Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 20 (15.5.1914)
- Article
- Wilhelm Wachtel
- Date
- 1914-05-15
- Page
- 492 (sequence 2)
- Language
- German
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492 DIE3KKELT M*. 20 Da streckte ihn der Tod hin und unter schweren Schollen am Oelberge liegt viel keimende Schönheit begraben ... Wilhelm Wachtel hat in europäischen Großstädten, während er Porträts malte, Kunstsammlungen studierte oder mit den Sorgen des Alltags kämpfte, gleichsam die Jerichoposaunen gehört, das purpurne, edelsteinflimmernde Mückennetz des Holofernes gesehen, welches Judith dem Jubelzug der Juden nach Jeruscholajim vorantrug, die Liebesrufe in den früchteschweren Weinbergen Judäas vernommen. Er vergaß die Semirothlieder seiner Kindheit; aber nicht um fremden Klängen zu lauschen, sondern weil ihn die Akkorde der Githith erfüllten. Der junge, kerngesunde, herzhafte Wachtel träumt in München, Paris und Wien, was Hirszenberg in der altneuen Heimat erlebt hat. Möge er doch hinüberziehen, sein Traumland mit frischen Augen umfangen, die neue Schönheit Palästinas mit allen Sinnen in sich aufnehmen, damit sich ihm, wie dem toten Meister, die einstige Schönheit ganz erschließe. ■■■■■Ul LITERARISCHE RUNDSCHAU Monumenta Talmudica. Unter Mitwirkung zählreicher Mitarbeiter, herausgegeben von Dr. S. Funk, Rabbiner in Boskowitz, Dr. W. A. Neumann, Universitätsprofessor a. D., Hofrat etc., Wien (vom II. Bande an: Prof. Dr. Nivard Schlögl, Wien), DDr. A. Wünsche, Prof. a. D., Dresden (vom II. Bande an: Prof. Dr. Karl Alb recht, Oldenburg). Bd. I.: Bibel und Babel, bearbeitet von Salomen Funk. — Bd. II, 1. Heft: Recht, bearbeitet von Salomon G a n d z. Orion-Verlag, Wien und Leipzig. 1913. Dieses Werk will in des Wortes vollster Bedeutung ein Standard work werden. Es will nicht weniger, als den gesamten Lehrinhalt des talmudischen Schrifttums, — im weiteren Sinne des Wortes —, nach Materien geordnet, im Originaltexte mit deutscher Uebersetzung Spezialforschern und dem gebildeten Laienpublikum zugänglich machen. Das Herausgeberkollegium, das je einen Vertreter des Judentums, des Katholizismus und des Protestantismus vereint, bürgt dafür, daß die Arbeiten sich auf der geraden Linie objektiver Wissenschaftlichkeit halten werden, ohne einerseits in Apologetik abzubiegen und ohne sich andererseits von unfreundlicher Gesinnung, wie sie von christlichen Gelehrten dem jüdischen Schrifttum gegenüber bekundet wird, den Blick trüben zu Nun liegen von dem Werke, das auf sechs Bände berechnet ist, bereits e i n ganzer Band und das erste Heft des zweiten Bandes vor, und man kann sich schon einigermaßen darüber ein Urteil bilden, ob das Unternehmen das halten wird und kann, was es verspricht. Vom ersten Bande „Bibel und Babel" möchte ich nun absolut nicht sagen, daß er dem vorgezeichneten Zwecke entspricht. Es muß freilich anerkannt werden, daß die Arbeit ein riesiges Material zusammenträgt, das zweifellos von wissenschaftlicher Gründlichkeit und bedeutender Gelehrsamkeit zeugt. Aber der Band trägt eben z u viel zusammen. Weniger wäre mehr gewesen. Da wird z. B. sehr, sehr häufig, um irgendeinen im Talmud vorkommenden babylonischen Stadtnamen hervorzuheben, gleich eine ganze oder halbe Seite zitiert, die überall eher hingehört, als in die talmudische Geographie Babyloniens. So ist ein ganzer Band herausgewachsen, wo ein halber reichlich genügt hätte, und selbstredend ist ein Labyrinth entstanden, durch das sich der Fachgelehrte nur sehr mühsam und der Laie ganz und gar nicht wird hindurchwinden können. Bei solchen Werken aber ist gerade die klare Uebersich tlichkeit jmd die knappe Präzision allererste Notwendigkeit. Sonst wäre es ja von vornherein besser und zweckmäßiger, den ganzen Talmud mit deutscher Uebersetzung herauszugeben. Teilt man den Stoff in einzelne Fächer, nun, dann soll man eben nicht immerzu von einem Fache in das andere hinüberspringen. Daß der Name „Bibel und Babel“ dem Inhalte dieses Bandes ganz und gar nicht angepaßt ist, und nur von einem snobistischen nom de guerre von vor etlichen Jahren hergeholt wurde, soll zwar als bloß nebensächlich, aber immerhin als störend hervorgehoben werden. Von der Bibel wird ja in diesem Werke überhaupt nicht gehandelt, sondern nur vom Talmud, und selbst der Einfluß der babylonischen Kultur auf die jüdische Weltanschauung, — auch in ihrer talmudischen Ausprägung, — ist nur sehr unzulänglich hervorgehoben und bearbeitet. Wesentlich besser, wenn auch noch durchaus nicht vollkommen, führt sich der zweite Band mit seinem ersten Hefte ein. Dieses behandelt zunächst nur das öffentliche Recht in drei Abschnitten: 1. Der König, 2. Gerichtswesen und Synhedrium und 3. die Priester. Es ließe sich freilich darüber streiten, ob gerade diese Anordnung die sachlich zwingendste oder auch nur berechtigtste war. Man könnte wohl mit Recht behaupten, daß, da es sich nicht nur um den Talmud, sondern auch um die talmudische Zeit handelt, die Institution des Patriarchats wichtiger für die Erkenntnis der Verfassung ist, als das Priestertum, dem mehr als die Hälfte des Heftes gewidmet wird. Allein — der Stoff an sich ist so sehr spröde, daß sich objektive Einteilungskriterien nur in allgemeinster Weise aufstellen lassen, im übrigen muß aber der subjektiven Auffassung der einzelnen Bearbeiter ein sehr weiter Spielraum gelassen werden. Die Bearbeitung in diesem Hefte ist aber wirklich tadellos. Der behandelte Stoff ist so angeordnet, daß sich aus den Bruchstücken ein klares Bild gewinnen läßt. Und das ist ja die eigentliche Aufgabe des Werkes. Freilich halte ich die übermäßig vielen und eingehenden Fußnoten mit ihren textkritischen Untersuchungen — die übrigens im vorliegenden Falle nicht immer sichere, oder auch nur mit einem höheren Grade von Wahrscheinlichkeit fundierte Ergebnisse zutage fördern! — für durchaus überflüssig und sogar störend. Was ich aber durchaus wegwünschen möchte, ist die verkünstelte Schreibweise der transkribierten hebräischen, bzw. aramäischen Worte. Das sieht schon beinahe wie eine südslawische Sprache aus mit den verschiedenen Häkchen und Punkten von oben und unten. Ebenso störend und sicherlich unnötig ist das Weglassen der matres lectionis. Wer ans Talmudlesen an der Urquelle gewöhnt ist, erkennt den Text nicht bald wieder. Es ist hier nicht der Ort, auf wissenschaftliche Einzelfragen einzugehen, über die sich freilich vielerlei sagen ließe. Im ganzen und großen ist die Arbeit des Herrn Dr. Gandz eine sehr gute und wird sicherlich auch einem Laienpublikum die Kenntnis des talmudischen Rechts erschließen. Ich hebe noch lobend hervor, daß die äußere Ausstattung des Werkes, Format, Papierqualität, Schriftart u. dgl., geradezu verschwenderisch schön ist, wofür dem Orion-Verlag Dank gebührt. Krakau. Dr. O. Thon. 9999999997241