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Die Welt · 1914-05-29 · 22 (29.5.1914) · p. 527

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
22 (29.5.1914)
Article
Probleme der jüdischen Wanderung [Rezension]
Date
1914-05-29
Page
527 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 22 die; 527 Probleme der jüdischen Wanderung Eine Buchbesprechung. Von Dr. E- Das Problem der Auswanderung der Juden aus den Länderr Osteuropas, in erster Linie Rußlands, dann Oesterreichs und Rumäniens in die Vereinigten Staaten von Nordamerika hat in zionistischen Kreisen stets intensive Aufmerksamkeit gefunden. Arthur Ruppin hat in seinem Werke über die Juden der Gegenwart unter den Ursachen der beschleunigten Assimilation die Zerstreuung durch Wanderungen aufgezählt und bei dieser Gelegenheit eine statistisch illustrierte Dar- ' Stellung der jüdischen Einwanderung in die Vereinigten Staaten gegeben. Dabei konnte er selbstverständlich dieses vielseitige Problem nicht vollständig ausschöpfen, um den Rahmen seines Buches nicht zu sprengen. Um so mehr ist es aber zu begrüßen, daß unsere bisher oberflächliche Kenntnis der jüdischen Emigrationsfrage durch das jüngst erschienene Buch von Liebmann Hersch: Le juif errant d’aujourd’hui (Paris, Giard' 8- Briere, 1913) nunmehr erweitert und vertieft wird. Im ersten der beiden großen Teile des Werkes wird die jüdische Wanderung zahlenmäßig festgestellt und sodann auf die jüdischen Wanderer selbst nach Geschlecht, Alter, Familie, Bildung und Beruf eingegangen; im zweiten Teil forscht der Verfasser nach den Gründen und Wirkungen der jüdischen Wanderung. Hersch legt die Jahre 1899—1910 seinen Berechnungen zugrunde und benutzt die Annual Reports of the Commissioner-Generalof Immigration. Für die Zeit vor 1899 lassen sich keine genaueren Resultate feststellen, da bis dahin die Gruppierung nur nach Staatsangehörigkeit erfolgte nicht, wie seit 1899 nach ethnographischen Rubriken, in denen die Juden ein besonderes Volk neben den anderen bilden Dies hat den besonderen Vorteil, daß außer der genauen Feststellung der jüdischen Einwanderungs- Ziffern ihr Vergleich mit denen der Völker, in deren Mitte sie wohnen, ermöglicht wird. So ergibt sich gleich von vornherein bei der Gegenüberstellung der absoluten Ziffern die interessante Tatsache, daß die jüdische Einwanderung im großen und ganzen denselben Schwankungen ausgesetzt ist wie die allgemeine. Die jüdische Einwanderung in die Vereinigten Staaten hebt sich 1899—1913 langsam von 24 000 auf 76000, die allgemeine von 311 000 auf 857 000; sie erreicht ihren Höhepunkt in rapidem Anwachsen 1906 und 1907 mit je etwa 150000 jüdischen und 1,1 bzw. 1,3 Millionen Einwanderern insgesamt, um 1908 und 1909 jäh auf 103 000 und 57000 bei einer Gesamteinwanderung von etwa je 760 000 zu fallen und 1910 auf 84 000 jüdische Einwanderer bei einer Gesamtzahl von 1 Million Einwanderern zu steigen. Die starken Schwankungen in den Ziffern der jüdischen Einwanderung sind hauptsächlich durch die russischen Zahlen hervorgerufen — die Pogromjahre 1904 und 1906 und ihre Nachwirkungen machen sich bemerkbar — während die österreichische und rumänische Einwanderung, die zusammen bis 1904 etwa die Hälfte, dann stets weniger bis zu 1/10, 1908 bis 1910 wieder ungefähr 1/4 der russischen ausmacht, durchschnittlich ziemlich stabil bleibt. Im ganzen wandern von 1899—1910 in die Vereinigten Staaten 770 000 Juden aus Rußland, 180 000 aus Oesterreich-Ungarn, '55 000 aus Rumänien, zusammen 1075000 Juden, das heißt 11,2 0/0 der Gesamteinwanderung von etwa 91/2 Millionen. Dieser Prozentsatz wird nur übertroffen durch den der Süd-Italiener (20 °,o), läßt dagegen den der Polen (9,9 0/0), Deutschen (7,9 °/o), Skandinavien (6,1 0/0) sowie den noch weit geringeren der anderen Völker in raschem Abstande hinter sich. Allerdings ist dieser Prozentsatz in den beiden letzten Jahren weil} geringer (7,7 o/0 und 8,1 0/0), und Hersch sucht die absolute und relative Abnahme der jüdischen Einwanderungsziffer durch eine Gegenüberstellung derjenigen der umwohnenden Völker Hamburger wie Polen, Ruthenen und Littauer ins rechte Licht zu setzen. Doch der Prozentsatz, der das Verhältnis der Auswanderer Izu den Zurückbleibenden angibt, ist bei den Juden noch außerordentlich hoch; er übertrifft in Rußland den der Polen, die nach den Juden im Verhältnis zu ihrer Bevölkerung den größten Satz aufweisen, um das dreifache. Dabei sind selbstverständlich nur die für immer Ausgewanderten, nicht die zeitweilig die Heimat Verlassenden berücksichtigt. Es kehrten nämlich nach dem Durchschnitt der Jahre 1908 bis 1910 von je 100 Emigranten 8 jüdische, dagegen 30 polnische (56 süditalienische!) Auswanderer zurück. Den Beweis dafür zu erbringen, daß gegenwärtig ein weniger starkes Steigen däeses Prozentsatzes der Auswanderer im Verhältnis zu den Zurückbleibenden bei den Juden im Vergleich zu den anderen Völkern zu konstatieren sei, ist freilich Hersch nicht gelungen. Um davon zu überzeugen, müßte er die leider unbekannten Rückwanderungsziffern vor 1908 beibringen können; erst durch den Nachweis, daß auch vor 1908 das Verhältnis der rückwandernden Juden zu den Polen sich auf je 100 Ankömmlinge wie 8: 30 verhielt und die Verhältnisziffer der Polen nicht etwa geringer war, könnte er seine These erhärten. Mindestens aber müßte er die Ziffern für die Jahre 1908—1910 einzeln und nicht im Durchschnitt geben, damit wenigstens für diese drei Jahre Einzelresultate gewonnen werden. Da er das jedoch aus unerklärlichen Gründen unterläßt, hätte er gut daran getan, mit der Widerlegung der oberflächlich aufgefaßten Ansicht der Zionisten über das Auswanderungsproblem etwas zu warten. — Interessant sind die Tatsachen, die Hersch über die jüdischen Auswanderer feststellt. Sie unterscheiden sich von denen der umwohnenden Völker durch den hohen Prozentsatz der Frauen und Kinder in ihrer Mitte, durch den damit zusammenhängenden starken Anteil der Beruflosen an der Auswanderung und den riesigen Prozentsatz der qualifizierten Arbeiter, der bei ihnen 67 <y0 aller Einwanderer in Berufen beträgt (bei den ihnen zunächst kommenden Schotten 58 °/o, Engländern 49 °/o, dagegen z. B. Süditalienem 15 °,o, Polen 6 °>); umgekehrt ist am kleinsten bei ihnen der Prozentsatz der „verschiedenen Berufen“ zugehörigen Einwanderer; er beträgt bei ihnen 32 0/0 aller Einwanderer in Berufen (dagegen bei den Italienern 85 °/o, Littauern 93 °/o, Polen 94 o; ferner sind die Angehörigen dieser Schicht bei den anderen Völkern in ihrer weitaus größten Mehrzahl Landarbeiter, bei den Juden dagegen Bediente und Händler, kurz nach Nordaus Ausdruck „Luftmenschen“. Von den gelernten Arbeitern wiederum gehörten außerordentlich viele der Bekleidungsindustrie an. „Man kann sagen, daß unter drei jüdischen Auswanderern im Beruf „ein Luftmensch und ein Schneider ist.“ Obendrein weist die Zahl dieser eine stark steigende Tendenz auf (1899: 47 0/0, 1906: 55 0,0, 1910: 61 o/o der qualifizierten Arbeiter), während die der gelernten Arbeitei!) der anderen Berufe absolut und relativ zurückgeht. So gehörten den drei nach der Bekleidungsindustrie am häufigsten von den Juden ausgeübten Berufen 1899 33 «b, 1906 29 "0, 1910 24 0/0 der gelernten jüdischen Arbeiter an. Für das Verständnis des ganzen Problems, das Hersch im zweiten Teile zu vermitteln sucht, genügen ihm die bisherigen Eigentümlichkeiten der jüdischen Auswanderung ungenügend berücksichtigenden Erklärungen nicht. Er konstatiert bei den Juden, insbesondere Rußlands, eine außerordentlich ungleichmäßige Verteilung der Berufe: einer minimalen Beschäftigung in der Landwirtschaft steht eine äußerst starke Beteiligung am Handel, und zwar besonders an dem mit landwirtschaftlichen Produkten (45 °o aller jüdischen

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