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Die Welt · 1914-05-29 · 22 (29.5.1914) · p. 526

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
22 (29.5.1914)
Article
Bürgen
Date
1914-05-29
Page
526 (sequence 2)
Language
German
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526 Nr. 22 DIE^ELT „Abraham, Isaak, Jakob & Söhn e". — Glaubt man denn wirklich, den ganzen Riesenkomplex der jüdischen Fragen in der Gegenwart mit der Phrase von reinem Prophetismus oder Messianismus, oder wie man diesen geistigen Extrakt sonst nennen mag, erledigen zu können? — Machen wir es uns doch einmal klar: ein Volk besteht zum überwiegenden Teil aus Wanderern und Bettlern und schmachtet unter unerträglichen Existenzbedingungen. Wollten wir diesem Volke Zurufen : Mach nicht so viel Geschrei, es wird einmal die messianische Zeit kommen, da dein Leid von dir genommen wird, so heißt das doch nichts anderes, als einen mit den Wellen Ringenden trösten: Ertrinke in Frieden und das Sterben möge die leicht sein, denn der Teich wird von der Stadtverwaltung trocken gelegt werden. Diejenigen, welche die Wunde Israels oberflächlich heilen und ihr Gewissen mit dem Gedanken beruhigen, das Leiden ist gottgewollte Pflicht, die haben es sehr leicht, vom warmen Stübchen aus Moral zu predigen. Sie sollten es aber mit erleben, wenn die Kosaken in die jüdischen Massen hineinreiten und ihre Peitschen knallen lassen, oder wenn tausende Ausgewiesener mit der Thora-Rolle im Arm über die öden Schneefelder ziehen, wie es der jüdische Maler so ergreifend darstellt. — Wir bestreiten natürlich nicht die Erhabenheit des messianischen Gedankens von der Einheit Gottes und dem Friedensreiche auf Erden. Aber wir bekämpfen die Verkehrtheit desjenigen, der in Erwartung des großen Loses, das er am Ende seines Lebens ziehen soll, Haus und Hof Jahrzehnte lang verkommen und verwahrlosen läßt. Wüst sieht es aus im Hause Israel. Risse und Trümmer allenthalben, und gleich Füchsen in den Trümmern schleichen die falschen Propheten, predigen den Weltfrieden und machen den Maurern und Werkmeistern durch listige Reden die Hände schlaff. Wir lassen uns aber nicht schlaff machen, wir wollen unsere Kinder als wackere Bauleute sehen, die vor den Riß treten, den Schutzwall bauen und ihren Mann stehen im Kampfe des Tages und am Tage des Kampfes. Die Zukunft Israels ist im Erziehungsproblem eingeschlossen, um den Besitz der jungen Mannschaft sind die heftigsten Parteikämpfe entbrannt. An Jugendorganisationen ist kein Mangel, wir haben liberale und orthodoxe, neutrale und nationale Vereine, die bemüht sind, das jüdische Problem zu erfassen und zu verarbeiten. Diese Organisationen füllen eine bedeutende Lücke aus, denn das Familienleben ist in Israel kein sicherer Bürge mehr für das Judentum unserer Kinder. Die Zahl der Fälle ist Legion, wo Väter und Mütter, als Juden und Menschen untadelig, an ihrem jungen Nachwuchs keine Freude erleben, besonders wenn sie es nicht verstehen, ihnen das jüdische Pflichtenleben als etwas Freudiges und Lebendiges einzupflanzen. Darum hat die Not der Zeit die jüdischen Jugendorganisationen geboren, sie sind für das heranwachsende Geschlecht Stätten der Konzentration und Selbstbesinnung. Nun wird von assimilatorischer Seite der Warnruf ausgestoßen: hütet eure Kinder, ihr Eltern, vor der Lektüre solcher Schriften, die von einer jüdischen Nation sprechen. Sogar gegen den unpolitischen Wanderbund „Blau- Weiß" soll an Berliner Schulanstalten von jüdischem Lehrpersonal ein Kesseltreiben veranstaltet werden. Wir können eine solche Bevormundung nicht gutheißen; es ist doch kleinlich, der Jugend eine gebundene Marschroute vorzuschreiben. Diese Jugend si o 11 um sich sehen, soll sich orientieren, alles mag sie kennen lernen, und nichts Jüdisches soll ihr verborgen bleiben. Und dann soll sie wählen, und welchen Weg sie Anschlägen wird, das darf uns nicht kümmern, wenn nur der Weg ein jüdischer ist. Wie es viele Straßen gibt, die nach Rom führen, so gibt es auch viele Wege, die aus einem unklar empfindenden jungen Menschen einen guten Jude n machen. — Das eine aber wissen wir: Pietät allein ist ein gebrechlich Rohr, und auch die Betonung der sittlichen Ideale einer sogenannten messianischen Religion wird nicht immer ausreichend sein, in den Herzen unserer Kinder die Flamme zu wecken, die sie begeistert, für Israel in Kampf und Tod zu gehen. Und halten wir Umschau unter unseren Söhnen und Töchtern, denen am fröhlichsten das jüdische Lied von den Lippen hallt, fragen wir sie, was hat euch den Rücken gestrafft und in eure Augen die Glut gegossen? — dann wird gleich tönendem Erz die Antwort klingen: die Allerweltstünche haben wir entfernt von dem Firmenschild; Israels Name leuchtet herrlich wie in alter Zeit, wenn nicht geliebt von den Völkern, so doch geachtet und anerkannt. Wir haben den Stamm wiedergefunden, nach dem unsere Sehnsucht weinen ging, für kommende Geschlechter den Boden neu entdeckt, auf dem die Väter saßen. Das Golus haben wir abgeschüttelt, und ihr fragt uns, warum wir fröhlich sind? Die Sprache der Väter hören wir aufs neue erklingen, in der David seine Psalmen dichtete, und wir selber dichten neue Psalmen, wie sie einst David sang: „Gott macht unsere Füße leicht wie Hindinnen und läßt uns einherschreiten auf Siegeshöhen. Sangmeister auf, rühre Dein Saitenspiel!" Soeben erschien: PROTOKOLL DES XI.ZIONISTENKONGRESSES Auf gewöhnlichem Papier, broschiert . . 1,50 M. Auf feinem holzfreien Papier, gebunden 3,— M. - Porto 20 Pf*„ Ausland 50 Pkx. - JÜDISCHER VERLAG, Berlin W15, Sächsische Str. 3

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