensischen Lebens auf die Diaspora ermöglichen. So muß unsere innerzionistische Taktik immer heißen: die Wahrheit über den Zionismus. Es ist dumm, diese Auffassung Radikalismus zu nennen. Dieser Radikalismus ist nichts anderes, als das Aussprechen dessen, was wirklich ist. Es ist der von Verteidigungen und Entschuldigungen freie positive zionistische Gedanke der Erwerbung Palästinas durch Juden, die daran glauben. Die Geschichte des Zionismus zeigt uns übrigens, daß wir auch äußerlich von einer verhüllenden und vorsichtigen Taktik wenig zu erwarten haben. In den Jahren, in denen die zionistische Agitation in Deutschland in der Verbreitung des jüdischen Nationalismus noch nicht ihre Hauptaufgabe sah, waren die zionistischen Erfolge keineswegs größer als in den Zeiten des sogenannten radikalen Zionismus. Trotzdem man also glaubt, daß durch die „untaktische“ zionistische Werbetätigkeit die Mehrzahl der deutschen Juden für alle Zeiten dem Zionismus unerreichbar bleibt, scheint diese Mehrzahl der deutschen Juden auch für das andere Rezept keine Vorliebe zu haben, ganz abgesehen davon, daß in der Jugendarbeit der Nationalismus sich als Erzieher bestens bewährt hat. Auch die Furcht, daß eine nationale Arbeitsmethode, die uns in Gegensatz zu allen nichtzionistischen Organisationen bringt, uns finanziell zugrunde richten wird, scheint uns unbegründet zu sein. Der Hilfsverein und die A. J. K. O. sind doch Organisationen, die so wenig zionistisch sind, daß selbst nach dem Willen der radikalsten Opportunisten der Zionismus niemals so unzionistisch hätte werden können. Beide appellieren an die Palästinaliebe der deutschen Juden, beide mit beschämend geringem Erfolg. Die 9000 Mitglieder der Zionistischen Vereinigung für Deutschland haben im letzten Jahre 240 000 M. für zionistische Zwecke aufgebracht, trotzdem unsere Gesinnungsgenossen zum großen Teil Studenten, junge Kaufleute und junge Akademiker sind, und auch sonst im allgemeinen nicht zu den wohlhabenden Kreisen der deutschen Juden gehören. Der einzige Weg, die großen Mittel für unsere Aufgaben in Palästina zu schaffen, liegt auch hier in der Gewinnung neuer Zionisten, die um ihres eigenen Lebens willen immer wieder für zionistische Zwecke opfern. Der entschiedenere Zionismus schafft auch überall die größeren Mittel. Je bekannter der Zionismus wird, um so ernster und schwieriger wird die Frage der inneren Politik. Immer mehr werden wir gezwungen sein, auf die Probleme einzugehen, mit denen das Judentum der Diaspora sich in Wahrheit beschäftigt, immer weniger wird es uns möglich sein, mit allgemeinen Redensarten über die inneren Konflikte der Menschen, die wir für unsere Sache gewinnen wollen, hinwegzugleiten, immer klarer werden wir einsehen müssen, daß es einen Punkt gibt, an dem auch die klügste taktische Berechnung keine befriedigende Auskunft mehr erteilen kann. Und so wird uns denn nichts anderes übrig bleiben, als die innere Politik des Zionismus so zu leiten, daß durch sie die Juden im Gegensatz zu allen, durch die Assimilation geschaffenen, gewohnten Gedankengängen zu der Erkenntnis erzogen werden, die wahre Freiheit und das volle Lebensglück nur in einer neuen Sonderexistenz des jüdischen Volkes und der damit verbundenen Lebensgemeinschaft in Palästina zu finden, wo für alle an Stelle der Berechnung und der Apologetik der nationale Wille und die Fülle der eigenen Kultur treten wird. K. B. Soeben erschien: PROTOKOLL OES XI. ZIQNISTENKONGRESSES Auf gewöhnlichem Papier, broschiert . . 1,50 M. Auf feinem holzfreien Papier, gebunden 3,— M. - Porto SM PfAusland GO Pfg. - JÜDISCHER VERLAß, Berlin W15, Sächsische Str. 8

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