Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1914-05-29 · 22 (29.5.1914) · p. 525

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
22 (29.5.1914)
Article
Bürgen
Date
1914-05-29
Page
525 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316625-3316647-3354600--60954-3354676
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DIE WELT BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG Nr. 22 BERLIN, 29. Mai 1914 urrW? n"or,n 'N H ,-^12 XVIII. JAHRG. BURGEN Eine Betrachtung zum Wochenfest Von Nathan ben Mordechai In der Stunde, da Israel vor dem Sinai stand, um sein Gesetz in Empfang zu nehmen, so erzählt der Midrasch, da sprach der Ewige: Gern bin ich bereit, mein kostbarstes Gut Euch anzuvertrauen; aber unter einer Bedingung. Ihr müßt sichere Bürgen stellen, daß Ihr der Thora die Treue wahrt. Da sprachen die Kinder Israel: Unsere Väter Abraham, Isaak und Jakob mögen die Bürgen sein. Unmöglich, erwiderte die Gottheit. Die Erzväter sind tot; bringt bessere Gewährsmänner. — Die Propheten, die Du uns senden wirst, erwiderte das Volk, werden in Deinen Augen Wohlgefallen finden. Und Gott sprach: Leider muß ich auch diese Bürgen ablehnen. Wie Füchse in den Trümmern, so werden einst falsche Propheten einherschleichen und die Nation hinwegtäuschen über das Unheil, das ihr droht. Da rief Israel: So bleiben uns nur noch die Kinder, und der Allmächtige entgegnete: Diese Bürgen nehme ich an, Eure Knaben und Mädchen mögen mir Unterpfänder sein. Wie einst unsere Vorfahren am Sinai, so schaut das Israel unserer Tage nach Bürgen aus. Bürgen ‘werden heute gesucht, welche die Erhaltung und Fortdauer der Nation garantieren sollen. Und auch heute streift man auf der Suche in dreifacher Richtung: man lenkt das Augenmerk auf die heimgegangenen Geschlechter, man ruft ein sogenanntes messianisches Judentum als Universalheilmittel aus, und endlich spitzt sich die. ganze Frage auf das eine Problem zu : wie erziehen wir unsere Kinder? Bei oberflächlicher Betrachtung scheint das erste Anerbieten Israels am Berge Sinai zu genügen: unsere verstorbenen Väter mögen bürgen. Solange in der Gemeinschaft Pietät vor dem Andenken der Abgeschiedenen vorhanden ist, können wir um die Zukunft Israels unbesorgt sein. Leer oder halbleer stehen die Synagogen am Sabbath, gefüllt sind sie, so oft „Seelenfeiern" stattfinden. — Gewiß freuen wir uns über die Anziehungskraft dieser Liturgie, bietet sie doch fast die einzige Gelegenheit, das Gewissen derjenigen Juden wachzurütteln, deren gesamtes Judentum durch den Begriff „Pietät" ausgefüllt wird. Aber es bleibt doch recht zweifelhaft, ob auf der schwanken Grundlage der Ahnenverehrung allein ein starkes Jüdisches Bauwerk errichtet werden kann. Wäre nur Pietät die Luft, in der wir atmen, dann wäre diese Luft doch stark mit Modergeruch durchsetzt. Bei dem Worte „Pietät" da steht der Tote im Hintergrund, und geben wir uns doch keiner Selbsttäuschung hin, welchen nachhaltigen Einfluß haben denn die Toten auf die Lebenden! Mit der Pietät vor den verstorbenen Eltern wissen zahlreiche „Glaubensbrüder" es wohl zu vereinbaren, ihre Kinder dem Taufbecken zuzuführen. Darüber ist kein weiteres Wort zu verlieren. Die Ehrfurcht vor einer Vergangenheit ist eine gebrechliche Stütze, wenn nicht die Gegenwart ihre eigenen starken Lebenswerte hat. Eine zweite Gruppe in Israel glaubt die jüdischen Lebenswerte der Gegenwart in. erschöpfender Weise geltend zu machen, wenn sie die Losung ausgibt: messianisches Judentum! Darunter versteht sie den Glauben an den einzigen Gott, verbrämt mit Menschenliebe und der frohen Erwartung des Völkerfriedens. — Es gibt auch viele Christen, welche diese jüdischen Ideen akzeptiert haben und von dogmatischer Kirchlichkeit nichts wissen wollen. Erkühnten wir uns aber, sie deswegen als „Juden" zu bezeichnen, dann würden wir eine Antwort zu hören bekommen, welche uns „asiatischen Fremdlingen" noch lange im Ohr klingen würde. — Wer hat nicht schon folgende Beobachtung gemacht: ein Firmenschild soll getilgt werden. Der Anstreicher kommt mit dem Pinsel und übertüncht den Namen auf dem Schilde, aber siehe da, wer scharf hinsieht, gewahrt ganz deutlich, wie unter der Tünche groß und kräftig die alten Buchstaben allmählich wieder sichtbar werden. So geht es auch in Israel. Die jüdische Firma der Väter behagt den Vertretern des „messianischen" Judentums nicht mehr, die Lettern sind ihnen zu aufdringlich. Darum mischen sei einige ethische Gemeinplätze zusammen, streichen die farblose Masse auf das Firmenschild und schreiben darüber: „Messianismus" oder „Prophetismus". Aber, tünchet nur im Schweiße Eures Angesichts, es hilft Euch ja doch nicht! Ehe wasserfarbenen Buchstaben verblassen, und groß und bedeutsam ragen unter dem Anstrich die alten Lettern auf, und wenn auch I h r nicht lesen wollt, Ihr Allerweltstüncher, die Andersgläubigen können schon lesen, und sie buchstabieren den Namen der alten Firma nicht: „Anhänger des prophetischen oder messianischen Judentums", sondern:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.