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Die Welt · 1914-06-12 · 24 (12.6.1914) · p. 571

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
24 (12.6.1914)
Article
Innere Politik
Date
1914-06-12
Page
571 (sequence 1)
Language
German
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DIE BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. W ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG Nr. 24 BERLIN, 12. Juni 1914 n"snn 's pD TYn /TV-Q XVIII. JAHRG. INNERE POUTIK Der Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland findet am 14. und 15. Juni in Leipzig statt. Auf dem Delegiertentag wird das Verhältnis der Zionisten zu den anderen jüdischen Organisationen im Mittelpunkt der Debatte stehen. Seit mehreren Jahren hat sich in Deutschland die Anschauung durchgesetzt, daß die zionistische Propaganda ausschließlich jüdisch-national sein müsse, und daß alle Erfolge des Zionismus davon abhängen, ob es ihm gelinge, deutsche Juden zu der Ueberzeugung zu bringen, daß sie den Sinn ihres Lebens in der neugewonnenen jüdisch-nationalen Lebensgemeinschaft finden. Diese Art der Propaganda scheint manchen Gesinnungsgenossen gefährlich zu sein. Man kann dem Zionismus, d. h. der Erwerbung Palästinas für das jüdische Volk, dieselben oder größere Dienste leisten, wenn man den Zionismus als eine einfachere und unkompliziertere Angelegenheit den deutschen Juden darstellt. Es komme nicht darauf an, eine menschliche Umwandlung bei allen Zionisten zu erreichen, sondern es genüge, eine Atmosphäre des Wohlwollens in der deutschen Judenheit zu schaffen und die gewonnenen Sympathien zu finanziellen Leistungen für Palästina zu steigern. Diese Auffassung macht in der Praxis aus der zionistischen Propaganda eine zionistische Apologetik. Sich gegen falsche Auffassungen verteidigen, sich in jedem Einzelfalle entschuldigen, Irrtümer über den Zionismus aufklären, durch Kompromisse und Mitarbeit in nichtzionistischen Kreisen den anderen einen Beweis des Wohlverhaltens geben, sie allmählich von der Ungefährlichkeit der zionistischen Idee überzeugen und sie so unvermerkt näher und näher zu zionistischen Arbeiten zu führen, das wäre die Methode. Probleme dürfen im allgemeinen nicht erörtert werden, insbesondere dürfe das Wort „jüdisch-national“ nur mit äußerster Vorsicht angewandt werden. Die Entwicklung in Deutschland hat die Durchführung eines solchen Programms für alle Zeiten unmöglich gemacht. Alle nichtzionistischen Organisationen stehen im offenen Kampfe gegen uns. Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat seine Resolution gegen die Zionisten gefaßt. Mit dem Hilfsverein ist in Deutschland der Schulkampf ausgefochten worden. Die Vertreter fast aller nichtzionistische'n Organisationen haben den Inseratenkampf gegen den Zionismus begonnen; das antizionistische Komitee schickt seine aufklärenden Broschüren an alle führenden deutschen Juden. Der Zionismus steht im Kampf gegen alle, und in diesem Moment, wo der Zionismus zum ersten Male in Deutschland wirklich bekannt geworden ist, wo die zionistische Idee eigentlich erst beginnt, im vollen Lichte der jüdischen Öffentlichkeit zu wirken, da werden noch einmal Stimmen laut, die meinen, alles hätte vermieden werden sollen und bei einer besonneneren und geschickteren Taktik auch vermieden werden können. Wie die Entscheidung des Delegiertentages praktisch ausfallen wird, erscheint uns nicht zweifelhaft. Weil aber die Frage der innerjüdischen Politik des Zionismus in allen Landern der Welt in ähnlicher Weise innerhalb unserer Reihen ausgekämpft wird, ist es notwendig, die Frage der zionistischen Taktik eindeutig zu entscheiden. Daß heute in Deutschland der Zionismus im Kampfe gegen alle anderen jüdischen Organisationen steht, ist nicht die Folge irgendwelcher Zufälligkeiten oder irgendeiner willkürlichen Taktik. Es ist das natürliche Ergebnis einer normalen zionistischen Entwicklung. Ein Verhüllen der Gegensätze, ein Ausschalten der zionistischen Probleme war möglich, solange der Zionismus unbekannt war. Allein die Tatsache, daß der Zionismus bekannter geworden ist, und daß die Zionisten sich ihrer eigenen Anschauungen bewußter geworden sind, hat die Gegensätzlichkeiten herbeigeführt, die jetzt bestehen. Keine noch so. geschickte, von Zionisten geübte Taktik hätte auf die Dauer diese Entwicklung verhindern können. ln den Zeiten, wo Zionismus im wesentlichen „äußere Politik“ gewesen ist, haben manche vielleicht geglaubt, daß der Zionismus durch kluge Berechnung und geschicktes Manövrieren gemacht werden könne, und gewiß ist äußere Politik vielfach nur eine Frage des besseren Kalküls. In der inneren Politik spielt die kluge Berechnung eineweit geringere Rolle. Die Gesinnungen und Bedürfnisse der Menschen werden durch die innere Politik gelenkt, und jede noch so kluge Taktik versagt vor menschlichen Notwendigkeiten. Das Uganda-Problem zeigt diesen Gegensatz zwischen äußerer und innerer Politik mit vollster Deutlichkeit. Für Herzl war Uganda nur eine Frage der äußeren Politik. Er war der Meinung, daß die Ablehnung des englischen Angebots ein grober politischer Fehler sei. Man dürfe eine solche Möglichkeit keinesfalls von sich weisen. Er glaubte, daß die Organisation sich auch dieses Mal seiner höheren poli-

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