Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 22 (29.5.1914)
- Article
- Die erste Session des Jerusalemer Provinzialrates
- Date
- 1914-05-29
- Page
- 534 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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534 Nr. 22 DIE [ELT verwenden. Ferner wurde in dieser .Sitzung beschlossen, für die Einrichtung eines Gestüts 40000 Piaster zur Verfügung zu stellen. In der zehnten und elften Sitzung wurde über öffentliche Arbeiten, besonders über die Verbesserung der Fahrstraßen verhandelt. In der zwölften Sitzung wurde auf Grund eines Memorandums des Vertreters von Gaza verlangt, daß die Jerusalemer Filiale der Agrarbank wieder wie früher dem Provinzialrat unterstehen sollte. Der Antrag wurde angenommen und eine diesbezügliche Resolution dem Minister für Handel und Landwirtschaft übermittelt. In der dreizehnten Sitzung wurde ein Projekt zur Anlage einer neuen Chaussee in Bethlehem vorgelegt. Der Mudir von Bethlehem begründete die Notwendigkeit der neuen Chaussee damit, daß sehr viele Touristen nach Bethlehem kommen und die alte Chaussee nicht mehr gebrauchsfähig sei. Er verpflichtete sich, die Hälfte der notwendigen Ausgaben durch Beiträge der Einwohner von Bethlehem aufzubringen. Es wurde beschlossen, dafür unter gewissen Bedingungen 750 000 Piaster zur Verfügung zu stellen. Gleiche Gesuche um Verbesserungen von Chausseen lagen vom Kaimakam von Gaza und vom Kaimakam von Hebron vor. Ebenso verlangte der Vertreter von Hebron die Gründung einer Mädchenschule und einiger Knabenschulen in Hebron und Umgebung. Vom Bürgermeister von Jerusalem lag ein Vorschlag betreffs Gründung eines Greisenheims in Jerusalem vor. In der vierzehnten Sitzung lagen Vorschläge des Medschlis-Idara in Jaffa und anderer dortiger Körperschaften vor, in denen verlangt wurde, daß von jeder Kiste Orangen, die zur Ausfuhr gelangt, 10 Para für die Instandhaltung der Chausseen erhoben werde; ferner, daß von jedem Dunam Orangenpflanzung 50 Goldpiaster als Steuer an Stelle des „Oschers" gezahlt werden sollten. (Dies ist ein alter Vorschlag der Bojarenbesitzer.) Nach Angaben dieser Behörden gibt es in der Umgebung von Jaffa noch zirka 00000 Dunam, die man für die Orangenpflanzung verwerten könnte. Diese Vorschläge fanden die Zustimmung des Provinzialrates, und es wurde beschlossen, in diesem Sinne an den Finanzminister und den Landwirtschaftsminister zu schreiben und auch zu verlangen, daß bei neuen Bojaren die Hälfte des Oschers erlassen wird. Noch ein anderer Lieblingswunsch der Bevölkerung wurde in dieser Sitzung behandelt, nämlich daß Jerusalem zum Range eines Vilajets und Jaffa und Gaza zum Range von, Mutasserifliks erhoben werden. Ferner lag ein Antrag des Vertreters von Gaza vor, die Ländereien um Beer-Scheba als steuerfrei zu erklären. Dadurch würden die dortigen Streitigkeiten unter den Beduinen aufhören und durch die Kultivierung des Bodens würde auch die Regierung größere Einnahmen als jetzt er- In der fünfzehnten und sechzehnten Sitzung wurde der Vorschlag des Maromati Effendi bezüglich der Errichtung einer Wasserleitung und elektrischen Beleuchtung in Jerusalem verhandelt und genehmigt. In der siebzehnten Sitzung legte der Vertreter von Gaza unter anderem ein Memorandum vor, worin verlangt wird, daß bei Veräußerung von Boden seitens der Städter und Fellachen darauf zu achten sei, daß dem Verkäufer mindestens 200 Dunam verbleiben. Unter dieser Grenze sei der Verkauf zu verbieten. Es wurde beschlossen, diese Frage dem Jerusalemer Gouverneur zur ernsten Erwägung zu überweisen, der dann darüber an sämtliche Medschlis-Idaras des Mutessarifliks berichten soll. Die achtzehnte und neunzehnte Sitzung waren wieder mit Budgetfragen ausgefüllt. In der letzten — 21. — Sitzung wurde in Gegenwart der Herren Eisenberg aus Rechoboth und Maverowitz aus Rischon le-Zion über die Chaussee Jaffa—Gaza verhandelt. Nach einer längeren Diskussion wurde beschlossen, daß die Einwohner von Rischon le-Zion und Rechoboth der Regierung 5800 türkische Pfund zu zahlen haben, damit die Chaussee Jaffa—Gaza über diese Kolonien geführt werde. In der Resolution wurde ausgesprochen, daß diese Arbeit unverzüglich aufzunehmen sei. In derselben Sitzung wurde über den Vorschlag bezüglich der Anlage eines Telephons zwischen Jerusalem und Bethlehem (etwa 20 km Entfernung) verhandelt. Die Herausgabe der Karte von Jerusalem, die bereits vorbereitet ist, wurde moniert. Es wurde auch das endgültige Budget für die Liva Jerusalem in der Höhe 3 065104 Goldpiaster vom Provinzialrat angenommen und dem Minister des Innern zur Bestätigung überwiesen. Zum Schluß wurde noch die Exekutive für das laufende Jahr gewählt. Dies in Kürze die Gegenstände, mit denen sich die erste Session des Jerusalemer Provinzialrates befaßt hat. Wenn auch vorläufig keine bahnbrechenden Arbeiten geleistet worden sind, so muß man doch zugeben, daß hier in der Selbstverwaltung Palästinas ein Schritt vorwärts gemacht wurde, und es wird von Interesse sein, die weitere Entwicklung dieser Körperschaft zu beobachten. Schon diese kurze Skizzierung zeigt, daß wir Juden und unsere Kolonisationsarbeit nicht außerhalb der Einflußsphäre des Provinzialrates stehen. Wenn wir auch bei seiner jetzigen Zusammensetzung nicht gerade über unfreundliche Haltung uns gegenüber zu klagen haben, so müssen wir doch dafür Sorge tragen, daß in Zukunft auch unsere Stimme in den Sitzungen des Medschlis-Umumi gehört wird. Auswanderungsbewegung unter den deutschen Kolonisten Das „Desinteressement" der deutschen Politik in Syrien und Palästina hat bei den deutschen Kolonisten in Palästina die früher schon aufgetauchten Tendenzen zur Auswanderung nach deutschen Kolonien wesentlich verstärkt. Gegenwärtig denkt man dabei vorzugsweise an Deutsch-Südwestafrika, dessen klimatische und landwirtschaftliche Verhältnisse vielfach jenen Palästinas ähnlich sind. Man rechnet dabei auf ein Entgegenkommen der deutschen Kolonialregierung. jninnininil REVUE DER PRESSE »»»^ Mit dem Ausfall der Wahlen zur türkischen Kammer beschäftigt sich unser Warschauer Bruderblatt „Dos Jüdische Volk" in seiner Nr. 5. Es wird dort u. a. ausgeführt: „Die Resultate der Wahlen zwingen uns, über manches nachzudenken, was den politischen Einfluß der jüdischen Bevölkerung Palästinas betrifft. Es ist ein Unglück, daß wir in Palästina größtenteils ausländische Untertanen sind. Wenn ein polnischer Schriftsteller die jüdischen Massen in Polen mit der Bezeichnung „heimische Ausländer" benannt hat, so ist dieser Zustand in der Diaspora für uns noch erklärlich. In Palästina aber darf es nicht Vorkommen, daß wir als „heimische Ausländer“ leben. Ist das ein normaler Zustand, daß wir, die wir dahin gehen, um dort eine dauernde Heimstätte zu finden, „heimische Ausländer" bleiben? Die Gründe, die viele unserer Brüder angeblich verhindern, in den türkischen Staatsverband einzutreten, sind uns zur Genüge bekannt. Es waren ihrer so viele, daß man schließlich doch an ihrer Berechtigung zu zweifeln begann. Wie dem auch sei, dieser Zustand bringt uns ungeheuren Schaden. Die Zahl der jüdischen Bevölkerung im Lande wächst, unser Einfluß auf die wirtschaftliche Entwicklung steigt von Jahr zu Jahr, während unser politischer Einfluß ganz unverändert bleibt, denn wir bleiben „heimische Ausländer". Das Schlimme dabei ist, daß wir gegen unseren Willen und gegen alle unsere Absichten zu Werkzeugen in den Händen fremder Staaten werden können, obwohl wir tagtäglich verkünden, daß wir ausschließlich jüdischen Interessen dienen, die sich mit den Interessen des ottomanischen Staates decken.