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Die Welt · 1914-05-29 · 22 (29.5.1914) · p. 533

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
22 (29.5.1914)
Article
Die erste Session des Jerusalemer Provinzialrates
Date
1914-05-29
Page
533 (sequence 1)
Language
German
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533 DIE1 £ELT Nr. 22 ■ ■= -- Die erste Session des Jerusalemer Provinzialrates (Von unserem Berichterstatter.) Wir haben schon früher Gelegenheit gehabt, über den Jerusalemer Provinzialrat (Medschlis Umumi) in der „Welt" zu berichten. Diese Behörde ist bekanntlich eine Frucht der arabischen Reformbestrebungen, die besonders in Syrien und Mesopotamien vor einem Jahre mächtig waren. Während die radikalen Araber noch viel weitergehende Forderungen in bezug auf die Dezentralisation der Verwaltung stellten und noch stellen, haben sich die gemäßigteren Elemente der arabischen Bevölkerung mit der Regierung dahin verständigt, daß zunächst eine Provinzialvertretung in allen Vilajets geschaffen wird, die einen Teil der Verwaltungsgeschäfte übernimmt, insbesondere auf wirtschaftlichem, kulturellem und landwirtschaftlichem Gebiete, sowie dem der öffentlichen Arbeiten. Nach diesem Gesetze haben je 12 500 Einwohner das Recht, einen Vertreter in den Provinzialrat zu entsenden. Da der Verwaltungsbezirk Jerusalem einen eigenen Provinzialrat hat, so dürfte es von Interesse sein, über den Verlauf der ersten Session einiges zu erfahren. Dem Jerusalemer Provinzialrat gehörten dreizehn Mitglieder an, und zwar aus Jerusalem und Gaza je vier, aus Jaffa drei und aus Hebron zwei. Den Vorsitz führt der Jerusalemer Gouverneur. Es muß leider konstatiert werden, daß wir zurzeit in dieser Körperschaft nicht einen einzigen jüdischen Vertreter haben. In dieser Beziehung hatten wir in den letzten Jahren überhaupt fortgesetzt Niederlagen zu verzeichnen. Daß wir auch bei den jüngsten Parlamentswahlen keinen einzigen jüdischen Abgeordneten nach Konstantinopel entsenden konnten, war vorauszusehen. Weit schlimmer ist es aber, daß bei den Wahlen zum Jerusalemer Magistrat (Balladie), die in den letzten Tagen vor sich gingen, ebenfalls kein einziger Jude gewählt wurde, während noch dem vorigen Magistrat, der im ganzen zehn Mitglieder zählte, vier Juden angehörten. Der Schlüssel zu dieser betrübenden Erscheinung ist in zwei Umständen zu suchen. Erstens wird noch immer dfe Ottomanisierungsaktion mit ungenügendem Nachdruck betrieben. Fast hat es, angesichts der in dieser Beziehung herrschenden Lässigkeit, den Anschein, als müßten die nötigen Impulse hierfür aus dem Auslande, namentlich aus den Reihen der zionistischen Organisation kommen. Ueber die Notwendigkeit einer Ottomanisierung der palästinensischen Juden in großem Umfange braucht man heute wohl nicht viel Worte zu verlieren. Damit würden wir mit einem Schlage unseren Widersachern die gefährlichste Waffe entwinden und würden zugleich das Vertrauen weiter arabischer Volkskreise gewinnen. In diesem Zusammenhänge sei hier en passant erwähnt, daß einer der palästinensischen Abgeordneten vor seiner Abreise nach Konstantinopel zweimal Herrn Elieser Ben -Jeh u d a h besuchte und ihm in ernster politischer Unterhaltung wiederholt erklärte, daß er zugunsten der jüdischen Kolonisation wirken würde, wenn er die Ottomanisierungsbestrebungen in erheblichem Maße fortschreiten sähe. Solche symptomatische Aeußerungen verdienen die ernsteste Beachtung. Die zweite Ursache unserer politischen Schwäche ist der Umstand, daß wir in Jerusalem, wo die Juden die absolute Mehrheit der Bevölkerung bilden, noch immer einen Mangel an aktiven Kräften haben. Zweifellos wird sich dies in den nächsten Jahren ändern. Schon im letzten Jahre hatte Jerusalem einen erfreulichen Zuwachs an organisatorisch begabten Männern zu verzeichnen. Auch der Sprachenstreit, der letzten Endes ein Kampf für nationale Selbständigkeit war und der zum größten Teil von der Jerusalemer Bevölkerung ausgetragen wurde, ist ein günstiges Prognostikon. Mit jeder neuen Institution, die wir in Jerusalem schaffen, führen wir der aktiven jüdischen Bevölkerung neue Kräfte zu und wecken zugleich unter den Jerusalemer Juden schlummernde Energien. Es sei in dieser Beziehung nur auf das Gesundheitsamt hingewiesen. Doch zurück zum Ausgangspunkt dieser Betrachtung. Wenn wir auch diesmal, zum Teil durch eigenes Verschulden, im Jerusalemer Provinzialrat nicht Sitz und Stimme haben, so gilt von den Verhandlungen dieser Körperschaft doch in mancher Beziehung das Wort: nostra res agitur. Der Vorstand der judäischen Kolonien veranstaltete daher eine hebräische Uebersetzung der Protokolle dieser Verhandlungen, die in der offiziellen Jerusalemer Regierungszeitung, im „Kuds il-Scharif“, in arabischer und türkischer Sprache erschienen waren. Hier soll eine kurze U e b ersieht geboten werden, damit die Leser eine Vorstellung von den Arbeiten dieser Körperschaft und ihren Entwicklungsmöglichkeiten gewinnen können. Im ganzen wurden einundzwanzig Sitzungen abgehalten. Die erste Sitzung war der Organisierung der Arbeit gewidmet. Es wurden drei Kommissionen eingesetzt und zwar für Schulwesen, für öffentliche Arbeiten und für Landwirtschaft. In der zweiten Sitzung befaßte man sich mit dem Budget des Provinzialrates. Es wurden 12 500 Goldpiaster als dreimonatlicher Zuschuß für die Herausgabe des offiziellen „Kuds il-Scharif"' und ein gleicher Betrag für die Beamten und die Exekutive, bestehend aus vier Mitgliedern der Körperschaft, bewilligt. In der dritten Sitzung befaßte man sich mit dem Budget des Schulwesens. Auf Grund schriftlicher und mündlicher Referate des Vorstehers der Bildungsbehörde wurde beschlossen, das Budget für Schulwesen in diesem Jahre um 278 000 Goldpiaster zu erhöhen, damit man das Jerusalemer Lehrerseminar und die Schulgebäude in Gaza fertigstellen kann, ln derselben Sitzung wurde auch beschlossen, den Justizminister zu ersuchen, in Jaffa ein besonderes Handelsgericht einzurichten, da das jetzige Jaffaer Gericht die Fülle der Arbeit nicht bewältigen kann. Es ist dies ein alter Wunsch der Jaffaer Bevölkerung, und der jetzige Jerusalemer Gouverneur hat bereits vor mehreren Monaten, wie seinerzeit der „Welt" berichtet wurde, in dieser Beziehung Abhilfe versprochen. ln der vierten Sitzung wurde das Budget für öffentliche Arbeiten, welches Ingenieur Mustafa Effendi vorlegte, genehmigt. Aphebus Effendi, der Leiter der landwirtschaftlichen Arbeiten, wurde aufgefordert, über einige Kulturen, die der Provinzialrat in Palästina einführen will, ein Referat zu erstatten. Die fünfte und sechste Sitzung waren wieder mit Verhandlungen über Schulwesen ausgefüllt. ln der siebenten Sitzung befaßte man sich mit der Akzise von Schlachtvieh, mit den notwendigen Reparaturen an der Omarmoschee, mit der Verbesserung der Chaussee am Wadi-Salma, mit der Trockenlegung einiger Sümpfe bei Gaza und mit der Gründung eines Hospitals in Hebron. Die achte Sitzung beschäftigte sich mit einem Memorandum des Kaimakams von Beer-Scheba, das die Einführung von Baumkulturen in der dortigen Gegend zum Gegenstand hat. Vom Bürgermeister von Jerusalem lag ein schriftlicher Antrag vor, die Verwendung von Gelbäumen für Heizungszwecke zu ver- Von den Verhandlungen der neunten Sitzung ist bemerkenswert, daß beschlossen wurde, von der Begründung einer eigenen landwirtschaftlichen Schule vorläufig abzusehen, da einerseits die Einnahmen dafür nicht ausreichen, anderseits jetzt auch einige nicht jüdische Schüler in der landwirtschaftlichen Schule ,,M ikweh-Israel" Aufnahme gefunden haben. Es wurde daher beschlossen, die 30 000 Goldpiaster, die für die Begründung einer Ackerbauschule bestimmt worden waren, für die Unterstützung der Schüler in „M i k w e h -1 s r a e 1“ zu

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