Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 23 (5.6.1914)
- Article
- Neben dem Zionismus
- Date
- 1914-06-05
- Page
- 547 (sequence 1)
- Language
- German
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DIE WELT BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG Nr. 23 BERLIN, 5. Juni 1914 umW? n"Dnn 'X yi*D X"' XVIII. JAHRO. NEBEN DEM ZIONISMUS Von Davis Trietsch, Berlin Die „Zionsliebe“ ist viel älter als die zionistische Organisation. Sie umfaßt auch sehr viel mehr Juden als diese. Man kann sogar sagen, daß alle Juden der Welt für Zion „etwas übrig haben“, und es ist für die zionistische Bewegung keinesfalls ohne Interesse, diejenigen Juden, die sich ihr selbst nicht anschließen „wollen . oder können“, in irgend einer andern Form für die praktische Arbeit in Palästina organisiert zu sehen. Es gibt ja auch tatsächlich neben dem Zionismus jüdische Bestrebungen zur Kolonisation Palästinas, und es liegt vielleicht die größte praktische Wirksamkeit der zionistischen Propaganda gerade darin, daß sie außerhalb ihrer eigenen Reihen das Interesse an Palästina ganz wesentlich gestärkt hat. So war eben erst Baron Rothschild in Palästina und hat aus dem, was er dort sah, neuen Mut geschöpft, das schon fast aufgegebene Werk fortzusetzen. Was ihn so ermutigt hat, war nicht so sehr der Erfolg seiner eigenen Kolonien, als der neue Geist in der Kolonisation, der von dem zionistischen Gedanken beeinflußt ist. Baron Rothschilds wiedererwachtes Interesse ist eine Erscheinung neben dem Zionismus, deren Bedeutung gar nicht hoch genug geschätzt werden kann. Dieses Resultat des Beginnes unserer praktischen Arbeit im Lande ist um so wichtiger für uns, als es naturgemäß ein fruchtbares Handinhandarbeiten zur Folge haben muß. Die „I c a" nähert sich ebenfalls ganz offensichtlich der Palästina-Idee. Immerhin sind jene beiden großen Faktoren jüdischer Kolonisation von der öffentlichen Meinung der Judenheit wenig abhängig, während es uns hier viel mehr darauf ankommt, im jüdischen Publikum „Strömungen neben dem Zionismus“ zu beleuchten. Als Beispiel für solche nennen wir die „Ito“, die „A. J. K. O.“ und den „Esra“. Zunächst die Ito. Vor ganz kurzem schien es, als wäre sie endlich und definitiv gestorben. Es hieß, sie sei zu der Erkenntnis gelangt, daß auch Palästina ein irdisches Territorium sei (und nicht die einzige Mondlandschaft auf unserem Planeten). Aber kaum freute man sich, daß der Ito-Spuk verschwunden sei — manche spekulierten schon darauf, daß die Führer dieser „Partei ohne Masse“ nun wieder in realere Organisationen eintreten könnten —, da überrascht uns der witzige Mr. Zangwill mit der Ankündigung einer neuen Ito- Konferenz über das Angola-Projekt. Es mag von Zangwills Standpunkt aus nicht ungeschickt sein, jetzt wieder mit Angola — dem Wort natürlich nur — zu operieren, aber von besonderen jüdischen Möglichkeiten ist in Angola nicht die Rede, und wenn es nicht besondere wären, so hätte die ganze Sache keinen Zweck, weil allgemeineMöglichkeiten schließlich überall vorhanden sind, und weil die jüdische Kolonisationsfrage mit der speziellen Möglichkeit der Konzentration, also mit besonderen Vorzugsbedingungen, steht und fällt. Es ist ein Unfug sondergleichen, daß man versucht, die jüdische Öffentlichkeit nun seit sieben Jahren mit dieser Ito-Affäre naszuführen — mit einer Kolonisation, von der weder das Land noch die Methode, noch irgend sonst etwas feststeht, mit einer Organisation, die angesichts der „Unaufschiebbarkeit einer großzügigen Hilfe“ sich sieben Jahre Zeit läßt, um geographische Studien zu machen. Ganz besonders aber muß es peinlich wirken, daß Mr. Zangwill die Möglichkeit hat, sich auf die Mitwirkung zweifellos ernster und hervorragender Juden in seinen windigen Kommissionen usw. zu berufen. Wir wissen ja, daß diese Mitwirkung nur auf dem Papier steht; daß dieses Spiel mit ernsthaften Namen aber ungehindert weiter betrieben werden darf, ist im höchsten Maße irreführend für die in ihren eigensten Angelegenheiten so mangelhaft orientierte jüdische Öffentlichkeit. Was die A. J. K. O. betrifft, so klafft es auch hier allenthalben recht bedenklich. Besonders unangenehm mußten schon die Gründungsverhandlungen empfunden werden, bei denen die noch nicht einmal vorhandene Organisation sich schon partout an die Spitze alles Bestehenden setzen wollte, und sich als die „Erfüllung“ ausgab, während die bisherigen Organisationen nur als Vorläufer der A. J. K. O. eine Existenzberechtigung gehabt Die A. J. K. O. hat allerdings ein Landprogramm. Sie ist eine Palästina-Organisation, die die Nachbarländer in ihr Programm mit einschließt. Die Nachbarländer werden sogar noch bevorzugt, weil man damit den nicht- und antizionistischen Strömungen entgegenzukommen hofft, während im Zionismus die Nachbarländer zurück-